Archiv 2015:


Liebe Freundinnen und Freunde von Haukari e.V.

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Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


Wir wünschen eine schöne Weihnachtszeit,
HAUKARI e.V.

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2015 von Admin

25
Nov
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Rundbrief Nr. 64, November 2015

Liebe Freundinnen und Freunde von Haukari e.V.,

„What times these are?“ schrieb uns eine südafrikanische Kollegin nach den Anschlägen von Paris. Es sind Zeiten der Rat- und Sprachlosigkeit.

Auch uns fällt es schwer, angesichts der Eskalation von Krieg und Terror in Syrien, Irak und nun auch in Europa, angesichts von Elend und Tod zahlloser Schutz suchender Menschen an den Grenzen Europas, einen Rundbrief zu unserer Arbeit in Kurdistan-Irak zu schreiben.

Unsere Gedanken finden Sie / findet Ihr dort.

hier gehts zum Rundbrief.

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2015 von Admin

23
Nov
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Unser Mitglied Salahdin Koban hat die Haukari-Projekte in Kurdistan / Irak besucht. Ein Interview.

 

Salahdin Koban im Gespräch mit MitarbeiterInnen von Khanzad.

Hier geht es zum Interview.

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2015 von Admin

23
Okt
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Reportage von Andrea Böhm im neuen ZEITMagazin

Im ZEITMagazin Nr. 43/2015 vom 22. Oktober 2015 ist eine spannende Reportage von Andrea Böhm erschienen. Bei ihren Recherchen in Kurdistan-Irak hat sie auch das Frauenzentrum Khanzad und die Initiative Anfal Memorial in Rizgari besucht.

zum Artikel.

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jahres hauptversammlung von haukari am 12-09-15

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde,

wir möchten Sie / Euch einladen zur
Ordentlichen Jahres-Hauptversammlung von HAUKARI e.V.
am Samstag, den 12.09.2015, 11:00 Uhr in Berlin. Die genaue Adresse steht noch nicht fest.

Vorgesehene Tagesordnung.:
1. Organisatorisches (Wahl der Versammlungsleitung und der Protokollführung)
2. Berichte
a) des Vorstands
b) der Kassiererin
c) der RevisorInnen
Der schriftliche Tätigkeits- und Finanzbericht wird separat an alle Mitglieder verschickt
3. Diskussion über die Berichte
4. Entlastung des Vorstands und der Kassiererin
5. Wahlen des Vorstands, der Kassierer/in, der Revisor/innen
6. Ausblick auf die Arbeit in 2015
 In Kurdistan
 20 Jahre HAUKARI e.V. 1995 bis 2015
7. Verschiedenes
In der Hoffnung auf eine rege Teilnahme verbleiben wir
mit besten Grüßen
Susanne Bötte
stv. Vorsitzende

2015 von Admin (Kommentare: 0)

22
Jul
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14km Film- und Diskussionsreihe 2015: "Schildkröten können fliegen"

(for English version see below)

Hier gehts zur Facebook-Seite.

Am Mittwoch, dem 22. Juli 2015 um 18:30 Uhr zeigt der Verein 14 Kilometer e.V. im Filmrauschpalast Moabit den vielfach prämierten Spielfilm "Schildkröten können fliegen" (Iran/Irak/Frankreich, 2005, OmU, 98 min, 35mm-Zelluloid) von Bahman Ghobadi.

Karin Mlodoch wird über die Arbeit von Haukari und die aktuelle Situation in Kurdistan / Irak berichten.


Der Film erzählt die Geschichte des 13-jährigen Satellit, der als Anführer einer Kindergruppe im nordirakischen Grenzland Minen sucht, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen, und der vom Krieg traumatisierten Agrin. Kurz vor dem Einmarsch der US-amerikanischen Armee in den Irak begegnen sich die beiden in einem Flüchtlingslager.
In dem anschließenden Publikumsgespräch mit geladenen Impulsgebern soll das Gefühlschaos von Kindern während Krieg und Flucht sowie die aktuelle Lage im Nordirak diskutiert werden.

Die Teilnahme ist frei, um eine freiwillige Spende wird gebeten.

Weitere Infos: http://14km.org/?p=4792

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On Wednesday, 22 July 2015 at 18:30 (6:30 pm), 14km screens the award-winning feature movie “Turtles Can Fly” (Iran/Iraq/France, 2004, in the original with German subtitles, 98 mins, 35mm celluloid) by Bahman Ghobadi at Filmrauschpalast cinema Berlin Moabit.

The movie tells the story of thirteen-year-old Satellite, who is the leader of a children’s gang that collects mines in the borderland of Northern Iraq to sell them at the local black market, and the war-traumatized Agrin. Shortly before the 2003 American invasion of Iraq both meet in a refugee camp.
The following open conversation and audience discussion with invited experts will scrutinize the effects of war and escape on children as well as the actual situation in Northern Iraq. The discussion will be held in German.

Attendance is free, donations are welcome.

Further information: http://14km.org/?p=4826&lang=en

 

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2015 von Admin

10
Jul
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Nothilfe wird fortgesetzt

Die Nothilfe für Flüchtlinge in Kurdistan / Irak wird mit Mitteln der Volkshilfe Österreich, Nachbarn in Not und medico international fortgesetzt. Auf unserer Youtube-Seite ist auch ein kurzer Film dazu. Hier geht es zum Film.

Und hier noch ein paar Bilder von der Verteilung im Camp Aliawa im Juni 2015.

 

 

 

 

 

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2015 von Admin

23
Jun
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Nothilfe für Flüchtlinge in Kifri

Neben der Versorgung in den Camps für Flüchtlinge in Khanaqin unterstützt Haukari e.V. im Rahmen der Nothilfe auch Flüchtlinge in der Stadt Kifri. 

Hier sind ein paar Bilder von der letzten Verteilung am 23. Juni 2015.

 

 

 

 

 

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2015 von Admin

19
Jun
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Bauplatz für das Erinnerungsforum Anfal steht fest

Gute Nachrichten für das Erinnerungsforum Anfal. Das Grundstück ist nun endgültig von der Stadtverwaltung in Rizgari für den Bau des Erinnerungsforums zugewiesen worden. Im Mai hatten Christoph Zeller, der zusammen mit Ingrid Moye den Bauentwurf für das Erinnerungsforum Anfal gemacht hat und Prof. Michael Fehr, der das Projekt künstlerisch betreut, Kurdistan besucht. Auf dem Program standen neben Treffen mit den am Projekt beteiligten Frauen auch Workshops zum Thema Erinnerungskultur, eine Besichtigung des Bauplatzes, ein Treffen mit der Stadtverwaltung in Rizgari und ein Besuch des Heimatmuseums in Kifri. Auf dem Bauplatz wurde auch schon ein Baustellenschild errichtet, das über das Bauvorhaben informiert. Der nächste Schritt ist nun die Erstellung eines detailierten Bauplans durch das Architektenbüro Zeller & Moye.

Christoph Zeller auf dem Bauplatz

Christoph Zeller auf dem Bauplatz des Erinnerungsforums Anfal

Prof. Michael Fehr und der Architekt des Erinnerungsforums Anfal Christoph Zeller

Auf dem Bauplatz des Erinnerungsforums Anfal

 

Auf dem Bauplatz des Erinnerungsforums Anfal

 

Treffen mit der Stadtverwaltung von Rizgari

 

Besuch des Heimatmuseums Kifri

 

Baustellenschild für den Bauplatz des Erinnerungsforums Anfal in Rizgari, Kurdistan / Irak

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Das Frauenzentrum KHANZAD feiert Jubiläum

Seit 16 Jahren arbeitet das von HAUKARI unterstützte Frauenzentrum KHANZAD mit Frauen in den Gefängnissen von Sulaimania. Aus diesem Anlass war KHANZAD-Mitarbeiterin Shano Gharib zu Gast im Morgenmagazin des TV-Senders KurdSat in Sulaimania.

Auf der Facebookseite von KHANZAD gibt es weitere Meldungen, allerdings nur in Kurdisch. Facebook/KHANZAD

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2015 von Admin

01
Mai
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Fotoprojekt im "Young Generation Forum"

Im Rahmen des Projekts Erinnerungsforum Anfal im Germian-Gebiet gibt es ein Young Generation Forum, das speziell Anfal-Überlebende der zweiten und dritten Generation anspricht. Hier läuft seit einigen Monaten ein Fotoprojekt: Junge Menschen lernen den Umgang mit der Kamera und fotografieren dann ihre Stadt, ihre Lebenswirklichkeit - ihre Perspektive auf Anfal. Später sollen die Fotos dann ausgestellt werden. Hier Bilder vom Fotokurs in Kifri im April 2015. Der Kurs fand im Stadtmuseum von Kifri statt. Hier hatten Im Sommer letzten Jahres vor dem IS geflohene Familien Zuflucht gesucht. Jetzt hat HAUKARI im Rahmen der Nothilfe für Flüchtlinge und ihre Aufnahmegemeinden das Stadtmuseum renoviert. Mittel dazu kamen von medico international und der Volkshilfe Wien.

Weitere Bilder hier KHANZAD Website

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2015 von Admin

29
Apr
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Offener Brief der Überlebenden von Giftgasangriffen

Am Mittwoch werden Menschen aus Syrien, dem Irak und dem Iran an mehreren europäischen Botschaften einen Protestbrief zur Mithilfe europäischer Staaten an der Produktion von Giftgas in ihren Ländern übergeben. Gleichzeitig wird es Kundgebungen in Ghuta bei Damaskus, in Halabja im irakischen Kurdistan und in Ypern geben. Zum ersten Mal wird eine solche Botschaft, koordiniert von AktivistInnen aus diesen drei Ländern, überbracht. Eine Initiative der Gruppe „Breathless“. Hier ist der Link zum Offenen Brief der Gruppe: 

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2015 von Admin

23
Apr
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Veranstaltung mit Karin Mlodoch im ZMO

Fotos von Karin Mlodochs Vortrag über das Thema „Von Opfern zu Überlebenden: Trauma und Aufarbeitung im Erinnerungs- forum für Anfal überlebende Frauen in Kurdistan-Irak“ im Zentrum Moderner Orient. Der Vortrag basiert auf ihrer soeben erschienenen ZMO-Studie “Beyond Trauma Discourse – Women Anfal Survivors in Kurdistan-Iraq”. Von 2008 bis 2011 war Karin Mlodoch wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Moderner Orient.
Besonders gefreut haben wir uns über das Kommen von Omer Maget, der während der Anfal-Operationen durch einen Giftgasangriff schwer verletzt wurde und der auf der Veranstaltung eindrücklich darüber berichtete.

Hier geht es zu den Bildern.

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2015 von Admin

22
Apr
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Internationale Konferenz: 100 Jahre Giftgaskrieg

Karin Mlodoch hat auf der Internationalen Konferenz "100 Jahre Giftgaskrieg: Forschung, Einsatz, Folgen chemischer Massenvernichtungswaffen" des Fritz-Haber-Instituts der Max-Planck-Gesellschaft und des Max-Planck-Instituts für Wissenschafts-geschichte einen Vortrag über die Überlebenden von Halabja halten. Titel: "The Indelible Smell of Apples – Kurdish Poison Gas Survivors in Halabja between Trauma and Struggle for Acknowledgment". Hier einige Fotos.

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Anfal Ausstellung in Duhok eröffnet

Die Ausstellung mit Fotos von Anfal überlebenden Frauen wird jetzt in Duhok gezeigt. Eine Delegation von Frauen aus Rizgari hat sich dort bei der Eröffnung mit Anfal Überlebenden aus dem Badinan-Gebiet getroffen. Hier ist der Bericht auf der Seite des Frauenberatungs- und Bildungszentrums Khanzad.

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2015 von Admin

31
Mär
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Trauma in Kurdistan-Irak: Die überlebenden Frauen der „Anfal-Operation“

Es war ein langer Weg....

Die Doktorarbeit von Karin Mlodoch ist jetzt als Buch unter dem Titel: "The Limits of Trauma Discourse - Women Anfal Survivors in Kurdistan-Iraq" in der Reihe ZMO-Studien erschienen.
Haukari e.V. gratuliert ganz herzlich.
Die Pressemitteilung zur Buchveröffentlichung findet ihr unter: http://www.klaus-schwarz-verlag.com/

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2015 von Admin

06
Jan
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Haukari Planungsworkshop in Sulaimania

Im Frauenzentrum Khanzad haben wir die Schwerpunkte unserer Arbeit und die Projekte für das Jahr 2015 besprochen. Hier ein paar Fotos vom Planungsworkshop in Sulaimania.

Hier zum Fotoalbum.

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2015 von Admin

02
Jan
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Die Webseite des Erinnerungsforums Anfal jetzt Online

Das Neue Jahr kam dann doch wieder völlig überraschend. Wir wünschen unserern Freundinnen und Freunden und allen UnterstützerInnen von Haukari noch nachträglich einen guten Start ins Neue Jahr. Unter www.anfalmemorialforum.com ist jetzt die Webseite zu unserem Memorial Projekt für Anfal überlebene Frauen online.

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Archiv 2014:

Liebe Freundinnen und Freunde von HAUKARI e.V.,

unterstützen Sie uns kostenlos mit Ihren Weihnachtseinkäufen!

Einige von Ihnen kennen das boost-Prinzip sicherlich schon, allen anderen sei es kurz erklärt: Jedes Mal wenn Sie etwas online einkaufen und vorher über die Webseite des gemeinnützigen Shoppingportals boost gehen, entsteht eine Spende, die keinen Cent extra kostet. Das Geld stammt aus den Marketingbudgets der mehr als 500 Shops.
Es ist ganz einfach: Gehen Sie einfache über diesen Link zu einem Shop, dann kommt die entstehende Spende automatisch HAUKARI e.V. zugute.
Noch einfacher geht es übrigens, wenn Sie das boost-Plugin installieren: es erinnert Sie automatisch ans boosten, sobald die Website eines Shops aufgerufen wird. Dann bedarf es nur 2 Klicks und schon entsteht eine Spende. Bitte nutzen Sie diese einfache Möglichkeit, uns kostenlos zu unterstützen!

Weitere Möglichkeiten, die Arbeit von HAUKARI e.V. zu unterstützen, finden Sie auf unserer Spendenseite







 

Wir trauern um Dr. Kamal Fuad

In der Nacht vom 15./16. November 2014 ist Kamal Fuad im Alter von 82 Jahren in Berlin verstorben.

Kamal Fuad war Wissenschaftler und Politiker, Universitätslehrer, akribischer Chronist der kurdischen Geschichte, Mitbegründer der Kurdischen Studentenvereinigung in Deutschland 1956 und der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) 1975 und ab 1992 Mitglied der Kurdischen Nationalversammlung in Erbil.

Wir werden seinen Rat und seine Unterstützung vermissen, sein unerschöpfliches Wissen, seine Unbestechlichkeit, seine Wärme und seinen Humor.








 

Auszeichnung für Haras Aram, Rechtsanwältin des Frauenzentrums KHANZAD


Am 11.10.2014, dem Welt-Mädchentag, erhielt unsere Mitarbeiterin Haras Aram, Rechtsanwältin im Frauenzentrum KHANZAD in Sulaimania, einen Preis für ihr Engagement für Frauenrechte.
Der Preis wurde von der lokalen NRO KEDO - Kurdistan Economic Development Organization verliehen.

Wir gratulieren Haras Aram und dem ganzen Team des Frauenzentrums KHANZAD für die Auszeichnung.

KHANZAD berät und begleitet Frauen in Krisen-und Gewaltsituationen, insbesondere in den Gefängnissen und staatlichen Zufluchtshäusern in der Provinz Sulaimania.

Auf unserer Facebookseite haben wir einige Fotos von der Verleihung hochgeladen.



Hier geht es zur : Facebookmeldung




 


 

Abschlussveranstaltung der Ausstellung "Vom Leben nach Anfal" im Frauenmuseum Bonn.

Datum: Sonntag, 09.11.2014
Uhrzeit: 14:30 Uhr
Ort: Frauenmuseum Bonn, Im Krausfeld 10, 53111 Bonn

Zum Abschluss der Ausstellung "Von Leben nach Anfal" im Frauenmuseum Bonn möchten wir Sie zu einer Veranstaltung mit Karin Mlodoch von HAUKARI e.V. einladen.

Karin Mlodoch war bis vor kurzem noch in Kurdistan - Irak und wird auf der Veranstaltung über die aktuelle Lage dort berichten. Sie hat auch die von HAUKARI e.V. betreuten Nothilfeprojekte für Flüchtlinge im Germian-Gebiet besucht.

Hier geht es zum Artikel im Rundschreiben 03/14 von medico international
"Rundschreiben"




 


 

"Frauendiskussions-Abend - Ladies Only"
Kurdistan-Irak nach dem Vormarsch des "Islamischen Staates" - zwischen Unabhängigkeitsdebatte und gesamtirakischer Allianz


Datum: Dienstag, 04.11.2014
Uhrzeit: 19:00 Uhr
Ort: Club Voltaire, Kleine Hochstr. 5, 60313 Frankfurt
Tel: 069-29 24 08

Die Terrorgruppe "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (ISIS) hat ihren eigenen "Islamischen Staat" (IS) ausgerufen, halb so groß wie die Bundesrepublik, und überwindet dabei Staatsgrenzen. Die Dschihadisten besitzen modernes Kriegsgerät und mit ihrer Brutalität werben sie RekrutInnen aus der ganzen Welt an. Tausende "Ungläubige" haben sie exekutiert, hunderttausende in die Flucht getrieben: KurdInnen wie AraberInnen, ChristInnen wie JesidInnen, SunnitInnen wie SchiitInnen.

Doch wie ist die Organisation entstanden? Was bedeutet das Erstarken von ISIS für Kurdistan und den Irak, für die Bevölkerung und die zivilen AktivistInnen?

Susanne Bötte ist Mitbegründerin der Hilfsorganisation Haukari e.V., die seit mehr als 15 Jahren ein Frauenzentrum und zivilgesellschaftliche Projekte in Kurdistan-Irak unterstützt. Seit Juli 2014 leistet HAUKARI e.V. Nothilfe insbesondere für sunnitisch-arabische Flüchtlinge in Khanaqin im Südosten Kurdistan-Iraks.




 


 

"Solidarisch in blanker Not"
Im Rundschreiben 03/14 von medico international berichtet Dr. Karin Mlodoch über die Hilfe für Flüchtlinge im Germian Gebiet, Kurdistan-Irak.


Mit Mitteln aus Spendengeldern von HAUKARI und medico international leisten seit Mitte Juli MitarbeiterInnen von HAUKARI zusammen mit dem Frauenzentrum KHANZAD, der Kurdistan Health Foundation (KHF) und dem Anfal-Erinnerungsforum Hilfe für Flüchtlinge in Khanaqin im Germian-Gebiet.

Schwerpunkte der Hilfe sind die Unterstützung der Gesundheitsstationen in den Flüchtlingslagern Bahary Nwe und Aliawa mit Medikamenten, medizinischen Geräten und Beratung, die Verteilung von Säuglingsnahrung und die Bereitstellung von Lebensmitteln für die gemeinschaftlichen Großküchen in den Zeltlagern.

Für die Fortführung der Arbeit bitten wir dringend um Spenden. Stichwort: "Germian" Spendenkonto: HAUKARI e.V. Kontonr.: 654 092 600 BLZ: 500 100 60 bei Postbank Frankfurt.
IBAN: DE98 500100600654092600 BIC: PBNKDEFF

Hier geht es zum Artikel im Rundschreiben 03/14 von medico international
"Solidarisch in blanker Not"




 


 

Wer ist ISIS? - Grenzenloser Terror im Irak und in Syrien
Diskussionsveranstaltung von "adopt a revolution". Wie schon in Berlin wird Dr. Karin Mlodoch von Haukari e.V. als Referentin teilnehmen.


Datum: Mittwoch, 15.10.2014
Uhrzeit: 19:00 Uhr
Ort: die naTo, Karl-Liebknecht-Straße 46, 04275 Leipzig

Referenten:
Karin Mlodoch, HAUKARI e.V. - Arbeitsgemeinschaft für Internationale Zusammenarbeit
Ferdinand Dürr, Syrischer Frühling - Adopt a Revolution
Moderation:
Tobias Prüwer, Kreuzer Leipzig, Jungle World, Der Freitag.

Hier geht es zur Veranstaltungseinladung auf Facebook: Einladung




 


 

HAUKARI Fotoausstellung Erinnerungsforum Anfal ab 21.09.2014 im Frauenmuseum Bonn
im Rahmen des Ausstellungsprojekts Single Moms zeigt das Frauenmuseum Bonn die
Ausstellung: "Leben nach Anfal"
Eine Ausstellung von Porträtfotos von Anfal-Überlebenden und zum geplanten Erinnerungsforum in Rizgary, Kurdistan-Irak.


Datum: 21.9.  - 9.11.2014 Öffnungszeiten: Di. - Sa. 14 - 18 Uhr, So 11 - 18 Uhr
Ort: Frauenmuseum, Im Krausfeld 10, 53111 Bonn
Eröffnung: Sonntag 21.9. 12 Uhr
mit Marianne Pitzen, Frauenmuseum, Karin Mlodoch, HAUKARI e.V., Michael Fehr, Kurator Weitere Informationen dazu in der Anlage und auf unserer website www.haukari.de Wir freuen uns auf Ihr / Euer Kommen!
Hier geht es zur Einladung Hier geht es zur Pressemitteilung




 


 

HAUKARI Sonntagssalon am 7.9.2014 um 17:00 Uhr
Kurdistan-Irak nach dem Vormarsch des "Islamischen Staates"
- Zwischen Unabhängigskeitsdebatte und gesamtirakischer Allianz


Karin Mlodoch war im August in Kurdistan-Irak und berichtet über Reaktionen und Debatten nach dem Vormarsch der Terrorgruppe "Islamischer Staat" auf die Kurdische Region und die Massaker an der jesidischen Bevölkerung in Shangal und Sinjar. Sie beleuchtet die Hintergründe des Erstarkens von IS im Irak und schildert die aktuelle kontroverse Debatte um kurdische Perspektiven zwischen dem Wunsch nach staatlicher Unabhängigkeit und dem Ringen um eine gesamtirakische Allianz gegen den "Islamischen Staat".
Sie berichtet über die Situation Hunderttausender Flüchtlinge in der kurdischen Region, die Solidarität der kurdischen Bevölkerung, aber auch über die Konflikte, die sich mit dem Flüchtlingsstrom entwickeln.
Seit Juli 2014 leistet HAUKARI e.V. zusammen mit medico international Nothilfe insbesondere für sunnitisch-arabische Flüchtlingen in Khanaqin im Südosten der Kurdischen Region.
Hier geht es zur Einladung




 


 

Spendenaufruf:
Hilfe für Flüchtlinge im Germian-Gebiet, Kurdistan-Irak


Liebe Freundinnen und Freunde von HAUKARI e.V.,
Seit Mitte Juli leisten MitarbeiterInnen von HAUKARI zusammen mit dem Frauenzentrum KHANZAD, der Kurdistan Health Foundation (KHF) und dem Anfal-Erinnerungsforum Hilfe für Flüchtlinge in Khanaqin im Germian-Gebiet. Schwerpunkte der Hilfe sind die Unterstützung der Gesundheitsstationen in den Flüchtlingslagern Bahary Nwe und Aliawa mit Medikamenten, medizinischen Geräten und Beratung, die Verteilung von Säuglingsnahrung und die Bereitstellung von Lebensmitteln für die gemeinschaftlichen Großküchen in den Zeltlagern. Für die Fortführung der Arbeit bitten wir dringend um Spenden.
Hier geht es zum Spendenaufruf
Weitere Hintergrundinformationen finden Sie in unserem letzten Rundbrief und in einem Artikel von Karin Mlodoch, der in der Zeitung "analyse & kritik (ak 596 vom 19.08.2014)" unter dem Titel "Die Angst ist gross" veröffentlicht wurde.




 


 

HAUKARI-Fachtagung jetzt auf Youtube
Thema: "25 Jahre Giftgasangriff auf Halabja und Anfal-Operationen in Kurdistan-Irak"
Aufzeichnung der Fachtagung am 22.10.2013 in der Heinrich Böll Stiftung, Berlin


Liebe Freundinnen und Freunde von HAUKARI e.V.,
Für alle die unsere Fachtagung im Oktober 2013 verpasst haben, gibt es jetzt die Möglichkeit, sich die Aufzeichnung der gesamten Veranstaltung auf Youtube anzusehen. Im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe "25 Jahre Giftgasangriff auf Halabja und Anfal-Operationen in Kurdistan-Irak" hatten wir zu einem Erfahrungsaustausch zwischen Überlebenden genozidaler Verfolgung aus Kurdistan-Irak, Ruanda sowie Bosnien und Herzegowina eingeladen. Das Fachgespräch sollte dabei helfen, von der Sicht auf Kurdistan-Irak als isoliertem Fall ein Stück zurückzutreten und neue Perspektiven für individuelle wie kollektive und politische Bearbeitung von Gewalterfahrungen zu gewinnen.
Hier geht es zum Youtube Kanal von HAUKARI e.V.




 


 

Haukari-Fotoausstellung "Vom Leben nach Anfal"
Ausstellungsdauer: Vom 30. März bis 11. April 2014
Ausstellungsort: Auferstehungs-Kirche, Höher Weg 8, 58511 Lüdenscheid


Liebe Freundinnen und Freunde von HAUKARI e.V.,
wir möchten Sie einladen zur Ausstellung mit Porträtfotos von Anfal-Überlebenden aus Kurdistan-Irak, die wir gemeinsam mit dem Verein "Wir hier!" in Lüdenscheid vom 30. März bis 11. April 2014 zeigen. Zur Ausstellungseröffnung in der Auferstehungs-Kirche mit dem Gottestdienst um 10:00 Uhr werden auch Karin Mlodoch und Susanne Bötte anwesend sein. Weitere Informationen zu öffentlichen Führungen und dem Ramenprogramm entnehmen Sie bitte dem Programmflyer.
zum Programmflyer
Für Fragen und weitere Informationen stehen wir gerne zur Verfügung. Bitte geben Sie die Einladung auch an andere Interessierte weiter.



 


 

Matinee im Café am Wiesengrund in Frankfurt/Main
Thema: Verbrechen am kurdischen Volk
Sonntag, den 9. März 2014, 11 bis 13 Uhr


Karin Mlodoch berichtet über die Situation der Überlebenden des Gifgasangriffs auf Halabja und der Anfal-Operationen in Kurdistan-Irak vor 26 Jahren und das von HAUKARI e.V. unterstützte Projekte "Erinnerungsforum Anfal" in Rizgary. Das Gespräch wird moderiert von der Journalistin Ulrike Holler. Veranstalter sind der Verein Kunstgesellschaft e.V. und die Bürger- und Menschenrechtsorganisation Business Crime Control e.V..
Weitere Informationen finden Sie unter www.businesscrime.de
Für Fragen und weitere Informationen stehen wir gerne zur Verfügung. Bitte geben Sie die Einladung auch an andere Interessierte weiter.



 


 

Der neue Rundbrief Dezember 2013 ist da!

Das Erinnerungsforum für Anfal überlebende Frauenin Rizgary, Kurdistan-Irak nimmt Gestalt an!

Seit 2009 unterstützen wir eine Gruppe von Anfal überlebenden Frauen in Rizgary im Germian-Gebiet, die sich für eine selbst gestaltete Gedenk- und Begegnungsstätte engagieren. Das „Erinnerungsforum Anfal“ soll ihr Leid und ihre Stärken während und nach Anfal repräsentieren und ihnen Ort gemeinsamer Trauer und gemeinsamer Aktivitäten sein. ... Nach 5 Jahren intensiver und oft mühsamer Diskussionen um die bauliche Gestaltung wurde nun ein Bauentwurf des deutschen Architekturbüros Zeller & Moye von allen Beteiligten begeistert aufgenommen.
zum Rundbrief

Wir wünschen allen FreundInnen und UnterstützerInnen von Haukari geruhsame Feiertage, einen guten Rutsch und ein gesundes, frohes und spannendes Neues Jahr!

 


 

Sonntagssalon mit Mary Kreutzer und Alicia Allgäuer
"In Freiheit leben - das war lange nur ein Traum"
Geschichten von Frauen, die Zwangsprostitution, Gewalt und Ehrenmord entkommen sind


Haukari e.V. lädt herzlich zum Sonntagssalon alle Interessenten ein.
Die Veranstaltung findet am 17.11.2013 um 17:00 Uhr in der Stiftung Umverteilen, Merseburger Straße 3, 10823 Berlin statt.
Weitere Informationen finden Sie hier: zum Flyer

 


 

Operation Anfal - Drei überlebende Frauen berichten
Veranstaltung in Hamburg am 28.10.2013


In 2013 jähren sich die Anfal-Operationen und der Giftgasangriff auf Halabja zum 25. Mal. Aus diesem Anlass haben wir eine Gruppe von Anfal-Überlebenden, die im Projekt Erinnerungsforum aktiv sind, zu einer Reihe von Veranstaltungen eingeladen.
Wir möchten Sie heute zu einer Veranstaltung einladen, die im Rahmen der 10. arabischen Kulturwochen in Hamburg stattfindet. Operation Anfal - Drei überlebende Frauen berichten Montag, 28.10.2013, 18.30 Uhr,„Philosophenturm“, Hörsaal D in VMP 6, Von-Melle-Park 6, Universität Hamburg. Mina Ali Baba Faris (50), Sabria Ahmed Kareem (43) und Gulnaz Aziz Qadir (43) berichten über das Projekt Erinnerungsforum Anfal. Moderiert wird die Veranstaltung von Kamal Sido (GfbV) Seit 2009 unterstützt HAUKARI e.V. eine Gruppe von Anfal überlebenden Frauen in dem ehemaligen Umsiedlungslager Sumud, heute umbenannt in Rizgari, im Südosten der kurdischen Region, die sich für eine selbst verwaltete und gestaltete Gedenk- und Begegnungsstätte engagieren. Das Erinnerungsforum Anfal soll ihnen Ort der gemeinsamen Erinnerung, Trauer und des symbolischen Abschlusses sein, aber auch Ort gemeinsamer Aktivitäten und der Begegnung mit anderen gesellschaftlichen Gruppen aus Kurdistan und dem Irak. In mehr als 30 Veranstaltungen werden in den 10. arabischen Kulturwochen Hamburg unter dem Titel "Die Frau in der arabischen Gesellschaft" die aktuelle Entwicklungen in Politik, Kultur und Religion im Nahen und Mittleren Osten vorgestellt und diskutiert.
Weitere Informationen finden Sie unter www.arabische-kulturwochen-2013.jimdo.com
Für Fragen und weitere Informationen stehen wir gerne zur Verfügung. Bitte geben Sie die Einladung auch an andere Interessierte weiter.



 


 

25 Jahre Giftgasangriff auf Halabja und Anfal-Operationen in Kurdistan-Irak

In 2013 jähren sich die Anfal-Operationen und der Giftgasangriff auf Halabja zum 25. Mal. Aus diesem Anlass haben wir eine Gruppe von Anfal-Überlebenden, die im Projekt Erinnerungsforum aktiv sind, zu einer Reihe von Veranstaltungen in Berlin eingeladen.
Auf einer Fachtagung sollen die Erfahrungen der Überlebenden diskutiert werden. Thematische Schwerpunkte sind individuelle und gesellschaftliche Bewältigungsstrategien nach extremer Gewalt und der Austausch mit Erfahrungen in Ruanda, Bosnien, Südafrika.
Mit einer öffentlichen Veranstaltung mit Überlebenden von Halabja und der Anfal-Operationen möchten wir mit der Situation und den Forderungen der Überlebenden vertraut machen.
Auf einem Filmtag mit kurdischen Filmen zum Thema Anfal und Halabja möchten wir die Aufmerksamkeit auf den kurdischen Film im Irak lenken und zusammen mit kurdisch-irakischen Filmschaffenden die Möglichkeiten und Grenzen kultureller Thematisierung von genozidaler Verfolgung diskutieren.

Fachgespräch und Erfahrungsaustausch zur Bewältigung extremer Gewalt: Stimmen aus Kurdistan, Ruanda, Bosnien Dienstag, 22.10.2013, 10 bis 18 Uhr, Heinrich Böll Stiftung, Schumannstr. 8, 10117 Berlin Für diese Fachtagung ist eine Anmeldung erforderlich an mlodoch@haukari.de oder info@haukari.de

Aufarbeitung zwischen nationalem Opferdiskurs und individueller Erfahrung, Podiumsdiskussion: Freitag, 25. Oktober 2013, 18 Uhr, Haus der Demokratie, Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin

Filmtag: Kurdische Filme über Halabja und Anfal – zwischen historischer Dokumentation und kritischer Debatte Samstag, 26. Oktober 2013, 13 bis 22 Uhr, Babylon, Rosa Luxemburg Strasse30, 10178 Berlin
Weitere Informationen zu den Veranstaltungen finden Sie in den beigefügten Flyern.

Flyer Filmtag
Flyer Podiumsdiskussion
Flyer Fachgespräch



 


 

Der neue Rundbrief (Mai 2013) ist erschienen!

... In Kurdistan-Irak steht das Jahr 2013 im Zeichen des Gedenkens an zwei Tragödien vor 25 Jahren: 5000 Menschen starben beim Angriff der irakischen Armee auf Halabja am 16.3.1988. Im selben Jahr zerstörte die irakische Armee unter dem Codewort Anfal tausende kurdischer Dörfer.

...zu den Rundbriefen



 


 

Der neue Rundbrief (Mai 2013) ist erschienen!

... In Kurdistan-Irak steht das Jahr 2013 im Zeichen des Gedenkens an zwei Tragödien vor 25 Jahren: 5000 Menschen starben beim Angriff der irakischen Armee auf Halabja am 16.3.1988. Im selben Jahr zerstörte die irakische Armee unter dem Codewort Anfal tausende kurdischer Dörfer.

...zu den Rundbriefen



 


 

Mai 2013: Fotoauststellung "von Leben nach Anfal" und Podiumsdiskussion in Frankfurt a.M.

Unsere Fotoausstellung "Vom Leben nach Anfal" war vom 17.05. bis 31.5.2013 in der Katharinenkirche in Frankfurt zu sehen, Veranstalter war das evangelische Dekanat Frankfurt.

Zur Vernissage am Freitag, den 17.5. kamen viele interessierte Besucher.

Fotos von der Ausstellungseröffnung finden Sie auf unserer Facebook-Seite

... zu den Fotos

Am Mittwoch, den 22.5. fand um 19 Uhr in der ev. Stadtakademie in Frankfurt am Main eine Podiumsdiskussion mit dem Titel ¨Zukunft schaffen in einem vergifteten Land - 25 Jahre nach dem Giftgasangriff auf Halabja¨ statt. Neben Uta Zapf, MdB saß u.a. auch Karin Mlodoch von HAUKARI e.V. dort auf dem Podium.

zur Einladung



 


 

Deutsche Parlamentarier diskutieren Anerkennung von Halabja/Anfal als Genozid

Endlich! Ein erster Schritt ist getan. Parlamentarier der verschiedenen Bundestagsfraktionen trafen sich am 17.04. zum ersten Mal zu einer interfraktionellen Gesprächsrunde, um die Anerkennung von Halabja/Anfal als Genozid durch den Deutschen Bundestag zu diskutieren. Debattiert wurden vor allem die völkerrechtlichen Aspekte eines solchen Entschlusses. Die zur Gesprächsrunde geladenen Völkerrechtler haben dazu Stellung genommen und die deutschen Parlamentarier ermutigt, Halabja/Anfal-Kampagne als Genozid anzuerkennen.

Initiiert wurde die Gesprächsrunde durch die Debatte des Deutschen Bundestages, die am 14. März 2013 anlässlich des 25. Jahrestages der Giftgasbombardierung von Halabja stattfand.

...zur Videoaufzeichnung der Bundestagsdebatte

Hierzu auch noch ein Veranstaltungshinweis

Die politischen Konsequenzen der Ereignisse von vor 25 Jahren werden auch am Mittwoch, den 22.5. um 19 Uhr in der ev. Stadtakademie in Frankfurt am Main bei einer Podiumsdiskussion mit dem Titel ¨Zukunft schaffen in einem vergifteten Land - 25 Jahre nach dem Giftgasangriff auf Halabja¨ debattiert. Neben Uta Zapf, MdB wird u.a. auch Karin Mlodoch von HAUKARI e.V. dort auf dem Podium sitzen.

 

Archiv

2013:

Der neue Rundbrief Dezember 2013 ist da!

Das Erinnerungsforum für Anfal überlebende Frauenin Rizgary, Kurdistan-Irak nimmt Gestalt an!

Seit 2009 unterstützen wir eine Gruppe von Anfal überlebenden Frauen in Rizgary im Germian-Gebiet, die sich für eine selbst gestaltete Gedenk- und Begegnungsstätte engagieren. Das „Erinnerungsforum Anfal“ soll ihr Leid und ihre Stärken während und nach Anfal repräsentieren und ihnen Ort gemeinsamer Trauer und gemeinsamer Aktivitäten sein. ... Nach 5 Jahren intensiver und oft mühsamer Diskussionen um die bauliche Gestaltung wurde nun ein Bauentwurf des deutschen Architekturbüros Zeller & Moye von allen Beteiligten begeistert aufgenommen.
zum Rundbrief

Wir wünschen allen FreundInnen und UnterstützerInnen von Haukari geruhsame Feiertage, einen guten Rutsch und ein gesundes, frohes und spannendes Neues Jahr!

 


 

Sonntagssalon mit Mary Kreutzer und Alicia Allgäuer
"In Freiheit leben - das war lange nur ein Traum"
Geschichten von Frauen, die Zwangsprostitution, Gewalt und Ehrenmord entkommen sind


Haukari e.V. lädt herzlich zum Sonntagssalon alle Interessenten ein.
Die Veranstaltung findet am 17.11.2013 um 17:00 Uhr in der Stiftung Umverteilen, Merseburger Straße 3, 10823 Berlin statt.
Weitere Informationen finden Sie hier: zum Flyer

 


 

Operation Anfal - Drei überlebende Frauen berichten
Veranstaltung in Hamburg am 28.10.2013


In 2013 jähren sich die Anfal-Operationen und der Giftgasangriff auf Halabja zum 25. Mal. Aus diesem Anlass haben wir eine Gruppe von Anfal-Überlebenden, die im Projekt Erinnerungsforum aktiv sind, zu einer Reihe von Veranstaltungen eingeladen.
Wir möchten Sie heute zu einer Veranstaltung einladen, die im Rahmen der 10. arabischen Kulturwochen in Hamburg stattfindet. Operation Anfal - Drei überlebende Frauen berichten Montag, 28.10.2013, 18.30 Uhr,„Philosophenturm“, Hörsaal D in VMP 6, Von-Melle-Park 6, Universität Hamburg. Mina Ali Baba Faris (50), Sabria Ahmed Kareem (43) und Gulnaz Aziz Qadir (43) berichten über das Projekt Erinnerungsforum Anfal. Moderiert wird die Veranstaltung von Kamal Sido (GfbV) Seit 2009 unterstützt HAUKARI e.V. eine Gruppe von Anfal überlebenden Frauen in dem ehemaligen Umsiedlungslager Sumud, heute umbenannt in Rizgari, im Südosten der kurdischen Region, die sich für eine selbst verwaltete und gestaltete Gedenk- und Begegnungsstätte engagieren. Das Erinnerungsforum Anfal soll ihnen Ort der gemeinsamen Erinnerung, Trauer und des symbolischen Abschlusses sein, aber auch Ort gemeinsamer Aktivitäten und der Begegnung mit anderen gesellschaftlichen Gruppen aus Kurdistan und dem Irak. In mehr als 30 Veranstaltungen werden in den 10. arabischen Kulturwochen Hamburg unter dem Titel "Die Frau in der arabischen Gesellschaft" die aktuelle Entwicklungen in Politik, Kultur und Religion im Nahen und Mittleren Osten vorgestellt und diskutiert.
Weitere Informationen finden Sie unter www.arabische-kulturwochen-2013.jimdo.com

Für Fragen und weitere Informationen stehen wir gerne zur Verfügung. Bitte geben Sie die Einladung auch an andere Interessierte weiter.

 


 

25 Jahre Giftgasangriff auf Halabja und Anfal-Operationen in Kurdistan-Irak

In 2013 jähren sich die Anfal-Operationen und der Giftgasangriff auf Halabja zum 25. Mal. Aus diesem Anlass haben wir eine Gruppe von Anfal-Überlebenden, die im Projekt Erinnerungsforum aktiv sind, zu einer Reihe von Veranstaltungen in Berlin eingeladen.
Auf einer Fachtagung sollen die Erfahrungen der Überlebenden diskutiert werden. Thematische Schwerpunkte sind individuelle und gesellschaftliche Bewältigungsstrategien nach extremer Gewalt und der Austausch mit Erfahrungen in Ruanda, Bosnien, Südafrika.
Mit einer öffentlichen Veranstaltung mit Überlebenden von Halabja und der Anfal-Operationen möchten wir mit der Situation und den Forderungen der Überlebenden vertraut machen.
Auf einem Filmtag mit kurdischen Filmen zum Thema Anfal und Halabja möchten wir die Aufmerksamkeit auf den kurdischen Film im Irak lenken und zusammen mit kurdisch-irakischen Filmschaffenden die Möglichkeiten und Grenzen kultureller Thematisierung von genozidaler Verfolgung diskutieren.

Fachgespräch und Erfahrungsaustausch zur Bewältigung extremer Gewalt: Stimmen aus Kurdistan, Ruanda, Bosnien Dienstag, 22.10.2013, 10 bis 18 Uhr, Heinrich Böll Stiftung, Schumannstr. 8, 10117 Berlin Für diese Fachtagung ist eine Anmeldung erforderlich an mlodoch@haukari.de oder info@haukari.de

Aufarbeitung zwischen nationalem Opferdiskurs und individueller Erfahrung, Podiumsdiskussion: Freitag, 25. Oktober 2013, 18 Uhr, Haus der Demokratie, Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin

Filmtag: Kurdische Filme über Halabja und Anfal – zwischen historischer Dokumentation und kritischer Debatte Samstag, 26. Oktober 2013, 13 bis 22 Uhr, Babylon, Rosa Luxemburg Strasse30, 10178 Berlin
Weitere Informationen zu den Veranstaltungen finden Sie in den beigefügten Flyern.

Flyer Filmtag
Flyer Podiumsdiskussion
Flyer Fachgespräch

 


 

Der neue Rundbrief (Mai 2013) ist erschienen!

... In Kurdistan-Irak steht das Jahr 2013 im Zeichen des Gedenkens an zwei Tragödien vor 25 Jahren: 5000 Menschen starben beim Angriff der irakischen Armee auf Halabja am 16.3.1988. Im selben Jahr zerstörte die irakische Armee unter dem Codewort Anfal tausende kurdischer Dörfer.

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Mai 2013: Fotoauststellung "von Leben nach Anfal" und Podiumsdiskussion in Frankfurt a.M.

Unsere Fotoausstellung "Vom Leben nach Anfal" war vom 17.05. bis 31.5.2013 in der Katharinenkirche in Frankfurt zu sehen, Veranstalter war das evangelische Dekanat Frankfurt.

Zur Vernissage am Freitag, den 17.5. kamen viele interessierte Besucher.

Fotos von der Ausstellungseröffnung finden Sie auf unserer Facebook-Seite

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Am Mittwoch, den 22.5. fand um 19 Uhr in der ev. Stadtakademie in Frankfurt am Main eine Podiumsdiskussion mit dem Titel ¨Zukunft schaffen in einem vergifteten Land - 25 Jahre nach dem Giftgasangriff auf Halabja¨ statt. Neben Uta Zapf, MdB saß u.a. auch Karin Mlodoch von HAUKARI e.V. dort auf dem Podium.

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Deutsche Parlamentarier diskutieren Anerkennung von Halabja/Anfal als Genozid

Endlich! Ein erster Schritt ist getan. Parlamentarier der verschiedenen Bundestagsfraktionen trafen sich am 17.04. zum ersten Mal zu einer interfraktionellen Gesprächsrunde, um die Anerkennung von Halabja/Anfal als Genozid durch den Deutschen Bundestag zu diskutieren. Debattiert wurden vor allem die völkerrechtlichen Aspekte eines solchen Entschlusses. Die zur Gesprächsrunde geladenen Völkerrechtler haben dazu Stellung genommen und die deutschen Parlamentarier ermutigt, Halabja/Anfal-Kampagne als Genozid anzuerkennen.

Initiiert wurde die Gesprächsrunde durch die Debatte des Deutschen Bundestages, die am 14. März 2013 anlässlich des 25. Jahrestages der Giftgasbombardierung von Halabja stattfand.

...zur Videoaufzeichnung der Bundestagsdebatte

Hierzu auch noch ein Veranstaltungshinweis

Die politischen Konsequenzen der Ereignisse von vor 25 Jahren werden auch am Mittwoch, den 22.5. um 19 Uhr in der ev. Stadtakademie in Frankfurt am Main bei einer Podiumsdiskussion mit dem Titel ¨Zukunft schaffen in einem vergifteten Land - 25 Jahre nach dem Giftgasangriff auf Halabja¨ debattiert. Neben Uta Zapf, MdB wird u.a. auch Karin Mlodoch von HAUKARI e.V. dort auf dem Podium sitzen.

 


 

Erster HAUKARI-Sonntagssalon am 05.05.2013


Liebe Freundinnen und Freunde von Haukari e.V., sehr geehrte Damen und Herren,

wir möchten Euch/Sie ganz herzlich einladen zu unserem ersten SONNTAGSSALON zum Thema "Irak zehn Jahre nach dem Fall des Ba'ath Regimes- ein Krieg ohne Ende?"

am Sonntag, den 5.Mai 2013 um 17 Uhr

in der Stiftung Umverteilen in der Merseburger Straße 3 in 10823 Berlin

Zu Gast ist Inga Rogg, Irak-Expertin und langjährige Korrespondentin der Neuen Züricher Zeitung.

Im ersten HAUKARI-Salongespräch wirft die Journalistin einen differenzierten Blick auf die aktuellen Konfliktlinien im Irak.

Ausgehend von der eigenen Projektarbeit in Kurdistan und im Irak plant HAUKARI e.V. in diesem Jahr eine Reihe von Salongesprächen, um differenziert über die Situation in Kurdistan und im Irak und die aktuellen gesellschaftlichen Debatten zu informieren, die Situation von Frauen und Überlebenden politischer Gewalt sichtbar zu machen und den Austausch zu den Themen Frauenrechte und Erinnerungspolitik mit Fachkräften aus anderen Regionen und Kontexten zu befördern.

Wir freuen uns auf Euch/Sie!

zur Einladung

 


 

Neuer Artikel zur Situation im Irak 25 Jahre nach Anfal
In ihrem Artikel "25 Jahre nach den Anfal-Massakern im Nordirak: Selbstbewusste Frauen und die Entwicklung einer kritischen Öffentlichkeit" resumiert Schluwa Sama auf alsharq.de die Situation im heutigen Irak 25 Jahre nach Anfal. Erwähnt werden auch HAUKARI und das Projekt Erinnerungsforum. Ein sehr lesenswerter Artikel!

...zum Artikel

 


 

Haukari-Informationstreffen
Liebe Freundinnen und Freunde von Haukari e.V.,

Wir möchten Sie/Euch herzlich einladen zu einem Informationstreffen am Samstag, 26. Januar 2013, ab 14:30 Uhr in der Stiftung UMVERTEILEN!, Merseburger Str. 3, 10823 Berlin (HH, Quergebäude, 2. Et). Wir informieren über den Stand unserer Projektarbeit, stellen unsere Pläne vor und freuen uns auf Ihre/Eure Kommentare, Ideen und Mitarbeit! Anschließend zeigen wir ab 16:30 Uhr den Film "Da Chirka - 10 seconds" (Kurdistan-Irak 2012) von Ako Aziz Karim.

zur Einladung

 


 

Vortrag von Karin Mlodoch in Wien
Karin Mlodoch, Diplompsychologin und Vorstandsmitglied von HAUKARI e.V. hält am 8.1.2013 an der Universität Wien einen Vortrag zum Thema "Wir sind alle Anfal" - Trauma und Sprache in den Erzählungen Anfal überlebender Frauen in Kurdistan-Irak".Die Veranstaltung findet am Institut für Afrikawissenschaften, Seminarraum 1, Spitalgasse 2, Hof 5, 1090 Wien im Rahmen der Vorlesung zu "Sprache und Handlung, Sprache als Handlung" statt.

mehr auf der Website der Uni Wien

 


 

2012:

Anfal-Delgation in Deutschland
Besuch einer Delegation aus dem Projekt Erinnerungsforum Anfal

Anfang November hatten wir Besuch von einer 6-köpfigen Delegation aus dem Projekt Erinnerungsforum Anfal in Rizgari/Kurdistan-Irak. Angereist sind zwei Anfal-Überlebende Frauen, drei der Fotografen und der Projektkoordinator aus Kurdistan. In Hamburg begleiteten sie die Fotoausstellung "vom Leben nach Anfal" im Projekthaus Hamburg. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl von Portraitfotos von Anfal-Überlebenden mit Erinnerungsstücken an ihre verschwundenen Angehörigen, die im Rahmen des Projektes enstehen. Darüber hinaus besuchte die Delegation verschiedene Gedenkstätten und -initiativen in Hamburg und Berlin und erhielt dadurch Ideen und Anregungen für die Gestaltung des Erinnerungsforums in Rizgari. Ein voller Erfolg war auch die Veranstaltung "Von der Trauer um die Toten zur Würdigung der Überlebenden. Anfal überlebende Frauen in Kurdistan-Irak fordern Gewissheit, Gerechtigkeit und Anerkennung" am 06.11.2012 in der Humboldt-Universität Berlin. Mehr als 60 Interessierte kamen zu dem Infogespräch, um mit Beteiligten des Erinnerungsforums Anfal in Rizgari das Projekt zu diskutieren und sich zur heutigen Situation Anfal-Überlebender Frauen in Kurdistan-Irak zu informieren.

Fotos von der Reise und den Veranstaltungen gibt es auf unserer Facebook-Seite. ... zu den Fotos

 


 

Infogespraech in Berlin
Einladung zum Infogespräch zum Thema "Von der Trauer um die Toten zur Würdigung der Überlebenden" am 06.11. um 18 Uhr in Berlin

In der kommenden Woche bekommen wir wieder Besuch aus Kurdistan-Irak. Es kommen drei am Projekt Erinnerungsforum Anfal aktiv beteiligte Anfal-Überlebende Frauen sowie drei der Fotografen.

Am 06.11. um 18 Uhr werden die Gäste aus dem Projekt berichten. Dazu möchten wir Sie alle herzlich einladen. Das Infogespräch wird in Kooperation mit dem Sonderforschungsbereich 640 in der Humboldt-Universität, Hausvogteiplatz 5-7, Raum 0109 stattfinden. ... zur Einladung

 


 

Veranstaltungen Hamburg
Einladung zur Fotoausstellug "vom Leben nach Anfal" und Filmvorführung "Son of Babylon" in Hamburg

wir möchten Euch/Sie auf zwei Veranstaltungen Anfang November in Hamburg aufmerksam machen, die wir in Zusammenarbeit mit umdenken-Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg e.V. durchführen werden.

Fotoausstellung "Vom Leben nach Anfal"

vom 01. bis 04. November 2012 im Projekthaus Hamburg, Bahrenfelder Straße, 22765 Hamburg - Altona

Filmvorführung "Son of Babylon"

am 02.11.2012 19.30 Uhr im Kommunalen Kino METROPOLIS, Kleine Theaterstraße 10, 20354 Hamburg... zur Website

... zur Einladung

 


 

Neuerscheinung
In ihrem Artikel FRAGMENTED MEMORY, COMPETING NARRATIVES: THE PERSPECTIVE OF WOMEN SURVIVORS OF THE ANFAL OPERATIONS IN IRAQI KURDISTAN, neu erschienen im Sammelband "Writing the Modern History of Iraq", untersucht Karin Mlodoch die Perspektive überlebender Frauen auf die Anfal-Operationen von 1988.
... mehr Infos zum Buch

 


 

Haukari im BMZ
HAUKARI e.V. beim Tag der offenen Tür im Berliner BMZ

August 2012: Der Tag der offenen Tür im Berliner BMZ, bei dem wir in diesem Jahr erstmalig mit einem Stand vertreten waren, bot uns eine gute Gelegenheit einer breiten Öffentlichkeit unsere Arbeit und besonders die des Frauenzentrums KHANZAD näher zu bringen.
Denn trotz der enormen Hitze wurde die Veranstaltung sehr gut besucht. An unseren Stand kamen Besucherinnen und Besucher mit ganz unterschiedlichem Hintergrundwissen und Interessen, dementsprechend vielfältig waren auch unsere Gespräche.

Fotos von unserem Stand gibt es auf unserer Facebook-Seite. ... zu den Fotos

 


 

Vortrag von Karin Mlodoch
Juli 2012: Audiodatei zum Vortrag "Der Kampf um Anerkennung- die Anfal-Frauen in Kurdistan Irak" von Karin Mlodoch
Der Vortrag zum Thema "Der Kampf um Anerkennung- die Anfal-Frauen in Kurdistan Irak" des Haukari-Mitglieds Karin Mlodoch auf dem medico-international-Symposium "Das Unbehagen in der Globalisierung" am 11.05.2012 ist nun als Audio-Datei verfügbar. Dargestellt wird die individuale und kollektive Traumabearbeitung der Anfal-Frauen in Wechselwirkung mit den gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Frau Mlodoch geht insbesondere auch auf das Projekt Erinnerungsforum Anfal in seiner soziopsychologischen Funktion ein.
... zur Audiodatei

 

Einen Auszug aus dem oben genannten Vortrag von Karin Mlodoch gibt es auch zum Nachlesen im neuen Medico Rundschreiben 02/2012.
... zum Medico Rundschreiben

 





Oxfam Publikation
April 2012: Als Förderer von Haukari e.V. beschreibt Oxfam Deutschland in seiner Publikation "Projekte, Kampagnen 2011" die Arbeit von KHANZAD auf Seite 3
... zur Publikation

 


 

terre des femmes Nothilfeflyer Zwangsverheiratung
Januar 2012: Zwangsverheiratung ist auch in Deutschland kein Einzelphänomen - Der Nothilfe-Flyer von TERRE DES FEMMES hilft Betroffenen. Dort wird auch KHANZAD als Anlaufstelle für betroffene Mädchen und Frauen in Kurdistan-Irak genannt.
... zum Artikel von TERRE DES FEMMES

2011:

Einladung zum Arbeitsgespräch mit dem Minister für Märtyrer und Anfal der Kurdischen Regionalregierung im Irak, Herrn Sabah Ahmad Mohammed und BeraterInnen
am Dienstag, den 29.11.2011, 16.30 bis 18.30 Uhr

... zum pdf-file

 


 

Liebe Freundinnen und Freunde von Haukari e.V., sehr geehrte Damen und Herren,
wir möchten Sie / Euch auf eine Veranstaltung hinweisen zu einem Vortrag von Karin Mlodoch zum Thema "Iraq: Dealing with a Violent Past Under Conditions of Continuing Violence - Conflicting Memories, Competing Narratives"
am 24. November 2011 um 18 Uhr im Zentrum Moderner Orient, Kirchweg 33, 14129 Berlin.

Die Veranstaltung ist Teil des ZMO-Kolloquiums 2011/12 "Not all about Islam: Current Political Conflicts in Africa, the Middle East and Asia".
Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt.

Weitere Information auf der Webseite des ZMO

 


 

Fortbildungsreise der MitarbeiterInnen des Frauenzentrums KHANZAD nach Deutschland und in die Schweiz vom 22.10.2011 bis 02.11.2011
Wann: Sonntag, 19.08.2011, 10-18 Uhr
Wo: im Europahaus, Stresemannstra§e 94, Berlin

Unser Stand befindet sich im Zelt Nr. 5 (NGO-Zelt) auf dem Parkplatz des Europahauses.
Wir werden ueber unsere Projekte, insbesondere ueber das Frauenzentrum KHANZAD in Sulaimania informieren und unsere Arbeit und Ideen mit interessierten BesucherInnen diskutieren. Ausserdem wird es ein buntes Rahmenprogramm mit Musik und Essen geben.
Wir freuen uns darauf, die Eine oder der Anderen von Euch / Ihnen dort zu treffen.

 


 

Einladung zum Runden Tisch
Thema: Beratung von Frauen in Krisen- und Gewaltsituationen in Kurdistan-Irak und Deutschland

Datum: Montag, den 31.10.2011, 17.00 - 19.00 Uhr
Ort: Oxfam Deutschland e.V., Greifswalder Straße 33a, Berlin

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2010:

Veranstaltung vom 3.5.2010:
Beratung von Frauen in Krisen- und Gewaltsituationen in Kurdistan-Irak und Deutschland - Modelle und Erfahrungen in der Zusammenarbeit staatlicher Stellen und privater Träger

Einladungsschreiben 

2009:

Veranstaltung der Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients, Freie Universität Berlin

Saima Mirvic Rogge und Karin Mlodoch
Gewalt an Frauen, Erinnerung und Aufarbeitung:
Bosnien-Herzegowina und Kurdistan-Irak im Vergleich

Einladungsschreiben 

„Ocean of Crimes – eine wissenschaftliche Studie zu Prostitution und Frauenhandel in Kurdistan", Mai 2009

Arbeitsgespräch vom 21.4.2009 am Zentrum Moderner Orient
Gewalt, Erinnerung und Aufarbeitung im Irak – Anfal überlebende Frauen in Kurdistan-Irak engagieren sich für eine selbst gestaltete und verwaltete Gedenk- und Begegnungsstätte

Einladungsschreiben

Veranstaltung vom 22.4.2009:

Gewalt, Erinnerung und Aufarbeitung im Irak
Anfal überlebende Frauen engagieren sich für ein Erinnerungsforum in Kurdistan-Irak


Einladungsschreiben

Veranstaltung vom 26. Januar:

Frauen, Krieg und Trauma

Anfal: das Codewort des irakischen Regimes für die Militäroperationen gegen die kurdische Bevölkerung 1988, bei denen mehr als 100.000 Menschen deportiert bzw. ermordet worden sind. Kurdische Frauen erlitten während dessen Demütigungen und Grausamkeiten, wurden vergewaltigt und ihre Männer und Söhne verschleppt: seit mehr als 20 Jahren warten sie vergeblich auf Nachricht von ihnen.

Das soziokulturelle Frauenzentrum „Khanzad“ unterstützt diese – gesellschaftlich marginalisierten - Frauen mit ihren Forderungen nach politischer und gesellschaftlicher Anerkennung,&xnbsp; Entschädigung und Entwicklung eigenständiger Lebensperspektiven, ebenso ihr Anliegen, eine von ihnen selbst gestaltete Gedenk- und Begegnungsstätte „Anfal“ zu errichten.

Karin Mlodoch und Susanne Bötte, beide Mitarbeiterinnen der hiesigen Partnerorganisation Haukari, berichten über die Arbeit mit den kurdischen Frauen.

2008:

Frauenhandel und Prostitution in Kurdistan - LeEZA Nachrichten September 2008

ANFAL, unser Leben - medico Rundschreiben September 2008

Tagung: 20 Jahre Anfal. Berlin, 17.4.2008, Berichte und Fotos

   1. Kurzbericht Tagung in Deutsch

   2. Kurzbericht Tagung in Englisch


   3. Presse: Anfal-Operation im Irak - Opfer ohne Lobby
      Artikel: Qantara, 28.04.2008


   4. Kurdische Presse
      1.
      2.


   5. Anfal-Überlebende bei Gedenkfeier in Ravensbrück am 20.4.2008
       Fotos von "Umbruch Bildarchiv"

Das prekäre Land - medico Rundschreiben Mai 2008

2007

Begündung der Jury zur Verleihung des Frauenrechtspreises

Presseartikel zur Preisverleihung

Vorwort von HAUKARI e.V. zum Buch „Ocean of Crimes“ von HAUKARI

Zoé Oßwald: "Daheim im Jugendknast", Zeitschrift junik Nr.2/2007

2006

Bernhard Winter: "Versöhnungsarbeit im Irak?", erschienen in: Friedensforum 2/2006

Pressemitteilung zur Fachtagung Arbeit mit Gewaltopfern im Irak, 5/2006

Anmerkungen zu Hans-C. Graf Sponeck: Ein anderer Krieg – Das Sanktionsregime der UNO im Irak, 2/2006

2005

Zum Prozess gegen Saddam Hussein u.a., 12/2005

"Enfal - Ein Film von Haukari e.V.", 12/2005

"10 Jahre Haukari e.V. - Jubiläumsveranstaltung am 26.11.2005", 10/2005

Zur Problematik der Vermissten und Verschwundenen im Irak, 10/2005

Einladung zur Veranstaltung 10 Jahre HAUKARI e.V., 10/2005

Pressemitteilung "Irakisch-Kurdistan: Aufbau jenseits des Terrors", 8/2005

Irakisch-Kurdistan im Sommer 2005

Programm zur Gesundheitserziehung in 24 Dörfern in Germian/Nordirak begonnen, 6/2005

Buchbesprechung: "Irak - Von der Republik der Angst zur bürgerlichen Demokratie?"

Pressemitteilung vom 9.5.2005: Haukari e.V. führt sein Hilfsprogramm im Irak fort

Pressemitteilung: Konkrete Schritte gegen die Verfolgung von Frauen aus "Ehrgründen", 4/2005

Abstimmung gegen den Terror-Analyse und Kritik Nr. 492, 18.02.2005

"Wahlfolgen" - Leserbrief und Antwort aus "Frankfurter Rundschau Online" v.31.1.2005

Der Irak vor den Wahlen - Ein Kommentar von Karin Mlodoch, 1/2005

Wahlen im Irak – Aktuelle Informationen aus dem Nord- und Zentralirak, 1/2005

2004

„Der Terror trifft besonders die Frauen“ – Interview zur Perspektive der irakischen Frauenbewegung mit Pakshan Zangana, Irakische Frauenliga, 10/2004

Wohin gehört Tuz Khurmatu ?, 8/2004

Pressemitteilung: Haukari e.V. führt Hilfsprogramm fort, 5/2004

Pressemitteilung: Haukari e.V. eröffnet erste Beratungsstelle für Opfer politischer Gewalt und Angehörige von Verschwundenen in Tuz Khurmatu, Irak, 3/2004

Die Brückenbauerinnen von Chanakin
In der irakisch-kurdischen Stadt will ein Projekt die Rechte der Frauen stärken. Doch der Regierungsrat hat erst einmal die Scharia eingeführt
AUS CHANAKIN INGA ROGG (TAZ v. 26.2.2004)


Aufruf zur Solidarität mit den Kurden gegen den fundamentalistischen Terror, 2/2004

2003

Debatte Gefährliche Hilfe im Irak, FNP v. 12.11.2003

Offener Brief an Personen und Organisationen der Friedensbewegung, 11/2003

15 Jahre nach Anfal, 6/2003

Pressemitteilung vom 5.10.2003, "Hilfe für die irakischen Zivilbevölkerung"

Bilanz des Grauens, Ein weiteres Kapitel des Missbrauches der Medizin, 9/2003

Der Irak vom Norden aus betrachtet, Eindrücke einer Reise im Juni 2003

"Wir müssen alles neu aufbauen", Bericht und Interview, 7/2003

DEBATTE: Irak ist nicht Vietnam, 7/2003

Die Arbeit des Frauenzentrums KHANZAD nach dem Sturz des Baath-Regimes, 4/2003

Interview mit den leitenden Mitarbeitern der Kurdistan Health Foundation (KHF) Aram Rostem und Khalid M. Rashed, 3/2003

Spendenaufruf für die Kurdistan Health Foundation, 3/2003

Spendenaufruf für das Frauenzentrum Khanzad in Sulaimania, 3/2003

Vortrag auf der IPPNW-Jahrestagung vom 30.03.2003

Stellungnahme von Haukari e.V. zu dem drohenden Krieg: Keinen Krieg für Öl - Für einen demokratischen Irak, 1/2003

Interview mit Aria Mohammed, Sportlehrerin im Bildungs- und Begegnungszentrum für Frauen KHANZAD in Sulaimania; 1/2003



Das prekäre Land - medico Rundschreiben Mai 2008

Kurdistan im Irak: Ein Rückblick auf die medico-Arbeit seit 1991.
Von Karin Mlodoch, Haukari e.V. und Zentrum Moderner Orient Berlin.


Der Krieg der westlichen Alliierten hat die nordirakischen Kurdinnen und Kurden von der Baath-Diktatur befreit. Über anderthalb Jahrzehnte war die kurdische Schutzzone eine selbstverwaltete "Republik der Staatenlosen", deren strukturelle Probleme des Territoriums bis zum Sturz von Saddam Hussein ungelöst blieben. Auch heute noch ist die Perspektive des neuen Bundeslandes Kurdistan in einem zukünftigen Irak nach der Besatzung ungewiss. Zu Beginn der 1990er Jahre war die kurdische Region angesichts des damaligen Flüchtlingsexodus auch Beispiel einer großen Hilfsaktion und bemerkenswerten Solidarität. Zehntausende von Spenderinnen und Spendern, dazu öffentliche Mittel der Kommunen und Länder ermöglichten ein exemplarisches Projekt des Wiederaufbaus, das von Anfang an auf Selbstverwaltung und Beteiligung der Betroffenen setzte. Unsere Autorin Karin Mlodoch arbeitet seit 1991 in Kurdistan, zu Anfang vor Ort im medico-Büro (wie auch der Fotograph R.Maro), später für den kurdisch-deutschen Verein Haukari.


Im April 2008 begeht die kurdische Bevölkerung im Irak den 20. Jahrestag der so genannten Anfal-Operationen. "Al-Anfal", zu deutsch "die Beute", ist der Name der achten Sure des Korans. Die Saddam-Regierung nutzte ihn als Losung für ihren Vernichtungskrieg gegen die irakischen Kurden. Die Militäroperationen von Februar bis September 1988 richteten sich gegen kurdische Dörfer und Städte im türkisch-iranisch-irakischen Grenzgebiet und in der Region um Kirkuk. Die Offensive war von langer Hand geplant und offen propagiert als Vergeltung für die "Kollaboration der Kurden mit dem Kriegsgegner Iran" und als "endgültige Lösung für das kurdische Problem". Tausende kurdischer Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht und mehr als 100.000 Männer und junge Frauen (nach kurdischen Angaben bis zu 182.000) verschleppt; von den meisten fehlt bis heute jede Spur. Frauen, Kinder und ältere Menschen wurden monatelang in Gefängnissen und Lagern gefangen gehalten. Hier starben zahlreiche Menschen durch Gewalt und an Hunger und Erschöpfung. Die Überlebenden wurden in so genannte Umsiedlungslager verbracht, befestigte Lagerstädte unter militärischer Kontrolle. Während viele nach 1991 in die wieder aufgebauten Dörfer zurückkehrten, sind es vor allem Frauen, die ihre Männer und oft ihre gesamte männliche Verwandtschaft während Anfal verloren haben, die bis heute unter prekären ökonomischen und sozialen Verhältnissen in den Umsiedlungslagern leben. Sie sind durch die patriarchal und traditionell geprägte Gesellschaft besonders eingeschränkt. Sie sind alleinstehend, aber keine Witwen. Sie müssen die Ehre ihrer verschwundenen Männer wahren, aber dennoch für ihren Lebensunterhalt sorgen. Viele verharren seit 20 Jahren in einem permanenten Wartezustand. Zwar ist seit dem Sturz des Baath-Regimes gewiss, dass die Anfal-Verschwundenen nicht zu&uul;ckkehren werden. Aber angesichts anhaltender Gewalt und Besatzung im Irak spielt der Prozess der Vergangenheitsaufarbeitung zurzeit nur eine untergeordnete Rolle: Nach wie vor sind nur wenige der mehr als 300 Massengräber im gesamten Irak geöffnet worden. Nach wie vor warten die Anfal-Überlebenden auf Gewissheit, auf Entschädigung, auf gesellschaftlche und politische Anerkennung ihres Leids.


DIE REPUBLIK DER STAATENLOSEN – VON DER NOTHILFE ZUM LANGFRISTIGEN WIEDERAUFBAU
Für medico international war der Beginn des Engagements in Kurdistan-Irak eng mit dem Giftgasangriff auf Halabja und den Anfal-Operationen 1988 verbunden. 1988 traf medico irakisch-kurdische Flüchtlinge im Iran und begann mit der Förderung medizinischer Hilfe durch die damals gegründete Kurdistan Health Foundation. In Deutschland informierte medico über die Situation der kurdischen Bevölkerung im Irak und die Mitverantwortung deutscher Unternehmen für die Giftgaslieferungen an Saddam Hussein. Drei Jahre später drängte die kurdische Tragödie mit Macht in die internationale Öffentlichkeit. Im Anschluss an die US-geführte Militärintervention gegen den Irak 1991 hatte sich die kurdische Bevölkerung gegen das Regime erhoben, wurde aber – von ihren neuen Alliierten erst ermutigt und dann im Stich gelassen – brutal niedergeschlagen. Zwei Millionen Kurden flohen in den Iran und in die Türkei. Die Fernsehbilder gingen um die Welt. Die Vereinten Nationen verhängten ein Flugverbot über der kurdischen Region (und im schiitischen Süden des Irak), die irakische Armee zog sich aus weiten Teilen des kurdischen Gebiets zurück, die Flüchtlinge kehrten zurück. Der erste provisorische Kern einer autonomen kurdischen Region Kurdistan war entstanden. Im Sommer 1991 begann medico international mit Projekten zur Nothilfe und medizinischen Versorgung der zurückkehrenden Flüchtlinge und – mit Fördermitteln der Bundesregierung – mit Wiederaufbauprogrammen in den zerstörten kurdischen Dörfern an der iranisch-irakischen Grenze. Da es kaum lokale Strukturen gab, wurden entgegen der sonstigen medico-Praxis auch deutsche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zur Umsetzung der Nothilfemaßnahmen entsandt. Ich kam im Dezember 1991 zum Team nach Rania, einer Kleinstadt am Rande der Pishder- Region an der iranisch-irakischen Grenze. Im Gepäck hatte ich keineswegs eine klare Solidarität, sondern vor allem ein großes Fragezeichen. In Deutschland hatte ich gegen die US-Intervention im Irak demonstriert. Die irakischen Kurden aber warfen der Antikriegsbewegung vor, die Verbrechen des Baath-Regimes zu ignorieren und begrüßten die Intervention als Chance zur Befreiung. In der Peshder-Region fanden wir ein Bild totaler Zerstörung vor. Die Dörfer der Region und die Distrikthauptstadt Qaladize waren ein endloses Trümmerfeld. Auf den Ruinen der von Bulldozern zerstörten Häuser lagen die Betondächer von mehrstöckigen Gebäuden, Schulen, Krankenhäusern wie riesige Grabplatten. Auf einigen aus den Trümmern ragenden Mauern stand "HELP"; und in den Ruinen hatten sich die ersten Rückkehrerinnen bei hohem Schnee und Temperaturen bis zu 20 Grad notdürftige Lager errichtet. Im Kontrast zu diesen Bildern stand die unter den Zurückgekehrten herrschende Hochstimmung: Über die Befreiung von Saddam Hussein, über die endlich erlangte internationale Aufmerksamkeit und die Aussicht auf langfristigen Schutz und eine kurdische Autonomie im Irak. Mitten in den Trümmern wurden neue Häuser errichtet, Schulunterricht fand draußen statt, Verkehrspolizisten nahmen trotz zerstörter Straßen ihre Plätze ein... es wurde gefeiert, geheiratet, gebaut. Im Mai 1992 fanden unter begeisterter Teilnahme der Bevölkerung die ersten demokratischen Wahlen in der kurdschen Region statt – die beiden großen Parteien, die Demokratische Partei Kurdistans und die Patriotische Union Kurdistan, teilten sich die errungene Macht. Aber die Erwartungen wurden schnell gedämpft: Die kurdische Regionalregierung wurde international nicht anerkannt. Kurdistan wurde nicht vom UN-Embargo gegen den Irak ausgenommen und litt zudem unter einem vom Regime in Bagdad verhängten Lieferstopp. Es gab keine Lohnzahlungen im öffentlichen Dienst, keine Versorgung mit Ersatzteilen, keinen Strom, kein Saatgut. Die Nachbarländer Türkei und Iran destabilisierten die Region durch grenzübergreifende Militäroperationen. Über Jahre war die Region von Versorgung und Kommunikation abgeschnitten und hochgradig abhängig von der internationalen Hilfe. Letztere blieb auf Nothilfe und den Wiederaufbau zerstörter Dörfer beschränkt; langfristige Struktur- und Wirtschaftshilfe war nicht vorgesehen. Der öffentliche Sektor kam zum Erliegen. Uniprofessoren und Ingenieure verdingten sich als Wächter und Köche bei internationalen NROs, die in manchen Regionen mächtiger waren als die örtlichen Bürgermeister. Die Honigtöpfe der Hilfsorganisationen förderten soziale Schieflagen und interne Machtkämpfe.


UMKÄMPFTE AUTONOMIEHILFE
Fünf Jahre lang förderte medico international den Wiederaufbau der zerstörten Regionen Peshder, Qaradagh und Bawanoor. Über 200 Dörfer wurden instandgesetzt, geschätzte 150.000 Menschen kehrten aus der Flucht zurück. Die durch die Landminen zweier Golfkriege verseuchten Äcker, Obst- und Weingärten, Viehweiden und Berge wurden kartographisch erfasst, erste kurdische Räumungsteams gebildet und die Bevölkerung über die Minengefahr aufgeklärt. Wo immer die eng gefassten Rahmenbedingungen für Nothilfe und Ernährungssicherung es zuließen, förderten wir nicht nur den Bau von Häusern, Straßen und Brunnen, sondern auch den Aufbau lokaler Verwaltungsstrukturen und landwirtschaftlicher Produktion in den zerstörten Gebieten und arbeiteten eng mit der kurdischen Regionalregierung zusammen. Bisweilen unterstützten wir auch für eine Menschenrechtsorganisation ungewöhnliche Projekte wie den Bau von Polizeistationen; denn nur die Präsenz von Sicherheitskräften und Verwaltung konnte die Zurückgekehrten bewegen, sich langfristig in den wieder aufgebauten Gebieten niederzulassen. Der Ansatz hatte Erfolg: Bis heute gilt die Region Qaradagh als positives Beispiel eines gelungenen langfristigen Wiederaufbaus. Aber medico geriet auch zwischen die Fronten. 1995 scheiterte die kurdische Regionalregierung; die latenten Spannungen zwischen den Regierungsparteien mündeten in einen internen Parteienkrieg. Die kurdische Region war fortan zweigeteilt in ein Einflussgebiet der KDP und eines der PUK. Der Kampf um die Präsenz der Hilfsorganisationen in den jeweiligen Gebieten unterminierte den Ansatz, statt Hilfe nach dem Gießkannenprinzip umfassende Aufbauunterstützung in einer Region zu leisten. Zudem erschwerte das gleichzeitige Engagement für die Rechte der Kurden in der Türkei die Zugangs- und Reisewege für die medico- MitarbeiterInnen. Mitte der 1990er Jahre wurden die Projektbüros in Kurdistan aufgegeben und die gezielte Projektförderung lokaler Partner vor Ort begann. Ich selbst blieb in Kurdistan und gründete mit kurdischen und deutschen KollegInnen den Verein Haukari, der soziale Basisinitiativen in den Bereichen Gesundheit und Frauenförderung unterstützt und Gewaltopfer betreut. Das von uns 1996 gegründete parteiunabhängige Frauenzentrum Khanzad in Sulaimania ist heute eine wichtige Stimme der kurdischen Frauenrechtsbewegung in ihrem Kampf gegen soziale und familiäre Gewalt und für politische Partizipation. Immer wieder gibt es hier Projektkooperationen mit medico international.


BUNDESLAND KURDISTAN – DER DRITTE GOLFKRIEG UND DER FALL DES DESPOTEN
Im Anschluss an den 11.9. nahmen die USA den Irak erneut ins Visier. Dieses Mal führte 2003 die von den USA und Großbritannien geführte Militärintervention zum Sturz des Baath-Regimes. Wieder standen wir vor der Frage: Wie sollen wir uns positionieren in dem Gemenge verschiedener Perspektiven? Unsere kurdischen Partner begrüßten die US-Intervention. In Deutschland formierten sich breite Antikriegsproteste, dieses Mal im Einklang mit der ablehnenden Haltung der damaligen rot-grünen Bundesregierung gegen die Intervention. Wir wandten uns entschieden gegen den Angriff und die dahinter stehenden Macht- und Wirtschaftsinteressen und warnten vor einer drohenden Eskalation in der Region. Wir wandten uns aber ebenso gegen die Relativierung der irakischen Regierungsverbrechen und die unsägliche Mystifizierung von Terror und Rückzugsgefechten der Baathisten zum "Widerstand gegen die Besatzung" in einigen Teilen der Antikriegsbewegung. medico und Haukari versuchten gemeinsam, die Haltung unserer kurdischen Partner zu vermitteln, und warben bei deutschen Regierungsstellen und Entwicklungsorganisationen dafür, ihre Zurückhaltung aufzugeben und im Irak zivilgesellschaftliche Kräfte und Initiativen zur Aufarbeitung der Vergangenheit zu unterstützen. In Kurdistan wurde der Sturz des Regimes in Bagdad enthusiastisch gefeiert. Der Bann des Diktators war gebrochen und tatsächlich waren jahrelanges Provisorium und Isolation beendet. In der 2005 verabschiedeten neuen irakischen Verfassung wurde eine weitreichende Autonomie des Bundeslandes Kurdistan festgeschrieben. Der kurdische Parteiführer Talabani wurde irakischer Staatspräsident. In Kurdistan boomen Wirtschaft und Handel. Es herrscht Vollbeschäftigung, es wird investiert, gebaut, geplant. Aufbauend auf den Erfahrungen aus Jahren provisorischer Autonomie gibt es stabile Verwaltungs-, Regierungs- und Sicherheitsstrukturen und zahlreiche zivilgesellschaftliche Gruppen, eine aktive Frauenbewegung und vielfältige Medien. Aber es regt sich auch zunehmend Unmut über die Parteienherrschaft, Korruption und Misswirtschaft. Und auch in Kurdistan steht die Bedeutung von Anfal und Halabja als Legitimation der Autonomie im Gegensatz zu mangelnder Unterstützung und politischer Anerkennung der Opfer selbst. Bei der Gedenkfeier zum Giftgasangriff auf Halabja 2006 forderten protestierende Überlebende Versorgung statt offizieller Zeremonien. Während in Kurdistan relative Sicherheit herrscht, werden weite Teile des Irak seit dem Sturz des Regimes von immer neuen Gewaltwellen erschüttert. Anschläge von Terrorgruppen und Milizen und Übergriffe von Besatzungstruppen und irakischen Sicherheitskräften fordern täglich neue Opfer. Angesichts anhaltender Besatzung und Gewalt haben sich die alten Trennungslinien zwischen Gegnern und Anhängern des Baath-Regimes zu einer tiefen Fragmentierung der Gesellschaft entlang religiöser und ethnisch-nationaler Linien verschoben. Die Bildung einer stabilen nationalen Regierung scheint in weiter Ferne. Und keineswegs ist der Status des Bundeslandes Kurdistan langfristig gesichert. Die Autonomiebestrebungen der kurdischen Bevölkerung, ihr Anspruch auf die Stadt Kirkuk, die kürzlich auf regionaler Ebene abgeschlossenen regionalen Erdölförderabkommen mit internationalen Firmen sind zentrale Streitpunkte im nationalen Prozess. Und auch an anderen Fronten ziehen neue Konflikte auf: In den letzten Monaten flog die türkische Armee Luftangriffe auf Stellungen der kurdischen PKK-Guerilla in den Bergen an der türkischirakischen und iranisch-irakischen Grenze. Die im Februar begonnene türkische Bodenoffensive wurde in Kurdistan-Irak als Versuch interpretiert, die kurdische Autonomie zu destabilisieren. Auch wenn Ankara die Truppen zwischenzeitlich zurückgezogen hat, bleibt die kurdische Frage in der Türkei weiterhin vom Militär dominiert. Bei den jüngsten Luftangriffen wurden auch eine Reihe von Dörfern in der Pishder-Region getroffen: Wohnhäuser, Moscheen und Schulen sind zerstört. Es sind eben jene Dörfer, deren Wiederaufbau medico international 1991 unterstützt hatte. Unsere Hilfe im Konfliktgemenge ist weiter gefordert!

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The Announcement of the Jury for the Elimination of violence against women

Kurdishaspect.com - By Mahabad Qaradaghi


To protect the woman is like protecting the society itself, because before a human being enters the world he/she lives in the tomb of his/hers mother. Life starts with the woman for she is the source for existence, harmony and love. Unfortunately the world is not a safe and harmonious place for women. Discrimination of women is happening almost everywhere in the world but in different ways and in different levels, which gives a wrong picture of the modern culture in the society. Violence against women is a product of the patriarchal culture and it has a long history of injustice in the society. However, there has always been a fight against this system. Women’s struggle in the whole world has gone through different phases and has achieved a great deal for equality and justice. For example, the Scandinavian countries and Sweden particularly, were a step ahead in concerning women’s issues and gender equality. Sweden was the first country who brought equality among men and women and it was the late Prime Minister Olof Palme who already in 1972 announced a formal policy for gender equality.

It is in the human nature to revolt against injustice and discrimination, therefore it is important for the freedom fighters to overcome all the barriers and challenges against gender equality. Discrimination of women in the Middle East has been common in the family, in workplaces as well as the whole society. Every year hundreds of women are killed in the name of honour. This shows that women lack equality and basic human rights. However, women have not been quiet about their rights and they have been struggling to achieve equal rights as men.

Sadly enough even in Kurdistan violence against women exists and the majority of women fall victim for honour killing. There are many actors in the society who are actively struggling to fight these forces in the society such as associations, non-governmental organisations, intellectuals, human rights activists, lawmakers and policy-makers. At the same time these are conservative forces who are working against the freedom fighters and for keeping the injustice and the patriarchal system alive. Consequently it has become very challengeable and extremely risky for some activists.

Other than that, 2 years ago, KRG took an initiative and declared its own policy on gender equality program. To declare such a policy in 2005 by the Prime Minister of Kurdistan Region signified a very brave move in the process of spreading gender equality. Therefore we welcome the creation of this award on behalf of the Ministry of Sport and Youth and we believe that MOSY’s effort to have this award is very important in the democratic process and we hope that KRG continues to focus on this subject.

We are very pleased with those who participated, the NGOs, intellectuals, journalist and artists who sent their contribution. The jury examined all theirs work which were sent to us which came in different forms such as, films, documentaries, radio programmes, theatres screenplay, magazines, books as well as exhibitions, workshops, conferences' materials etc. We are pleased that these people have been working to eliminate the violence against women.

To evaluate this work, we put 3 criteria.

1. The work has to be completed in 2007.

2. The work has to be related to the subject of “Elimination of Violence against Women” and should give results whether it is in theory or practise.

3. It should be clear that the contribution is a creation based on genuine beliefs of gender equality and not a commission from government officials or an NGO, or just a short-lived work without any given results.

After going over all these contributions with those three criteria in mind, the contribution that we have chosen has ticket off all the points in the criteria. We agree that all the participants have worked well in this matter and we thank them for having participated in this competition.

The “Zhenparezy” {Women’s protection} Prize of 2007 is awarded to:

Khandan Hama Jaza

For her book

“An Ocean of Crime”

Among all works and accomplishments of a number of individuals and organizations being assessed by us, the Jury Committee came to the conclusion that, the book “An Ocean of Crime” is the most suitable one to be awarded the Zhenparezy prize of 2007. This book is a social research on the phenomena of prostitution and trading on the body of women in Kurdish society prepared and written by Ms Khandan Hama Jaza. This was a choice in accordance with the three main principles of the Prize established by the jury committee for.

Ms Jaza has been working with this book since a long time ago and the book An Ocean of Crime was published in 2007.

Even before this book, it was well known that there is trade on prostitution in Kurdistan just as this phenomenon exists in any other society. Even though Kurdistan has experienced a very difficult period of war, repression, chaos and economic sanctions, it was not known to what extent prostitution has become a danger as regards to its effects and riskful consequences. This book which is the result of carefully processed interviews with 296 prostitutes, 93 sex-buyers and 72 organizers, the so-called sex bosses, shows us that prostitution has indeed become a perilous phenomenon which needs to be dealt with as such and to which necessary and appropriate measures have to be taken.

The author demonstrates her interpretation on each and every case. The most important on this book however, is that it can become a trustful source for other researchers in this topic.

With regard to criterions used, the book can be classified as a socio-psychological research. It gives useful recommendations to relevant organizations and authorities in order to encounter the phenomenon.

This book exposes a number of causes on why the girls and women implicated with sexual related problems meet head-on with violence. This means the violence against women will decrease if the roots are dealt with properly.

Ethic is important throughout the research and the cases and individuals interviewed are dealt with respectfully and their integrity is complied with.

For these reasons this book fulfills the criterions of the 2007 Jenparezy Prize and on behalf of the jury committee we congratulate Ms Khandan Hama Jaza affectionately.

On 25th of November 2007

Jury members

Mahabad Qaradaghi
Ahmad Eskandari
Taman Shakir
Khawla Rauf
Alla Ali
Kurdistan Pirdaud


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PM Barzani condemns honor killings

NGOs, the media, and religious leaders called upon to address the issue.
Citing education as the key to understanding why “dishonor killings” and the abuse of women are so unacceptable, the KRG will “work to ensure that men and women, boys and girls of the new generation are well educated in this matter.”
The Globe- Erbil

Prime Minister Massoud Barzani condemned the practice of honor killing, saying, “There is no honor in this crime. These actions offer nothing beyond disgrace to our people and a stain on our character.” He called on the people of the region to stand up to eradicate this crime and condemned those who promote it.
Saying that the KRG was serious about its role in legislating against violence toward women and educating the youth of the region, the prime minister also called upon religious leaders, NGOs, and the media to actively promote the rights of women.
“In order to be truly strong and prosperous, Kurdistan Region must not focus only on our economy…our cultural and social attitudes must also grow as we develop,” he added.
Barzani said the KRG is working to ensure that local and foreign companies feel secure enough to start their own businesses and participate in strengthening the economy of our region. “Today, Kurdistan Region is the only part of Iraq that works in this way, but in order to be truly strong and prosperous we must not focus only on our economy. We must pay attention to other phenomena and characteristics of our society. Our cultural and social attitudes must evolve as we develop our other sectors.
“We must face our problems and be honest and open with ourselves and with those around us. We all know that women are making outstanding progress in certain areas,” added the PM.
The prime minister made the following speech on November 25 during the International Day to Eliminate Violence Against Women:
“First, we need to develop a culture of respect and admiration for the role women play in our society: in our families, in our schools, and in professional fields. A society that does not respect all of its citizens cannot be expected to advance. We cannot achieve full progress using only half of our population, skills, and abilities. Together, we can make big steps toward solutions and successes.
Second, we must solve the question of violence against women and so-called honor killings. I prefer to call these dishonor killings and deliberate crimes because such deeds bring nothing but sadness and shame.
Third, I believe that civil society institutions and NGOs can make a great contribution. In fact, I know that some of them are carrying out excellent and serious work in this regard.
They interact with the people on a daily basis. And it is this daily interaction that will make the greatest change.
I believe that further cooperation between the government and NGOs can secure better results for our efforts.
Fourth, the media too must play a better role. It must show the important and good work in all sectors that women in our society carry out.
Fifth, speaking of women in the workplace, I call upon Kurdish business leaders and our political parties and organizations to give women more responsibility. Very often I see capable and qualified women under-tasked in their professional lives. I am sure that these women are ready, willing, and able to assume positions of responsibility; we must all give them the chance to demonstrate their abilities, experience, and talents in order to prove themselves.
Finally, I call upon women to make themselves heard on this matter. Speak up about the issues that matter to you. We know that our courts prosecute all such crimes that are brought to their attention. Our judges are educated and honorable men. I know that they share my disgust on this issue.
I would like to thank all the religious leaders and especially the Minister of Endowments and Religious Affairs who has worked assiduously and responded positively to the KRG’s call. Religious leaders have played an important role in our social development in the past, and I hope they will continue their good works.
Education is a key to understanding why the abuse of women and dishonor killings are so unacceptable. The KRG works to ensure that men and women, boys and girls of the new generation are well educated in this matter.”
During the International Day to Eliminate Violence Against Women, the author of An Ocean of Crime, Khandan M. Jaza, was honored in a ceremony at the Erbil Convention Center.
“When I wrote the book, I expected to be insulted and stoned, but thanks to God, now I have been awarded,” said Jaza.
Ninety-seven women burned themselves to death and 27 others were killed in the three Kurdish provinces during the past four months, said the Human Rights Minister in Iraqi Kurdistan Region, Yusuf Aziz Muhammad.
“I cannot say that violence against women has lowered,” Muhammad told reporters after taking part in the ceremony.
“Surveys conducted in Erbil showed that there were 60 cases of women burning in Erbil, 21 in Duhok, and 16 in Sulaimaniya. There were also 10 cases of women being killed in Erbil, 11 in Duhok, and 6 in Sulaimaniya,” Muhammad said.
The Kurdish official,citing 2005 statistics, noted that the number of women killed rose to 118 in 2006. “Cases of women burning themselves in Sulaimaniya during 2006 were 64 and 185 in Duhok,” said the minister.
Women proved involved in honor-related incidents are forced to burn themselves and sometimes are set ablaze by their male relatives.
The minister, who heads the committee to investigate violence against women, said members of his committee “dealt with the reasons behind this deterioration and agreed to replace the term “honor killing” with “violence against women,” and determined tasks for relevant ministries have been set.

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Vorwort von HAUKARI e.V. zum Buch „Ocean of Crimes“ von HAUKARI

KHANZAD - social and cultural centre for women, Sulaimanaia, Kurdistan-Irak
“An Ocean of Crimes” –
Scientific Research About Prostitution and Trafficking in Kurdistan

Sulaimania 2007


PREFACE by HAUKARI e.V. Germany

HAUKARI – Association for International Cooperation is a German based NGO founded in 1995 to support social initiatives in Kurdistan-Iraq with a specific focus on women rights and women education and assistance to victims of violence. The social and cultural centre for women KHANZAD in Sulaimania was the first project founded by HAUKARI in Kurdistan and supported and assisted until today.

When the women centre KHANZAD opened its doors in May 1996 it was the first non-partisan women centre exclusively reserved for women throughout Kurdistan-Iraq. „Access denied for men!“ - was the title of a major Kurdish newspaper. While political parties and traditional groups looked at KHANZAD with suspicion, more radical women groups accused KHANZAD of fostering the separation between men and women. Yet the response of women in Sulaimania was overwhelming: from the first day until today annually thousands of women participate in KHANZAD’s educational courses, sports activities, seminars, cultural events, refer to social and legal counseling or just meet in KHANZAD’s cafeteria and relax.

In the last ten years, numerous women projects, centers, shelters have been founded; women in Kurdistan-Iraq have organized and achieved remarkable legal and social changes. Within this movement KHANZAD is a fix point of reference for women. KHANZAD has played an important role in starting a public debate on domestic violence against women and honor killings and engaged for more political participation of women both in Iraq and Kurdistan after the fall of the Ba’ath-regime in 2003.

In 2000 KHANZAD started to touch another sensitive social issue assisting and advocating for women detainees in the prison of Sulaimania, the majority of them accused of adultery and prostitution. A team from KHANZAD daily visits the detainees, cares for their daily needs, and assures legal assistance and medical care. KHANZAD has achieved major improvements of the conditions for women within the prison. KHANZAD works with the families of the detainees to protect them from violence, honor killings and social marginalization after their release. Yet for those women accused of prostitution, there is hardly any life perspective after their release from prison. There is no place for them to refer to, there is no way yet for a woman in Kurdish society to live without a male protector. Women once accused or suspected of prostitution enter a vicious circle: A socially banned and sanctioned life between prison and prostitution.

For the last years KHANZAD has been advocating at the Kurdistan Regional Government to establish a “social reform centre” for women accused of prostitution instead of imprisonment, where they receive psychological and social counseling, education and assistance in developing new life perspectives. Yet until now this project seems out of reach. The issue of prostitution is touching key values of the Kurdish society such as honor and shame, and is still an issue of taboo. The blame and the shame are put on the women, while there is hardly any discussion on the background of prostitution and even less on the beneficiaries and protectors of prostitution.

HAUKARI is happy and proud to here present a research which is breaking this taboo. For nearly two years members of the KHANZAD team have interviewed women who fell into prostitution, women who procure prostitution, as well as male clients, who benefit from prostitution and protectors promoting and covering respective networks. The research gives a detailed account on the biographies of women involved in prostitution, on their social and economic reasons. It highlights as well the interest of clients and protectors and the mechanisms in legal prosecution and social perception of women and men involved.

KHANZAD and HAUKARI hope that the research will contribute to a public debate against the social marginalization of women accused of prostitution and against double standards in the prosecution of men and women involved; for assistance instead of imprisonment and for combating the economic and social reasons for prostitution; for legal and social reforms protecting women from forced marriages and violent family situations and enabling them to find alternative ways of living beyond marriage.

We thank the team of KHANZAD for this courageous work. We especially thank Khandan Mohammed Jeza for dedicating lots of her time and energy to this research and Jamal Ibrahim for his continuous support to the project. We also thank Norwegians Peoples Aid and the German Committee of the Women’s World Day of Prayer for their continuous support to KHANZAD’s work in the prison and the Hans Böckler Foundation and the Foundation UMVERTEILEN for their financial support for this research.


Susanne Bötte/Karin Mlodoch
HAUKARI , Berlin/Frankfurt/M., Germany , March 2007


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(Junik Nr. 2/Projektteil/Haukari-medico/Jugendgefängnis Irak)

Daheim im Jugendknast

Frauenzentrum sucht Alternativen für jugendliche Gefangene im Irak

Das Jugendgefängnis ist ein zweistöckiges, beige angestrichenes Haus wie jedes andere im Stadtzentrum von Sulaimania, einer kurdischen Stadt im Norden Iraks. Es hat offene Türen, schmale Treppen und Mehrbettzimmer und wirkt auf den ersten Blick eher wie ein Heim. Kalte Luft vermischt sich mit dem für Kurdistan so typischen Kerosingeruch; die Wände sind bemalt und die Räume spärlich möbliert. Aufpasser mit Walkytalkys bewachen neun heranwachsende Jungen in Jogginganzügen, die alle in der Untersuchungshaft auf ihr Urteil warten. Sie sind miteinander im Gespräch, als ein Jugendlicher den Kopf zur Tür hereinsteckt und „nan bxoin!“, ruft, Essen!

Sein Name ist Rebwar*, erfahren Nassiq und ich bei unserem Besuch. Nassiq ist Sozialarbeiterin im Frauenzentrum Khanzad und besucht sonst die erwachsenen Frauen. Ich bin nach dem Abitur in Berlin in dieses Land gekommen, aus dem mein Großvater stammt, und helfe im Frauenzentrum mit. Rebwar, der Essens-Botschafter, ist erst 14 Jahre alt; er wurde von der Polizei auf der Strasse aufgelesen. Angeklagt ist er jedoch nicht wegen „Herumtreibens“, wie viele andere Jugendliche hier, sondern wegen homosexueller Aktivitäten innerhalb des Gefängnisses. Wenn ein Familienmitglied von Rebwar bereit wäre, ihn aufzunehmen, könnte er wieder frei kommen. Aber Rebwars Vater will nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Homosexualität und Prostitution gehören neben Obdachlosigkeit, Mord und Entführung zu den Gründen, warum Jugendliche im Irak angeklagt werden. Viele der Inhaftierten sind von der Familie verstoßen worden, andere sind von zu Hause weg gelaufen. Obdachlose Jugendliche versuchen dann auf der Strasse mit kleinen Gelegenheitsjobs wie Benzinverkauf zu überleben.

Mädchen laufen nicht selten von zu Hause weg, um der Zwangsverheiratung zu entgehen. Für sie ist es nicht üblich, Gelegenheitsjobs zu machen. Sie fallen häufig so genannten “Puffmüttern“ zum Opfer, die ihnen eine Übernachtungsmöglichkeit bieten und sie versorgen - wenn sie sich zur Prostitution freigeben. Viele Mädchen landen aus diesem Grund in Haft. Für sie wird das Gefängnis aus Mangel an Alternativen zu einer Art Heim.

Nassiq und ich treffen die männlichen Jugendlichen in einem Gemeinschaftsraum, mit einem langen Holztisch, weißen Plastikstühlen und einer verglasten Abtrennung, in der ein Junge sein Aussehen betrachtet. Fast jeder der Jugendlichen trägt eines der Schmückstücke, für die Nassiq jede Woche Nadeln und Perlen mitbringt. Auch Rebwar hat Glasperlenringe und Armbänder gemacht. Sie werden auf dem Basar verkauft; das Geld wird für das Projekt verwendet. Andere Beschäftigungsangebote gibt es nicht. Khanzad hat nun begonnen, Spiel- und Sportgeräte anzukaufen, plant Bildungskurse und Werkunterricht und nimmt Kontakt zu den Familien der Jugendlichen auf.

Auch für den 16jährigen Omar* würde es einen großen Unterschied machen, wie sich seine Familie zu ihm stellt. Der Junge mit dem mintgrünen Trainingsanzug und gegeltem Haar kam schon früh mit Waffen und Tod in Verbindung. Er arbeitete als bewaffneter Wächter für seinen Onkel, weil er mitverdienen musste. Danach schlachtete er Tiere in der Metzgerei seines Vaters. Omar hat in einem Familienstreit seinen eigenen Vater erschossen. Nun sitzt er wegen Mord in Untersuchungshaft. Wenn Omars Familie auf der Verurteilung besteht, erwarten ihn 20 Jahre Gefängnis. Sonst kommt er vielleicht mit sieben Jahren davon. Der Psychologe, dem er seine Geschichte erzählt, spielt für die Jugendlichen eine wichtige Rolle beim Klären der Hintergründe ihrer Taten. Ich sah, wie er Omar ein Taschentuch gab, doch nach ein paar Tränen lächelte der schon wieder.

Zoe Oßwald, 19 Jahre, Praktikantin im Frauenzentrum in Sulaimania

*: Namen von der Redaktion geändert


Das Projekt im Jugendgefängnis wird vom deutschen Verein Haukari e.V. und der Hilfsorganisation medico international gefördert.

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Versöhnungsarbeit im Irak?

Vielleicht mag es machen zynisch anmuten, von Versöhnungsrbeit im Irak zu sprechen und dabei zunächst einmal nicht die ausländischen Besatzer/innen im Blickfeld zu haben. Ausgangspunkt unseres Projektansatzes ist trotz der strikten Ablehnung der US-geführten Intervention die extreme Gewalterfahrung der irakischen Gesellschaft in den vergangenen vier Jahrzehnten. Mitarbeiter/innen von Haukari e.V. sind seit 1991 in Projekten im Irak engagiert und dabei mit den Folgen der allgegenwärtigen Gewalt konfrontiert worden. Krieg- und Bürgerkrieg, Wirtschaftssanktionen sowie eine ungemein brutale Diktatur haben eine Kultur der Gewalt und unzählige Gewaltopfer hinterlassen. Als herausragende Eckpunkte eines Kaleidoskops der Gewalt seien erwähnt: Der Bürgerkrieg in Irakisch-Kurdistan 1970-75, der iranisch-irakische Krieg 1980-1988, der zweite Golfkrieg 1991 und die daran anschließenden Aufstände der schiitischen und kurdischen Bevölkerung sowie deren Niederschlagung, die UN-Wirtschaftssanktionen 1990-2003 sowie die US-geführte Intervention 2003 und die darauf folgenden bis heute anhaltenden Auseinandersetzungen in großen Teilen des Landes.
Im März 2004 eröffnete Haukari e.V. in der zentralirakischen Stadt Tuz Khurmatu (Regierungsbezirk Tikrit) das As-Salam Friedenszentrum. Die an der Verbindungsstraße Bagdad-Kirkuk gelegene Stadt zählt ca. 80.000 Einwohner/innen. In ihr wohnen separiert in eigenen Stadtteilen große turkmenische, arabische und kurdische Bevölkerungsgruppen. Die turkmenische Bevölkerung hängt meist der schiitischen Glaubensrichtung an, so dass hier auch die beiden islamischen Hauptrichtungen vertreten sind. Weite Teile der Stadtbevölkerung sind als Folge der Wirtschaftssanktionen und einer generellen Vernachlässigung der Stadt durch das gestürzte Regime vollständig verarmt. Soziale Einrichtungen sind nur rudimentär vorhanden, kulturelle fehlen vollständig. Während der Anfal-Operationen 1988, Vernichtungsoperationen des irakischen Militärs gegen die kurdische Landbevölkerung, wurden auch in Tuz Khurmatu und insbesondere in den kurdischen Dörfern der Umgebung tausende Frauen und Männer deportiert und sind seither verschwunden. In der Stadt lebt eine große Anzahl allein stehender kurdischer Frauen, deren männliche Verwandten vermutlich ermordet wurden. Im Kontext der traditionellen patriachalischen Gesellschaft gibt es keinen Platz für Familien, denen Frauen vorstehen. Sie sind daher sozial häufig marginalisiert und leben unter besonders prekären Bedingungen. Während insbesondere die kurdische aber auch die turkmenische Bevölkerungsgruppe unter dem Baath-Regime schweren Verfolgungen ausgesetzt war, fühlt sich die arabische als Verlierer des seit 2003 einsetzenden politischen Prozesses. Dies verhindert eine Wahrnehmung der Opfer, die es auch unter der arabischen Bevölkerung gab.
In der Stadt gab es unmittelbar nach dem Sturz des Baath-Regimes 2003 gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den Bevölkerungsgruppen, die sich z. B. an der Frage in welcher Sprache in der Schule gelehrt werden soll oder an religiösen Pilgerstätten entzündeten. Diese haben sich mittlerweile gelegt, dennoch sind die Spannungen und das Misstrauen zwischen den ethnischen Gruppen ständig zu spüren. Die Sicherheitslage ist anhaltend unsicher. Die Zugangswege zu Tuz Khurmatu werden teilweise durch kriminelle Banden kontrolliert. Militärkonvois der amerikanischen Armee, die hier einen Stützpunkt unterhält, sind mitunter Angriffsziele von Aufständischen.
Das Zentrum wendet sich an Opfer politischer Gewalt wie ehemals Deportierte oder politische Gefangene und Verwandte von Vermissten aller ethnischen Gruppen unabhängig vom religiösen Bekenntnis und der politischen überzeugung. Auch steht es Initiativen und Vereinigungen von Opfergruppen sowie parteiunabhängigen und multiethnischen Strukturen der Zivilgesellschaft zur Verfügung. Selbstverständlich steht es auch Opfern aktueller Auseinandersetzungen offen.
Ziel des Zentrums ist es Opfer politischer Gewalt in rechtlichen Fragen zu beraten und ein psychosoziales Betreuungsangebot zu entwickeln. Angehörige Verschwundener sollen bei der Klärung des Schicksals ihrer Verwandten unterstützt und begleitet werden. Es sollen Strategien entwickelt werden, die es den unterschiedlichen Opfergruppen ermöglicht ihre Forderungen in den politischen Prozess einzubringen, ohne selbst wieder Gewalt zu erzeugen.
Eine weitere zentrale Aufgabenstellung ist selbstredend der interethnische Dialog. Vor dem Hintergrund der sozialen und politischen Lage in Tuz Khurmatu arbeitet das As Salam Friedenszentrum in der praktischen Umsetzung als Zentrum der Versöhnung und soziale Einrichtung für Gewaltopfer sowie auch als Bildungs- und Diskussionszentrum für alle Bevölkerungsgruppen. Durch niederschwellige Angebote wird versucht, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Neben Alphabetisierungs- und Computerkursen werden Informationen und Diskussionen über den politischen Prozess angeboten. In einer nur Frauen zugänglichen Gesundheitsstation erhalten allein stehende Frauen aus allen Bevölkerungsgruppen medizinische und psychosoziale Hilfe. Ein Team von Sozialarbeiterinnen führt im Zentrum und in den Schulen der Stadt Informationsveranstaltungen zu Kinder- und Frauenrechten durch.
Obwohl von Anfang an die gleiche Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen an dem Zentrum angestrebt wurde, wird es überproportional von KurdInnen und TurkmenInnen genutzt. Dennoch ist es einer der wenigen Orte in der Stadt, an denen ein Dialog zwischen den verschiedenen communities eingeübt werden kann. Das Zentrum wird in seinen Aktivitäten von allen Bevölkerungsgruppen kritisch beäugt. Mit allen Mitarbeiter/innen des multiethnischen Teams wurde ein Kodex ausgehandelt, der zwingend festlegt jegliche auch nur annähernd als diskriminierend einzustufende äusserung oder Tätigkeit gegenüber einer Bevölkerungsgruppe zu unterlassen.
Voraussetzung für jeden Versöhnungsprozeß ist die Kenntnis über das in der Vergangenheit Geschehene. Zu den Hinterlassenschaften des Baath-Regimes gehören an die 300.000 Verschwundenen, die in den ca. 200 offiziell registrierten Massengräbern vermutet werden. Für Angehörige Verschwundener ist das Leben häufig charakterisiert durch ein gefühlsmäßiges Pendeln zwischen den Polen Verzweiflung und Hoffnung, was einen Abschluß des Trauerprozesses verhindert, so dass er sich ständig selbst unterhält. Dieses Schicksal wird für die Anfal-Witwen durch ihre soziale Lage am Rande der Gesellschaft noch verschärft. Sie wollen sich vordringlich Gewissheit über das Schicksal ihrer Familienangehörigen verschaffen. Demgegenüber kommt der Prozess der öffnung der Massengräber wegen der angespannten Sicherheitslage nur langsam voran. Bisher wurden lediglich drei Gräber unter forensischen Kriterien untersucht. Mit dem Aufbau eines nationalen Vermisstenzentrum wurde gerade erst begonnen. Somit bleibt für die Angehörigen Verschwundener zunächst die quälende Ungewissheit über das Schicksal ihrer Verwandten weiterhin bestehen. Häufig verhindert sie die Entwicklung einer individuellen Lebensperspektive aber auch das sich öffnen können für einen Prozess, der in einer Versöhnung enden könnte. Dem Zentrum bleibt im Moment nur die Möglichkeit sich auf eine psychosoziale Begleitung der Betroffen bei der öffnung der Massengräber vorzubereiten. Eine konzeptionelle Schwierigkeit des Zentrums besteht zweifelsohne darin, einerseits anzuerkennen, dass eine Bevölkerungsgruppe – in Tuz Khurmatu war es die kurdische – unter der Repression in der Vergangenheit besonders intensiv zu leiden hatte, andererseits aber eine Tendenz zur Hierachisierung der Opfergruppen zu vermeiden. Dies würde in der spannungsgeladenen Atmosphäre unweigerlich weitere Gewalt befördern. Die arabische Bevölkerung sieht die neue Situation vor allem aus der Perspektive des Verlustes von Macht und Einfluss. Dies erzeugt ängste, welche ein adäquates Thematisieren der selbst erlittenen Verbrechen und Betrauern der Repressionsopfer unter der arabischen Bevölkerung verhindert. Auch dadurch wird ein sozial verwurzelter Versöhnungsprozess blockiert, der Voraussetzung für einen multiethnischen, demokratischen Irak ist. Von einem Versöhnungsprozess kann bis jetzt in Tuz Khurmatu genau so wenig wie im übrigen Irak die Rede sein. Im Gegenteil gewinnt man dieser Tage den Eindruck ,dass das Land sich rasant auf einen Bürgerkrieg zu bewegt. Der Weg zu einem innerirakischen Versöhnungsprozess erscheint unendlich weit, aber alternativlos, wenn die Gewaltspirale durchbrochen werden soll.

Das Zentrum wird unterstützt von Oxfam Deutschland.

Bernhard Winter, Haukari e.V.
Weitere Infos gibt es unter www.haukari.de

aus: Friedensforum 2/2006

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Pressemitteilung zur Fachtagung
Arbeit mit Gewaltopfern im Irak – Erfahrungen, Qualifizierungsbedarf, Perspektiven

die am 3. Mai 2006 in den Räumen der Heinrich Böll Stiftung in Berlin stattfand.

An der von Haukari e.V. in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stifung und der Stiftung Umverteilen sowie mit Unterstützung des Instituts für Auslandsbeziehungen durchgeführten Tagung nahmen 50 Vertreter/innen von im Irak tätigen Hilfsorganisationen, staatlichen Institutionen und Wissenschaftler teil. Aus dem Irak waren ein Vertreter des Menschrechtsministeriums und zwei Mitarbeiterinnen des von Haukari e.V. gegründeten „As Salam“ Friedenszentrum in Tuz Khurmatu (Provinz Tikrit) angereist.
Auch drei Jahre nach dem Sturz des Baath-Regimes sind die Nachrichten aus dem Irak geprägt von täglicher Gewalt. Zu den zahllosen Opfern von Folter, Vertreibung und Verfolgung in Jahrzehnten der Diktatur kommen nun täglich neue Opfer aktueller Menschenrechtsverletzungen von Terrorgruppen und Besatzungstruppen sowie schwerwiegenden Übergriffe von Regierungsstellen. Dazu kommen die zahlreichen Frauen, die in allen Teilen des Irak Opfer familiärer Gewalt werden. Hilfe und Unterstützung für Gewaltopfer bei der Entwicklung neuer Lebensperspektiven ist eine wichtige Voraussetzung für einen nationalen Versöhnungsprozess im Irak.
Ausführlich wurde auf der Tagung berichtet, dass es trotz der prekären Sicherheitslage im Irak in allen Landesteilen Ansätze zu einer Arbeit mit Opfern politischer und sozialer Gewalt gibt. Diese umfassen individualtherapeutisch orientierte Programme und psychosoziale Konzepte. Insbesondere in Kurdistan-Irak gibt bereits eine reichhaltige Erfahrung von zahlreichen Frauenprojekten im Umgang mit Opfern häuslicher Gewalt.
Es wurde auf der Tagung betont, dass die dargestellten Projekte auch Ansätze darstellen, die Gewaltspirale zu durchbrechen und den langen Weg zu einem zukünftigen Versöhnungprozess eröffnen können.
Einig waren sich Referent/innen und Teilnehmer/innen der Konferenz darüber, dass ein grosser Bedarf an Qualifizierungsprogrammen in psychologischen und psychotherapeutischen Konzepten und Methoden sowohl im öffentlichen Gesundheits- und Sozialwesen als auch für Projekte von Nichtregierungsorganisationen besteht. Diese Qualifizierungsmassnahmen betreffen sowohl professionelle Ausbildungsgänge als auch die Weiterbildung zahlreicher bereits in Projekten tätiger Mitarbeiter/innen. Entsprechende Programme können bereits jetzt im Irak oder ggf. auch im Ausland durchgeführt werden. Die Regierungsinstitutionen und Organe der Europäischen Union wurden aufgefordert ihr Engagement in diesem Sektor deutich zu erhöhen.



Haukari e.V.
Falkstrasse 34
D-60487 Frankfurt
Tel. 0160 966 51 333


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Anmerkungen zu Hans-C. Graf Sponeck: Ein anderer Krieg – Das Sanktionsregime der UNO im Irak

Hans-C. Graf Sponeck war zwischen 1998-2000 für mehr als ein Jahr Verantwortlicher des Programmes „öl für Lebensmittel“ der UN im Irak. Im Februar 2000 trat er aus Protest gegen die anhaltenden Behinderungen seiner Arbeit durch die Vertreter Großbritanniens und der USA im Weltsicherheitsrat zurück und hat sich seither international gegen die Irakpolitik der US-Regierung engagiert. Häufig tritt er bei Veranstaltungen der Friedensbewegung als prominenter Kronzeuge gegen diese Politik auf.
Worum geht es in seinem Bericht? Nach der Invasion Kuwaits durch den Irak im August 1990 verhängte der UN-Sicherheitsrat Wirtschaftssanktionen gegen das Land, die auch nach dem Ende des 2. Golfkrieges 1991 auf Betreiben der USA und Großbritanniens beibehalten wurden. Begründet wurde dies mir der Notwendigkeit weitere Abrüstungsschritte zu erzwingen. 1995 wurde dem Irak in dem Programm „öl für Lebensmittel“ gestattet in begrenzter Höhe Erdöl zu verkaufen, um unter Aufsicht der UN lebenswichtige Güter zu importieren. Das Programm lief 1996 an und sollte den schlimmsten humanitären Auswirkungen der Wirtschaftssanktionen abhelfen. In späteren Jahren wurde dem Irak gestattet in unbegrenzter Höhe öl für humanitäre Güter zu verkaufen.
Sponeck stellt an Hand persönlicher Erfahrungen und UN-Dokumenten in einem flüssigen Erzählstil die Auswirkungen der UN-Sanktionspolitik im Irak als Folge der zynischen US-Politik gegenüber dem Irak dar. über lange Passagen des Buches kann man nachlesen, mit welchen absurden Argumentationen die US-Administration auch die kleinsten Erleichterungen für die irakische Bevölkerung zunichte machte und wie desaströs sich die Verknüpfung zwischen Abrüstung und humanitärer Hilfe im Erziehungs- und Gesundheitswesen sowie der sozialen Wohlfahrt im allgemeinen auswirkte. Sponeck sieht seine Rolle als Anwalt der geschundenen Zivilbevölkerung. Eine Position, die er eindrucksvoll vertritt, wenn sie auch manchmal etwas penetrant daherkommt und ein Monopol auf die „Hauptsorge, dem Wohlergehen des irakischen Volkes“ (S. 134) beansprucht.
Selbst bei seinem Kernthema – dem Sanktionsregime – sind seine Ausführungen nicht immer konsistent. Einerseits behauptet er, daß das Budget für die seit 1991 kurdisch verwaltete Region „in der alleinigen Veranwortung der kurdischen Lokalbehörden“ in Abstimmung mit UN-Vertretern umgesetzt wurde (S. 36) und somit dem Einfluß der irakischen Zentralregierung weitgehend entzogen war. Dann schreibt er allerdings einige Seiten später, daß das Budget für das irakische Kurdistan „keine Posten für Nahrungs- und Arzneimittelbeschaffung enthielt, da diese ja zentral von der Regierung des Iraks beschafft wurden“ (S.58). Die Nahrungs- und Arzneimittelbeschaffung waren jedoch zentraler Bestandteil dieses humanitären Programmes.
Diese Art von Sanktionen, verbunden mit begrenzten Bombardements, sind in ihren Auswirkungen in der Tat mit einem Krieg vergleichbar. Die Bevölkerung des Iraks wurde förmlich zwischen den beiden Mühlsteinen einer extrem aggressiven Diktatur und imperialer Machtpolitik zerrieben. Während die Positionen und Handlungen der imperialen Kriegspartei von Sponeck scharf konturiert herausgearbeitet wurden, bleibt die Gegenseite merkwürdig unwirklich. Natürlich fehlt der Verweis, daß es sich beim Baath-Regime um eine Diktatur handelt, die nicht vor Menschenrechtsverletzungen und Grausamkeiten zurückschreckt, nicht. Der Menschenrechtslage im Irak wird immerhin ein ganzes Kapitel gewidmet. Wenig erfährt man dennoch über Verhalten und Strategien des Regimes in diesem Krieg. Unbestritten ist, daß das 'oil for food-programme' das Leid der Zivilbevölkerung - zumindest teilweise - linderte. Warum problematisiert Sponeck nicht, daß sich das irakische Regime bis 1995 weigerte Nahrungsmittlelprogramme und den Einkauf von med. Gütern gegen den Verkauf von Erdöl abzuwickeln? Oder gab es etwa keine Wirtschaftssanktionen der Zentralregierung gegen den kurdischen Norden sowie eine Währungsumstellung, die zum Kollaps der Nordprovinzen führen sollte?
Zu oft kommt der Autor geradezu entschuldigend für das Verhalten der Zentralregierung daher. So waren denn auch die „Vorbehalte“ der irakischen Regierung gegen das Minenräumprogramm der UN in Irakisch-Kurdistan „recht verständlich“ (S. 61) und die irakische Regierung „hegten auch Befürchtungen ... innerhalb der Fünf-Kilometer Pufferzone im irakischen Kurdistan keine Minenräumung vorzunehmen.“ Hinter diesen so sachlichen Schilderungen verbirgt sich die Tragödie der Landminenopfer, deren Schilderung Sponeck auslässt. Große Gebiete des ländlichen Irakisch-Kurdistans wurden vom Baath-Regime auch gerade deshalb vermint, um die Rückkehr der vertriebenen Bevölkerung zu verhindern. In jener so wertfrei geschilderten Pufferzone, die vor dem 2. Golfkrieg auch einmal 30 km breit war, befinden sich auch unzählige Dörfer oder die Stadt Penjwin. Sollte man deren Bewohnner/innen erneut deportieren, um den Vorbehalten der irakischen Regierung nachzukommen?
Es ist bekannt, daß die Beziehungen zwischen Sponeck und den „kurdischen Lokalbehörden“ wie er die beiden Regionalregierungen nennt, recht gespannt waren. Dafür mag es vielleicht auch Gründe geben, die nicht Sponeck zu verantworten hatte. Dennoch fällt auf, wie wenig empathisch der Autor versucht, die reale Lebenssituation der Bevölkerung in Irakisch-Kurdistan in jenen Jahren zu erfassen. Ausführlich berichtet Sponeck über „Umsiedlungs- und Siedlungsbauprogramme“, die im Rahmen des UN-Programmes im Nordirak durchgeführt wurden (S. 58 ff). Diese Programme seien vornehmlich für die Opfer der innerkurdischen Auseinandersetzungen erforderlich gewesen, da die Zahl der von der irakischen Zentralregierung Vertriebenen „wahrscheinlich nicht mehr als einige Tausende betrug“ (S.59). Kein Wort in diesen Kontext über die zigtausenden Flüchtlinge, die seit 1991 in unter erbärmlichen Bedingungen in den Flüchtlingslagern des Nordens lebten, da sie nach dem Aufstand nicht mehr in ihre angestammten Gebiete, meist den um Kirkuk gelegenen ölfördergebieten, zurückkehren konnte. Wenig erfährt man über die Zerstörung von 4000 Dörfern und Städten wie Quala Dize, Said Sadig, Penjwin etc. die bis 1991 anhielten und deren Bevölkerung in Umsiedlungslager ohne Lebensgrundlage verschleppt worden waren. Lapidar heisst es „die Zerstörung von Dörfern und die Zwangsumsiedlungen sind Verbrechen, die der Aufklärung bedürfen“ (S. 301). Die spätestens seit 1991 bekannten Fakten, über das Ausmaß der Zerstörungen sind bereits heute exakt benennbar, ohne daß dazu weitere Forschungen abgewartet werden müssten. Bedauernd berichtet der Autor bei der Darstellung des Elektrizitätswesens über die gezielte „Zerstörung der Leitungsmasten auf der kurdischen Seite der Demarkationslinie“ (S. 76) ohne in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass diese auch benötigt wurden, um ehemals vom Baath-Regime zerstörte Städte wie Quaradagh oder Quala Dize wieder an das Stromnetz anzubinden.
Sponeck geht im Gegensatz zu vielen anderen Büchern über den Irak auf die vom irakischen Militär durchgeführten Anfal-Vernichtungsoperationen gegen die kurdische Landbevölkerung ein. In ihrem Rahmen wurden zehntausende Menschen ermordet, ungezählte verschleppt. Raum erhält in seiner Darstellung ein „ehemaliger hoher Regierungsvertreter“ der die Anfal-Operationen mit dem Argument es galt „den Norden unseres Landes vom Iran zu befreien und einen bewaffneten Aufstand der Kurden zu beenden“ (S. 301) rechtfertigt. Einer Argumentationslinie folgend mit der bisher noch jeder Völkermord als kriegsbedingt gerechtfertigt wurde. Diesem Argument will Sponeck zwar nicht folgen, lässt aber die eigene Position in einem Nebel der noch nötigen „weiteren Nachforschungen über diesen Zeitraum der irakischen Geschichte“ (S. 301) verschwinden. Sponeck, der immer wieder den Anspruch erhebt, das Leid der Zivilbevölkerung sei sein zentrales Thema, gibt hier den überlebenden der Anfal-Operationen keinen Platz, um über ihre Erfahrungen und ihr anhaltendes Elend zu berichten. Dies wäre ihm auch im Rahmen seines Mandates ein Leichtes gewesen. Zwar sieht auch Sponeck, daß die Verantwortung des Baath-Regimes für Anfal evident ist. Dies wird in einer Fußnote zugestanden (S. 300), um dann im selben Atemzug das Gerücht zu streuen, die Stadt Halabja sei 1988 vielleicht doch nicht von irakischen sondern eventuell von iranischen Flugzeugen mit Giftgas bombardiert worden. Auch hier hätte das Gespräch mit überlebenden Augenzeugen den Schleier lüften können.
Sponeck wendet sich mehrfach im Hinblick auf die Lage im Irak vollkommen zu Recht gegen das Denken in „Schwarzweißkategorien“. Leider ermöglicht seine Betrachtungsweise gerade keine differenziertere Einsicht in „die verzweifelte Lage des Iraks“ und tendiert häufiger zur Rhetorik denn zur kritischen Analyse. Dies behindert die Darstellung der Vielzahl von Widersprüchen in der irakischen Gesellschaft, die heute mit Gewalt ausgetragen werden. Unbestritten ist, dass die Verbrechen des Baath-Regimes von der US-Politik schamlos für eigene Interessen instrumentalisiert werden. Dies rechtfertigt aber dennoch lange nicht die Relativierung der Verbrechen.

Hans-C. Graf Sponeck: Ein anderer Krieg. Das Sanktionsregime der UNO im Irak.
Aus dem Englischen von Michael Bayer und Norbert Juraschitz.
Hamburger Edition, Hamburg 2005. 365 S. € 35.-

Bernhard Winter, Haukari e. V.

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Zu dem Prozess gegen Saddam Hussein u. a. – Chance eines gesellschaftlichen Neubeginns?

„Was soll der Prozess gegen Saddam? Überlasst ihn uns ... jede von uns würde einen Nagel in seinen Körper rammen ... !“ erklärte uns eine kurdische Witwe, deren männliche Angehörige während der Anfal-Operationen 1988 verschleppt und ermordet wurden. Dieser Aufschrei nach Jahrzehnten des Schmerzes und des Lebens am Rande der Gesellschaft zeigt welchen starken Emotionen und Forderungen der Opfer sich der Prozess gegen Saddam Hussein auch stellen muss. Kann er dazu beitragen, dass sich die ungezählten Opfer des Regimes zumindest in ihrer Klage wiederfinden? Dass ihr Schicksal von der gesamten irakischen Gesellschaft und darüber hinaus der gesamten (arabischen) Welt wahrgenommen wird? Dies ist eine der unabdingbaren Voraussetzungen dafür, dass das Leid gesellschaftlich bearbeitet werden kann und dies muss auch in der juristischen Aufarbeitung deutlich werden. Von einem Versöhnungsprozess soll in diesem Kontext noch gar nicht die Rede sein.
Demgegenüber wird seitens einer internationalen, vorwiegend westlich geprägten Öffentlich- keit allerdings auch die Erwartung an den Prozess gestellt, dass er zur Befriedung der irakischen Gesellschaft beitragen könnte. Er soll demonstrieren, dass die Zeit der Willkürherrschaft vorbei ist und eine neue der Rechtsstaatlichkeit verpflichtete Ära beginnt. Er soll sichtbar machen, dass Menschenrechtsverbrechen dokumentiert, aufgeklärt und die Veranwortlichen verfolgt werden und nicht mit Straffreiheit rechnen können. Dies schraubt die Maßstäbe an diesen Prozess besonders hoch, da er im Fall des Scheiterns zu einer Quelle neuerlicher Gewalt zu werden droht.
Damit nicht genug. Der Prozess muss zudem noch mit dem Verdikt, einer Siegerjustiz zu dienen, fertig werden.
Der Vorwurf der Siegerjustiz wird im Allgemeinen negativ konnotiert. Dies hält der historischen Betrachtung nicht stand. Die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse nach der Niederlage des Faschismus – Siegerjustiz per se – waren in einem hohen Maße völkerrechtlich und ethisch Norm bildend. Beispielhaftes wurde in ihrem Verlauf im internationalen Völkerrecht ( Definition und Verankerung des Begriffes „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“) oder auch in anderen Gebieten wie der Medizinethik geleistet. Diese Ergebnisse haben bis heute Bestand. Siegerjustiz im engeren Sinne meint denn auch die Durchsetzung grundlegender politischer oder ökonomischer Interessen einer siegreichen Partei mittels juristischer Verfahren. Zu Recht werden daher von der Genfer Konvention tiefgreifende Eingriffe in das Rechtssystem eines unterlegenen Staates durch den Sieger negativ sanktioniert.
Das irakische Recht wurde im Hinblick auf die anstehenden Prozesse gegen Führungsmitglieder und Helfershelfer des Baath-Regimes geändert. Dies war allerdings gerade zur Gewährleistung internationaler Standards erforderlich, da das Baath-Regime mehrere das Kriegsrecht und Menschenrechte betreffende internationale Konventionen unterschrieb und ratifizierte, sie dennoch nicht in nationales Recht umsetzte. Der erste Prozess gegen Saddam Hussein und andere Verantwortlichen des Baath-Regimes, der im Oktober 2005 begann, befasst sich mit einem Massaker in dem schiitischen Dorf Dudscheil im Jahr 1982 und stellt den Anfang einer ganzen Reihe von Prozessen dar.
Die Richter des Sondertribunals waren allesamt während der Zeit des Baath-Regimes innerhalb des Iraks tätig, häufig in untergeordneten und politisch wenig sensiblen Positionen. Eines der wichtigsten Auswahlkriterien für die jetzige Berufung als Richter des Sondertribunals war, dass sie kein Mitglied der Baath-Partei gewesen sein durften. Demgegenüber waren viele Untersuchungsrichter/innen bereits in den Jahren vor 2003 in den USA ausgebildet worden. Ob die Richter aus Gründen der mangelnden Qualifikation oder enger Beziehungen zu US-Institutionen einer entsprechenden Einflussnahme durch die ebenfalls meist in den USA beheimateten Berater des Gerichts besonders zugänglich sind, sei dahingestellt. Der vorsitzende Richter des Tribunals Muhammad Amin zumindest hat in einem Aufsehen erregenden Prozess, der 2004 in Sulaimania stattfand, seine Durchsetzungsfähigkeit gegenüber mächtigen politischen Strukturen bewiesen.
Laut Statut hat das Gericht die Möglichkeit, internationale Richter zu benennen. Davon wurde bisher kein Gebrauch gemacht. Bedenklich erscheint, das internationale auf diesen Feld erfahrene Organisationen insbesondere auch NGO's sich von der Vorbereitung und Durchführung des Prozesses weitgehend zurückgezogen haben. Dies erfolgte häufig mit der Begründung, dass die Möglichkeit der Verhängung der Todesstrafe gegeben sei. Diese wäre bei Beachtung des geltenden irakischen Rechtes nach 30 Tagen zu vollstrecken und kann nicht in eine Haftstrafe umgewandelt werden. Die Todesstrafe wiederum wird von den meisten internationalen Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch oder International Center for Transitional Justice (ICTJ) aus grundsätzlichen Erwägungen abgelehnt. Aus Sicht dieser Organisationen hätte mit dem Verzicht auf die Todesstrafe ein sichtbares Zeichen für eine neue Zeit und das Durchbrechen der Gewaltspirale gesetzt werden können und müssen.
Eine eklatante Schieflage besteht in der finanziellen Ausstattung des Gerichts im Vergleich zu den ermittelnden US-Behörden. Dem Gerichtshof steht ein Jahresetat von 15 Mio US-$ zur Verfügung. Die US-Botschaft in Bagdad verfügt hingegen über einen Jahresetat von 128 Mio $ um eigene Untersuchungen zu Menschenrechtsverbrechen des Baath-Regimes anzustellen und sie nach eigenem Gusto dem Gericht weiterzuleiten oder auch nicht. Bedenkt man zudem, dass die US-Administration neben dieser erheblich besseren materiellen Ausstattung über die größere Erfahrung und häufig lange eingespielte Beziehungen zu Wissenschaftlern wie Forensikern und Anthropologen verfügt, kann hier leicht der Verdacht der Manipulation aufkommen.
Zudem kontrolliert die US-Administration eine Unmenge in Katar eingelagerter sensibler Geheimdienst- und Regierungsakten aus Zeiten des gestürzten Regimes, über deren Herausgabe sie ausschließlich selbst bestimmt. Dies könnte den Manipulationsverdacht zugunsten von US-Interessen weiterhin erhärten. Diese Interessen sind keineswegs deckungsgleich mit denen der Opfer. Fanden doch besonders grausame Menschenrechtsverbrechen gerade auch zu Zeiten engerer Kooperation zwischen der US-Regierung und dem Baath-Regime statt.
Von internationalen Menschenrechtsvereinigungen wird zudem das vollständige Fehlen von Betreuungsangeboten für Zeuginnen und Zeugen beklagt. Unter diesen Bedingungen wird eine angemessene Berücksichtung sexueller Gewalt gegenüber Frauen noch zusätzlich erschwert. Ohnehin ist dieses Thema in der irakischen Gesellschaft extrem zu Lasten der betroffenen Frauen tabuisiert. Dem widerspricht nur scheinbar, dass mittlerweile eine Frau, die im Kontext des Massakers in dem Dorf Dudscheil 1982 vergewaltigt wurde, vor dem Tribunal ausgesagt hat.
Generell gewinnt man den Eindruck, dass die Opfer des Regimes, sofern sie nicht als ZeugInnen benötigt werden in der Prozessvorbereitung nur eine untergeordnete Rolle spielten.
Es ist von zahlreichen Beobachtern weiterhin bezweifelt worden, ob der Prozess angesichts der gewalttätigen Atmosphäre, die in weiten Teilen des Iraks herrscht, die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen kann. Auch Prozessbeteiligte – ein Richter und zwei Rechtsanwälte der Verteidigung – wurden mittlerweile Opfer von Anschlägen. Eine Verschiebung oder Aussetzung des Prozesses würde andererseits bedeuten, die Aufarbeitung der Verbrechen der jüngsten Vergangenheit im Irak weiterhin hintan zu stellen. Bereits jetzt läuft dieser Prozess für die Opfer quälend langsam. Zweifelsohne sind faire Gerichtsverfahren unabdingbar, um den Hunderttausenden von Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und die Wahrheit zu ergründen. Und dies stellt wiederum eine unabdingbare Voraussetzung für Aussöhnung und einen dauerhaften Frieden im Irak dar. Ob dies eine realisierbare Option ist, erscheint momentan offen.

Bernhard Winter, Haukari e.V.
30.12.2005

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„ENFAL“ - Ein Film von Haukari e.V.

Der Film produziert vom Dokumentationszentrum für Opfer politischer Gewalt in Sulaimania/Irak berichtet aus der Sicht von betroffenen&xnbsp;Frauen über die heutigen Lebensbedingungen und Perspektiven von Überlebenden der Anfal-Operationen. Die Anfal-Operationen im Jahr 1988 stellten umfassende Vernichtungsoperationen der kurdischen Landbevölkerung dar.
Der Dokumentarfilm wurde für ein irakisches Publikum&xnbsp;konzipiert und ins Deutsche übertragen. Die Fertigstellung erfolgte im November 2005.
Er eignet sich für Veranstaltungen oder auch Diskussionen in Schulklassen.


Dauer: 18 Minuten
Erhältlich auf DVD oder VHS.

Preis 12 € (DVD) bzw. 14 € (VHS)

Die Herstellung des Filmes wurde gefördert durch medico international e.V.


Der Film kann bezogen werden durch Haukari e.V.


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Jubiläumsveranstaltung 10 Jahre Haukari e.V. am 26.11.2005 in Frankfurt/Nieder-Eschbach – Ein Rückblick auf 10 Jahre

Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Gäste,

irgendwann 1994 wurde von Leuten, die seit 1991 in humanitären Hilfsprogrammen zur Unterstützung der Bevölkerung in Irakisch-Kurdistan aktiv waren, mit anderen, die unterschiedliche Zugänge zu der Region hatten, beschlossen einen Verein zu gründen. Nun gibt es ja noch viel Platz in den Registern der Amtsgerichte. Unser Anliegen war es allerdings nicht, diese zu füllen und zur Arbeitsbeschaffung in den Amtsstuben beizutragen.
Auf unser eigentliches Anliegen – oder soll ich modisch von Visionen und Missionen sprechen? - werde ich später noch eingehen.

Jedenfalls brauchte der zu gründende Verein einen Namen. Zuerst wurde in unseren Diskussionen der Name „Germian“ in Anlehnung an eine Region in Irakisch-Kurdistan, die unter der Repression des Baath-Regimes besonders intensiv zu leiden hatte, favorisiert. Dieser Region sollte unsere besondere Aufmerksamkeit zu teil werden. Nun ja Germian, German, Germania lagen einfach phonetisch zu eng beieinander ... so dass dieser Namensvorschlag fallen gelassen wurde. Aus Kurdistan kam dann der Vorschlag den Verein „Haukari“ zu nennen. Was auf Sorani-kurdisch so viel bedeutet wie Solidarität, Zusammenarbeit; wobei die Sprachwurzeln mehr das z u s a m m e n arbeiten und die Kollegialität betonen. Dies klang in unseren Ohren hell, freundlich dem Leben zugewandt, auch konnten wir der Bedeutung des Wortes etwas abgewinnen. Für das internationale Publikum wurde der Name noch mit dem Zusatz „Arbeitsgemeinschaft für internationale Zusammenarbeit“ bzw. „Association for international cooperation“ versehen.

Der Namen sollte sich im Laufe der Jahre allerdings durchaus als problematisch erweisen. Nicht nur dass uns häufiger die Frage gestellt wurde „wie bitte, wen haut ihr?“ oder wir auch meist etwas mitleidig darauf verwiesen wurden, die kurdische Provinz in der Türkei heisse doch Hakkari.
Auch kann man den Namen mehr sorani-kurdisch oder persisch akzentuiert aussprechen. Ich habe für mich beschlossen bei meiner hessischen Sprechweise zu bleiben.
Nachdem wir nach dem Sturz des Baath-Regimes 2003 auch Zugang zu dem Zentralirak hatten, erleichterte ein kurdischer Name nicht unbedingt den Kontakt zu nicht kurdischen Bevölkerungsgruppen.
Auch mit dem zusammen arbeiten ist das so eine Sache. Arbeit gibt es genug, um nicht zu sagen im Übermass. Immer wieder muss aber dieses „zusammen“ neu definiert werden. Nicht nur mit unseren irakischen Partnerinnen und Partnern sondern auch unter den Aktiven in der BRD.
Auch müssen wir uns zuweilen fragen, wie wir in der Diskussion mit unseren irakischen Partnerinnen und Partnern unseren kollegialen-solidarischer Anspruch umsetzen. Haukari initiierte 1996 das Frauenzentrum „Khanzad“ in Sulaimania und fördert es seither kontinuierlich.
Dies ist wiederum nur dank der Spenderinnen und Spender möglich. Zweifelsohne gäbe es ohne Haukari das Zentrum in dieser Form nicht, die kurdischen Frauen hätten nicht die Möglichkeit die benötigen Ressourcen aufzubringen. Doch ist es in Sulaimania ein wichtiger Ort für den Kampf um Frauenrechte und zur Frauenbildung. Wir müssen uns dennoch kritisch fragen, ob es nach den vielen Jahren der Förderung zu paternalistischen Abhängigkeiten gekommen ist oder ob wir weiterhin solidarisch zusammenarbeiten?

Nun noch einmal zurück zur Gründung des Vereins. Also wir hatten denn schließlich einen Namen gefunden, auch eine Satzung ausgearbeitet, ein Gründungsprotokoll geschrieben und den Verein 1995 in das Vereinsregister eintragen lassen. Nun brauchten wir noch ein Bankkonto auf das, wie wir annahmen, unzählige Menschen ihre Spenden tätigen würden. Aus praktischen Überlegungen hatten wir uns für ein Postscheckkonto, wie das damals noch hieß, entschieden. Nach dem Einreichen der Unterlagen hörten wir mehrere Wochen nichts. Es erfolgten telefonische Nachfragen, wobei wir zuletzt mit einer Stelle in Bonn verbunden wurden. Dort wurde dann klipp und klar erklärt, in unserer Satzung stände etwas von Kurdistan und daher müsse diese Kontoeröffnung besonders geprüft werden. In der Tat hatten wir in der Präambel geschrieben, dass der Verein zunächst in Irakisch-Kurdistan aktiv werden wolle. Wer sich denn da alles mit unseren Akten beschäftigte wissen wir nicht und können wir nur vermuten. Nach einer unsererseits nicht gerade freundlich geführte Diskussion, erhielten wir dann doch ein Geschäftskonto.
Offensichtlich war allein das Wort „Kurdistan“ in den neunziger Jahren in der BRD ein Reizwort. Um so erstaunter ist der Beobachter wenn er dieser Tage anlässlich des Besuches des Präsidenten der autonomen Region Kurdistan in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ lesen konnte, dass gerade Irakisch-Kurdistan von früheren Bundesregierungen besonders gefördert worden sei. Auch hätten die irakischen Kurden seit vielen Jahren besonders gute Beziehung zur Partei unserer Bundeskanzlerin.
Unsere Wahrnehmung war da eine andere. Nur wenige in Europa interessierten sich damals für die Situation im Irak oder gar Irakisch-Kurdistan. Irakische Flüchtlinge stellten über Jahre die größte Gruppe, die in Europa ankam. Die Gründe ihrer Flucht wurden wenig reflektiert. Wir wollten mithelfen dies zu ändern. Wichtig war uns dabei auch zu zeigen, welche gesellschaftlichen Verwerfungen die Baath-Diktatur hervorgerufen hatte, welche Bedeutung beispielsweise die Folgen Anfal-Operationen heute noch haben. Darauf werden wir später an diesen Abend noch eingehen. Hier sei festgehalten, dass uns Anfal die ganzen Jahre über intensiv beschäftigt. Auf der anderen Seite war es uns auch wichtig zu thematisieren, dass es trotz der verhängnisvollen innerkurdischen Auseinandersetzungen, die zeitweilig militärisch ausgetragen wurden, Ansätze gab die Folgen der Diktatur zu überwinden. Die vielen kleinen oft auch zaghafte Schritte, die Frauen und Männer unternahmen, um gesellschaftliche Diskussionsräume für partizipative und emanzipative Veränderungen zu eröffnen forderten unseren Respekt. Auch hier stand an erster Stelle der Kampf um Frauenrechte.
Mit der gegenüber dem Irak nach dem 11. September 2001 aggressiver werdenden Politik der US-Regierung war das Jahrzehnt des Schweigens vorbei. Plötzlich eroberten in Deutschland die Irakexperten die Medien und Stammtische. Schnell war ausgemacht wer Freund, wer Feind war. Freunde des Feindes konnten dann selbst wieder nur Feinde sein. Dieses Muster wird unverdrossen bis heute durchgehalten. Die Ursache der Gewaltspirale im Irak wird ausschließlich auf die militärische Besatzung und den unbestreitbaren Ölinteressen der Besatzungsmächte reduziert. Wir haben in dieser Diskussion versucht quer zu diesen Meinungen auch die Sichtweise unserer Partnerinnen und Partner im Irak einbringen. Diese war nicht immer unsere; die Auseinandersetzung mit ihr ermöglichte aber einen differenzierteren Blick auf den Irak jenseits vorgefasster Meinungen. Wir lehnten diesen Waffengang ab. In unseren Augen war es auf den Hintergrund der spannungsreichen Geschichte zwischen Orient und Okzident äusserst zweifelhaft, daß eine militärische Intervention westlicher Hegemonialmächte eine Grundlage für einen erfolgreichen Demokratisierungsprozess bilden könnte. Ganz dezidiert lehnten wir allerdings auch die Position ab, die meinte die Baath-Diktatur sei ein Diktatur wie unzählige andere auch und wiese nicht eine spezifische Aggressivität nach innen und aussen auf. Mit dieser Haltung waren wir sowohl für Kriegsgegner als auch für Kriegsbefürworter unsichere Kantonisten. Dieses Spannungsfeld auszuhalten war nicht immer einfach, aber ausgesprochen lehrreich. Wir sassen also zwischen allen Stühlen, aber gerade dies kann manchmal einen besonders erhellenden Blick begünstigen.
Unsere Projektarbeit, die wir ab 2003 intensivieren konnten, unterstützten weiterhin Ansätze eines selbstbestimmten Demokratisierungsprozesses. Auch hier erscheint uns die Stärkung von Frauen im gesellschaftlichen Prozess unabdingbar zu sein. Verstärkt widmen wir uns in den letzten zwei Jahren der Arbeit mit unterschiedlichen Opfergruppen politischer Gewalt und versuchen Versöhungspotentiale auszuloten.
Die zuweilen drängen Angeboten seitens der Interventionstruppen und ihrer ziviler Strukturen, uns zu unterstützen lehnten wir trotz unserer notorischen Mittelknappheit ab. Um so mehr freuen wir uns Partner wie medico international und Oxfam Deutschland gefunden zu haben, die unsere Projektarbeit großzügig unterstützen und sie darüber hinaus inhaltlich teilen.

Soweit der stellenweise etwas persönlich gefärbte Rückblick auf 10 Jahre. Ich gebe zu, ich bin ein schlechter Propagandist unserer Sache, ich hätte mehr die Erfolge unserer Arbeit herausstellen sollen. An dem ein oder anderen Punkt werden wir diesbezüglich noch Gelegenheit haben.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen unseren Spenderinnen und Spendern sowie den Förderern , die uns zum Teil seit vielen Jahren die Treue halten, herzlichst zu danken. Nicht minder gilt unser Dank den ehrenamtlich tätigen Mitstreiterinnen und Mitstreitern, die uns in vielfältiger Weise geholfen haben.



Ich danke für die Aufmerksamkeit und wünsche uns allen noch einen schönen Abend.

Bernhard Winter, Vorsitzender Haukari e.V.


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Zur Problematik der Vermissten und Verschwundenen im Irak

In den letzten vier Jahrzehnten verschwanden im Irak Menschen aus unterschiedlichen Anlässen. Bereits in den sechziger Jahren haben verschiedene politische Regimes Andersdenkende verschwindenlassen. Diese Praxis wurde unter dem Baath-Regime in den siebziger Jahren systematisiert.
Die genaue Anzahl der vermissten Personen im Irak ist unbekannt. Die Schätzungen reichen von mehreren hundertausend bis zu über eine Million Vermissten und Verschwundenen. Eine Schätzung der Menschenrechtsorganisation “Human Rights Watch” aus dem Jahre 2004 geht von 290.000 Vermissten aus. In den bisher offiziell registrieten 200 Massengräbern werden mindestens 300.000 ermordete Männer, Frauen und Kinder vermutet. Das Menschenrechtsministerium in Bagdad hat bisher die Akten von 160.000 vermissten und verschwundenen Personen zusammengetragen. Millionen Familienangehöriger warten auf eine Nachricht über das Schicksal ihrer Angehörigen.

Auch 17 Jahre nach Ende der Kriegshandlungen im irakisch-iranischen Krieg (1980-88) ist das Los zahlreicher Soldaten beider Seiten ungeklärt. Immer wieder werden in den Massengräbern auch iranische Kriegsgefangene gefunden.
Die kuwaitische Regierung beziffert die Anzahl der vermissten kuwaitischen Staatsbürger nach der irakischen Invasion 1990/91 mit 609. Bisher wurden 200 Leichen in Massengräbern auf irakischen Territorium geborgen.
Besonders zahlreich sind die Verschwunden nach Repressionskampagnen gegen die interne Opposition. 1983 wurden 8.000 Männer des Barzani-Stammes aus dem kurdischen Norden verschleppt; bis zu 182.000 Menschen verschwanden 1988 während der Anfal-Operationen gegen die kurdische Landbevölkerung; zehntausende Schiiten waren nach dem fehlgeschlagenen Aufstand in Basrah 1991 deportiert worden. Systematisch wurden in den neunziger Jahren Bewohner der Marschgebiete verschleppt. Die assyrischen, turkmenischen oder yezidischen Minderheiten waren von den Repressionsmassnahmen nicht ausgeschlossen. Diese Aufzählung beinhaltet nur die markantesten Repressionskampagnen der baathistischen Gewaltherrschaft. Es gehörte zum Alltag des Regimes, daß Einzelpersonen, Menschen- gruppen oder Familien willkürlich verhaftet wurden und verschwanden. Dabei richtete sich die Repression nicht nur gegen politische Gegner wie Kommunisten oder islamische Gruppierungen, sondern war in ihrer Willkürlichkeit, die letztlich jeden treffen konnte, integraler Bestandteil der Machtausübung.
Das Verschwindenlassen wurde insbesondere auch als Mittel zur tiefsten Demütigung der betroffenenen Familien begriffen. Viele Familien wurden entsprechend nicht über die Hinrichtung von Angehörigen informiert, während andere in einer dem staatlichen Terror eigenen Typologisierung der Opfer die Leichen übereignet bekamen, um sie nach dem entsprechenden traditionellen Ritus beizusetzen. Häufig zitiert wird in der einschlägigen Literatur die zynische Antwort des Präsidialbüros Saddam Husseins auf die Anfrage eines irakischen Soldaten, der aus iranischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrend nach dem Verbleib seiner Familie zu fragen wagte: “Bezugnehmend auf Ihre Eingabe vom 4. Oktober 1990. Ihre Frau und Kinder gingen während der Anfal-Operationen, die 1988 in der Nordregion stattfanden, verloren.”
Auch in den momentan anhaltenden Kämpfen verschwinden andauernd Menschen. Sei es, dass sie von den “Aufständischen” verschleppt werden oder die staatlichen Stellen bzw. die ausländischen Besatzungstruppen Inhaftierungen den Familien nicht mitteilen. Immer wieder kommt es zu Fluchtbewegungen aus umkämpften Städten, die Familien auseinanderreissen.

Ungezählte Familien leben in Ungewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen und im Zustand eines ständigen Provisoriums zwischen Verzweiflung und der Hoffnung, die Angehörigen könnten noch leben und zurückkehren. Wenn auch davon ausgegangen werden muss, dass die meisten Verschwundenen ermordet wurden, so nähren beispielsweise Berichte in zahlreichen kurdischen Medien über den Verkauf von jungen kurdischen Frauen aus Kirkuk an Nachtclubs in Ägypten die Hoffnung, doch noch überlebende Verwandte zu finden.
Tausende überlebende Frauen in den Anfal-Gebieten und im Südirak haben mit den Massendeportationen zum Teil ihre gesamte männliche Verwandtschaft verloren. Sie sind besonderen psychischen Belastungen ausgesetzt. Nach den erlittenen Gewalterfahrungen leben sie in einem permanenten Wartezustand, der es ihnen unmöglich macht, mit der Vergangenheit abzuschließen und Neues zu beginnen. Ihre rechtliche und soziale Situation bleibt ungeklärt, da die patriarchale und traditionelle Gesellschaft keine Lebensentwürfe für alleinstehende Frauen vorsieht. Sie müssen die Ehre ihrer verschwundenen Männer, Väter und Brüder wahren, ohne aber deren Versorgung und Schutz zu genießen. Diese Frauen leben zumeist in prekären ökonomischen Verhältnissen, sind Analphabetinnen und haben kaum Zugang zu Informationen und Bildung. Als alleinstehende Frauen, die für sich und ihre Kinder den Lebensunterhalt verdienen müssen, sind sie Verdächtigungen ihres sozialen Umfelds ausgesetzt und häufig Opfer von Bestrafungen aus “Ehrgründen“ und gewalttätigen sowie sexuellen Übergriffen. Diese spezifische Problematik alleinstehender überlebender Frauen Ermordeter bzw. Verschwundener teilen Frauen aus allen ethnischen Gruppen und religiösen Richtungen.
Ein psychischer Zustand des “Gefrorenseins in der Vergangenheit” ist bezeichnend für die Situation von Angehörigen Verschwundener. Der Verlust des geliebten Menschen wird ständig neu durchlebt ohne einen Endpunkt zu finden. Häufig können die Angehörigen von Verschwundenen keinen Trauerprozess durchlaufen und mit der Vergangenheit abschließen. Der Weg zu neuen Lebensperspektiven erscheint verbaut.

Öffnung der Massengräber, Sicherung von Beweisen sowie die Aufklärung der Angehörigen – das ist nur der Anfang eines langen Weges, der vor der irakischen Gesellschaft liegt. Wie schwierig dieses Unterfangen sein wird, zeigen die Erfahrungen aus Bosnien-Herzigowina. Dort wurden nach Ende der Kampfhandlungen 1995 30.000 vermisste Menschen gezählt. Trotz breit angelegter internationaler Unterstützung waren bis zum Jahre 2003 erst 15.000 Tote exhumiert und 9.000 identifiziert worden. Dies zeigt angesichts ganz anderer Opferzahlen, welche unermeßlichen Aufgaben im Irak anstehen.
Unmittelbar nach dem Sturz des Baath-Regimes zogen tausende verzweifelte Angehörige Verschwundener zu Orten, an denen Gräber vermutet wurden. So sprach sich schnell herum, dass die Gräber zahlreicher Opfer der Anfal-Kampagnen im Südirak zu finden waren. Häufig gruben sie auf eigene Faust und suchten nach Kleidungs- und Schmuckstücken sowie Identitätskarten. Regelmäßig wurden bei diesem Vorgehen Hinweise auf Vermisste und Beweise für Verbrechen zerstört. Viele Gräber werden jetzt bewacht, um solchen spontanen Nachforschungen Einhalt zugebieten. Bisher wurde nur ein Massengrab (al Hathra) regulär forensisch untersucht. Es soll Beweise in den anstehenden Strafprozessen gegen die führenden Köpfe des Baath-Regimes liefern. Diese Graböffnung war allerdings in keine umfassendere Strategie eingebunden.
Erschwert wird die Aufklärung des Schicksals der Vermissten nicht nur durch die prekäre Sicherheitslage. Dieser Prozess ist auch erbitterter Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzungen wie sie sich beispielsweise in einer politisch motivierten theologischen Diskussion niederschlägt. Während der schiitische Großayatollah al-Sistani in einer Fatwa die Öffnung der Massengräber billigte, da die Toten nicht nach islamischen Ritus beigesetzt sondern nur verscharrt seien, sieht dies ein Teil der sunnitischen Religionsgelehrten anders. Sie argumentieren, daß nach islamischem Recht eine Exhumierung frühestens nach sechzig Jahren statthaft sei, da ansonsten die Totenruhe gestört werde.
Die Ergebnisse der Ausgrabungen zusammen mit den schriftlichen Dokumenten über die Verbrechen des Regimes bergen erheblichen Sprengstoff für die weitere politische Entwicklung im Irak. Bisher befinden sich die Dokumente in unterschiedlichen Händen: einen Teil verwaltet die irakische Zentralregierung, einen Teil die im US-amerikanischen Exil gegründete Iraq Memory Foundation, andere sind in den Händen irakischer politischer Parteien, lokaler Initiativen wie dem Committee of Free Prisoners oder auch einzelner ehemaliger Mitarbeiter des Regimes. Sicherlich haben auch die Besatzungstruppen, sie interessierende Papiere und Filmmaterial zur Seite geschafft. Immer wieder werden Dokumente mit Namen von Tätern, Helfershelfern und Opfern zum Kauf angeboten. Diese Dokumente sind unerlässlich um das Schicksal der Verschwundenen zu klären. In den Händen der Täter bedeuten sie aber Straffreiheit, in den Händen der Opfer bergen sie die Gefahr von Racheakten. Andere Akteure können sie für (politisch motivierte) Erpressungen nutzen. Deren Besitzer haben häufig kein Interesse daran, sie zur Ermittlung Vermisster zur Verfügung zu stellen.

Der Suchdienst des Internationalen Kommitees des Roten Kreuzes (IKRK) ist zwar aktiv im Irak aktiv und hat insbesondere zur Klärung zahlreicher Soldatenschicksale beitragen können, aber auch seine Arbeitsmöglichkeiten sind angesichts der Sicherheitslage erheblich eingeschränkt. Seinem spezifischen Status gemäss, ist das IKRK sehr darauf bedacht, nicht in politische Auseinandersetzungen einbezogen zu werden, was zusätzlich den Handlungs- spielraum einschränkt. Der schleppende Verlauf in der Klärung des Schicksals der Vermissten steht im scharfen Kontrast zum Drängen der Verwandten, die nach jahre- bzw. jahrzehntelangem Warten endlich Klarheit über das Schicksal ihrer Angehörigen einfordern.
Es gibt mittlerweile eine Reihe von irakischen Menschenrechtsorganisationen, die sich der Problematik anzunehmen versuchen. Häufig bestimmt die Bindung an eine Partei oder ethnische Gruppierung ihre Arbeit. Selbstorganisationen von Angehörigen und Familien Vermisster, die auf dem Balkan ein wesentliches Element in dem Klärungs- und Versöhnungsprozess sind, spielen im Irak nur eine untergeordnete Rolle. Gründe sind darin zu suchen, dass alleinstehende Frauen und frauengeführte Familien in dieser stark patriachalisch geprägten Gesellschaft nur über sehr eingeschränkte Bewegungsspielräume verfügen. Viele betroffene Frauen sind zudem Analphabetinnen, da die Repressionskampagnen in zahlreichen Fällen besonders vernachlässgten Regionen Iraks betrafen.
Unter Federführung der UN-Mission im Irak (UNAMI) wird momentan in Absprache mit der irakischen Regierung ein unabhängiges Zentrum im Irak zur Klärung des Schicksals Vermisster aufgebaut. Als erste Maßnahme des Klärungsprozesses soll es versuchen flächendeckend die persönlichen Daten Vermisster und Verschwundener zu erfassen. Weitere Schritte sollen sich zukünftig an dem Ziel orientieren, den Überlebenden ein “normales” Leben zu ermöglichen.
Es gilt Wege der Versöhnung aufzuzeigen, ohne das Bedürfnis der Opfer nach Gerechtigkeit zu vernachlässigen, um die Überlebenden in ihren Forderungen nach Gerechtigkeit und Entschädigung sowie bei der Entwicklung neuer Lebensperspektiven zu unterstützen. Und es gilt, dabei alle ethnischen, religiösen, politischen Gruppen der irakischen Gesellschaft angemessen zu beteiligen.

B. Winter, Frankfurt/Berlin 18.10.2005


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Einladung zur Veranstaltung 10 Jahre HAUKARI e.V.

Wir möchten diese Gelegenheit auch nutzen, uns bei Unterstützer/innen und Förder/innen zu bedanken.

Datum: Samstag den 26.11. 2005, Beginn ca. 18 Uhr
Ort: Evangelisches Gemeindezentrum, Albert-Schweitzerstr. (gegenüber Haus Nr. 9), Frankfurt/Main/Nieder-Eschbach

In diesem Rahmen wird erstmals öffentlich der Kurzfilm (ca. 20 Min.) des Haukari-Dokumentationszentrums Sulaimania zu den Folgen der Anfaloperationen in Irakisch-Kurdistan gezeigt werden.
In mehreren kurzen Beiträgen werden wir über die aktuelle Lage im Irak und die Arbeit von Haukari e.V. berichten.
Daneben wird natürlich für Speise und Trank sowie Musik und Kulturbeiträge gesorgt werden.


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Pressemitteilung Irakisch-Kurdistan: Aufbau jenseits des Terrors

Programm zur Gesundheitserziehung in 24 Dörfern in Germian/Nordirak begonnen

Nach wie vor beherrschen Bilder über Terroranschläge die Nachrichten aus dem Irak. Über die häufig mühselige Aufbauarbeit in durch Krieg oder bewusste Vertreibung zerstörten Gebieten gibt es nur wenig Berichte.
Anfang Juni 2005 begann die Kurdistan Health Foundation (KHF) ein langjähriger Projektpartner von Haukari e.V. mit einem Programm zur Gesundheitsvorsorge in 24 Dörfern in der Region Germian in Irakisch-Kurdistan. In den Dörfern leben ca. 4.500 Menschen.
Die Region Germian war 1988 durch Militäroperationen des irakischen Baath – Regime, den sogenannten Anfal – Operationen, vollständig zerstört worden. Die Überlebenden, in der Mehrzahl Frauen und Kinder, wurden in Umsiedlungslager deportiert. Nach dem Golfkrieg 1991 engagierten sich nur wenige Hilfsorganisationen in dieser Region, da sie unmittelbar an der Demarkationslinie zu dem von der irakischen Regierung kontrollierten Gebieten lag. Ein großer Teil der Bevölkerung ist in den letzten Jahren nach dem Sturz des Baath-Regimes in ihre angestammten Dörfer zurückgekehrt. Hier sind sie mit grundlegenden Problemen der Hygiene und der Trinkwasserversorgung konfrontiert. Dies beeinträchtigt den Wiederaufbau der Region nachhaltig. Da die Menschen Jahre in Lagern leben mussten, haben viele den Umgang mit solchen Problemen regelrecht verlernt bzw. nie erlernen können. Etwa 50% der erwachsenen Bevölkerung sind Analphabeten. Das Projekt soll daher Bewusstsein fördern, wie mit einfachen in den Dorfgemeinschaften vorhandenen Mitteln, die gesundheitliche Lage der Bevölkerung verbessert werden kann.
Die mobilen Teams der KHF arbeitet in Dörfern, die keine Gesundheitsposten haben. Sie sichern die medizinische Grundversorgung und führen Maßnahmen zur Gesundheitserziehung und Hygiene durch (bis hin zur Instandsetzung von Wasserstellen, adäquate Wasserbevorratung, Trennung von Trink- und Brauchwasser etc.).

Jedes Team besteht aus einem/r Arzt/Ärztin, Sozialarbeiter/in, Gesundheitserzieher/in und einem Koch. Während des Aufenthaltes in den Dörfern wird jeder Haushalt besucht und mit einem Fragebogen die soziale und gesundheitliche Situation der Angehörigen erfasst. Weiterhin wird der Stand medizinischen Grundlagenwissens festgestellt. Anschließend werden in Kleingruppen geschlechtsspezifisch grundlegende Fragen zur Krankheitsprävention insbesondere der Hygiene aber auch zum Vorgehen bei bestimmten Erkrankungen erörtert. Es wird dargestellt, welche lokalen Ressourcen genutzt werden können. Neben Handzetteln und Postern werden audiovisuelle Medien wie Dias, Videos und auch Radioprogramme genutzt und in Gruppendiskussionen didaktisch vermittelt und erarbeitet. Ein spezielles Programm widmet sich der Ausbildung von Ersthelfern und traditionellen Hebammen.
Die hier eingesetzten Teams der KHF verfügen über langjährige Erfahrung in der medizinischen Hilfe unter prekären Bedingungen und limitierten Ressourcen. Da viele MitarbeiterInnen der KHF aus der Region Germian stammten, sind sie mit den lokalen Verhältnissen gut vertraut.
Das Programm konnte von Haukari e.V. u.a. mit Fördermitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit realisiert werden.

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Irakisch-Kurdistan im Sommer 2005

Die in Irakisch-Kurdistan im vergangenen Jahr gegenüber den gewaltsamen Auseinander- setzungen in anderen Landesteilen des Iraks noch demonstrativ gezeigte Gelassenheit scheint verflogen zu sein. Auch den kurdischen Verantwortlichen ist bewußt, daß das terroristische Bedrohungsszenario noch längere Zeit andauern wird. Augenfällig wird dies, wenn an den Ausfallsstraßen der kurdischen Großstadt Sulaimania die checkpoints durch riesige Abfertigunghallen ersetzt werden. Der Besuch der Stadt gleicht jetzt einem Grenzübertritt. Auf den Straßen Sulaimanias sind heute deutlich mehr bewaffnete Sicherheitskräfte zu sehen als bei den vergangenen Besuchen. Die Hoffnung, dass die Zunahme der Anschläge nach den Parlamentswahlen am 30. Januar diesen Jahres ein letztes Aufflammen des „Widerstandes“ sei, ist verflogen. Auch im Norden häufen sich die Anzahl der Anschläge und es mehren sich Meldungen über ausgehobene bewaffnete islamistische Gruppierungen. Dennoch erscheint die Sicherheitslage hier insgesamt stabil, was die meisten Kurdinnen und Kurden der Arbeit der kurdischen Sicherheitspolizei „Asaisch“ zuschreiben. Die Anwesenheit südkoreanischer Besatzungstruppen in Arbil wird eher symbolisch gewertet.
Die Bedrohung wird von außen kommend wahrgenommen, was eine Haltung der Abgrenzung und Abschottung gegenüber dem restlichen Irak begünstigt. Dies drückt sich in täglichen Gesprächen oder auch in der Forderung nach einem in der neuen Verfassung verbrieften Sezessionsrecht Irakisch-Kurdistans aus, wie sie von 1,9 Mio. UnterzeichnerInnen in einer Petition an das Parlament kundgetan wurde. Dies ist denn auch eines der wenigen Themen der Verfassungsdebatte, die breit in der Bevölkerung diskutiert werden.
Die Bedrohung durch die Gewalt hat allerdings das Leben keineswegs ersticken können. Der im Herbst 2003 im Nordirak einsetzende Wirtschaftsboom ist ungebrochen. Überall wird gebaut, viele Geschäfts- und Privathäuser, aber auch Überlandstraßen, Krankenhäuser und weiterführende Bildungseinrichtungen. Ganze Stadtviertel werden aus dem Boden gestampft. Nicht nur symbolträchtig ist der Ausbau der Flugpisten von Arbil und Sulaimania zu Flughäfen, die Standards des internationalen Flugverkehrs erfüllen. Forciert wird der Aufbau einer eigenständigen petrochemischen Industrie angegangen. Ansonsten sind industrielle Unternehmungen eher die Ausnahme. Die Bauvorhaben werden in der Regel von ausländischen, meist türkischen aber auch russischen und chinesischen Baufirmen ausgeführt. Die ökonomische Entwicklung erreicht dort ihr Limit, wo weitergehende Voraussetzungen wie ausreichende Energieresourcen fehlen, wie die täglichen Stromsperren auch im Nordirak zeigen.
Umfangreiche Einstellungen in den Öffentlichen Dienst verbunden mit einer deutlich spürbaren Erhöhung des Reallohnes sorgten dafür, dass der materielle Lebensstandard der Bevölkerung sich trotz einer noch bestehenden Arbeitslosenquote in Irakisch-Kurdistan von ca. 15% (im gesamten Irak wird sie auf 25 – 40% geschätzt) unbestreitbar verbessert hat. Mit den Einnahmen aus den Ölverkäufen und Überweisungen der US-Regierung wurde der öffentliche Dienst bis ins Absurde aufgebläht, so dass selbst dort Beschäftigte über die ständige Unterbeschäftigung klagen. Bisher gesellschaftlich marginalisierte Gruppen, wie beispielsweise Familien, die während der Anfal-Operationen – 1988 durch geführte gegen die kurdische Landbevölkerung gerichtete Militäroperationen – den Großteil ihrer männlichen Angehöringe verloren, erhalten jetzt eine bescheidene Rente.
In dem Prozess der nachhaltigen Kapitalisierung des täglichen Lebens gewinnt man den Eindruck, dass die gesamte Gesellschaft einmal umgekrempelt wird und keiner scheint es so richtig zur Kenntnis zu nehmen. Zu hinterfragen ist darüber hinaus, was das im Kern an der für den Mittleren Osten klassischen Rentenökonomie orientierte Wirtschaften dauerhaft zu leisten vermag oder ob es sich nicht eines Tages als große Luftblase entpuppt. Dies wird spätestens dann der Fall sein, wenn die angestrebte Weltmarktorientierung zu greifen beginnt.
Die politische Sphäre entzieht sich zunächst dieser Dynamik. Hier versuchen die beiden dominierenden Parteien Demokratische Partei Kurdistans (DPK) und Patriotische Union Kurdistans (PUK) gemäß ihrem lange Zeit praktizierten Politikverständnis in den von ihnen kontrollierten Provinzen hegemonial zu wirken und die zentralen gesellschaftlichen Felder zu kontrollieren. Sie achten eifersüchtig darauf, dass der Konkurrentin kein wie auch immer gearteter Vorteil entsteht. So hält die seit über einem Jahrzehnt bestehende politische Blockade an. Die schon lange geplante Zusammenlegung der beiden kurdischen Verwaltungen kommt trotz massiven Drucks seitens der US-Administration allenfalls zögerlich voran. Dieses gegenseitige Blockieren führt beispielsweise dazu, dass es mittlerweile vom nordirakischen Sulaimania einfacher ist telefonisch Baghdad oder Basra zu erreichen, als die kurdische Hauptstadt Arbil, da beide kurdischen Verwaltungen unterschiedliche Telefongesellschaften präferieren.
Von vielen Kurdinnen und Kurden wurde bereits zu den Wahlen am 30. Januar kritisch angemerkt, dass zum kurdischen Regionalparlament eine Einheitsliste, die neben der DPK und PUK die Islamische Liga, die Kommunistische Partei Kurdistans, die Partei der Werktätigen sowie kleinere christliche und turkmenische Parteien umfasste, antrat. Dabei war die Sitzverteilung zwischen DPK und PUK schon vor der Wahl festgelegt. Als einzige Opposition fungieren jetzt die nicht auf der Einheitsliste angetretenen Islamisten, die 6 von 111 Sitzen erhielten. Dennoch trat das neugewählte Parlament erst am 4 Juni zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Sie wurde erst möglich nachdem sich die beiden Parteiführungen über eine langfristige Besetzung der Führungspositionen in der kurdischen Region geeinigt hatten und gab erneut ein Beispiel der Herrschaft der Politbüros über das Parlament. Anhänger der Parteien äußern ihre Unzufriedenheit mit dem schleppenden Fortgang des Demokratisierungsprozesses. Die Parteiloyalitäten sind aber noch so übermächtig, als dass sich bereits jetzt ein Umschwung an der Basis abzeichnen würde.
Dem Hegemoniebedürfnis der Parteien werden allerdings zunehmend Grenzen gesetzt. Mit Internet und Satelliten-TV ist den meist von Parteien kontrollierten lokalen Medien eine wichtige Konkurrenz erwachsen. Viele aus dem europäischen oder amerikanischen Exil Zurückkehrende nehmen häufig dank ihrer Ausbildung und Berufserfahrung mit anderen zentrale Positionen in Behörden und öffentlichen Institutionen ein. Sie bringen auch andere
Erfahrungen über Diskussions- und Entscheidungsprozesse mit. Während diese strukturellen Veränderungen erst zukünftig gesellschaftliche Widersprüche erzeugen mögen, haben Studentinnen und Studenten in Sulaimania im Frühjahr diesen Jahres durch einen Streik schon deutlich gemacht, dass für sie die Bevorzugung von Parteikadern und Kinder reicher Familien bei der Studienplatzvergabe nicht akzeptabel ist.
Wie steht es um den von kurdischer Seite häufig deklamierten Anspruch vorbildlich für den gesamten Irak wirken zu können. Trotz aller Schwierigkeiten konnten sich in den kurdischen Gebieten in den letzten Jahren Ansätze einer Zivilgesellschaft, wie Frauen- und Menschenrechtsgruppen entwickelm. In mühseliger Kleinarbeit ist es gerade in den letzten Jahren gelungen, Freiräume für gesellschaftliche Diskussionen tabuisierter Themen zu schaffen. Tabus, deren Bruch oftmals mit einschneidenden gesellschaftlichen Sanktionen belegt wurde. Momentan wird eine Diskussion über weibliche Genitalverstümmelung geführt. Als gesichert kann gelten, dass sie in ländlichen Gebieten Irakisch-Kurdistans durchgeführt wird. Diskutiert wird hingegen, welches Ausmaß die Genitalverstümmelung heute hat. Da gehen die Bewertungen unterschiedlicher Studien und Berichte auseinander. Inzwischen gibt es zahlreiche Berichte in den Medien zu diesem Thema. Selbst Mullahs sollen sich in die Kampagne gegen Genitalverstümmelung eingeklinkt haben. Die Frauenorganisationen sind sich einig, dass diese Form der öffentlichen Diskussion vor 10 Jahren nicht denkbar gewesen wäre. Neben den sowieso vorhandenen Tabuwächtern, versuchten damals die auf dem Hintergrund innerkurdischer Auseinandersetzungen erstarkten islamistischen Gruppierungen sich als Sachwalter traditioneller Lebensweisen aufzuspielen und durchaus auch militant jegliche Diskussion über solche Themen zu unterdrücken. Dabei ist die weibliche Genitalverstümmelung nicht einmal originär eine islamische Erscheinung. Die Parteiführungen gaben damals diesen Druck nach und reagierten repressiv in die Gesellschaft hinein.
Ähnlich gelagert sind die Erfahrungen beim Kampf gegen Morde aus Ehrgründen, die formal jetzt wieder juristisch geahndet werden, wenn auch die Strafverfolgung de facto insbesondere in ländlichen Gebieten kaum stattfindet. Im Irak des Baath-Regimes wurde das Konzept der Ehre 1990 in das Strafgesetzbuch aufgenommen. Damals kam es zu zahlreichen Konflikten, als hunderttausende Soldaten nach dem irakisch-iranischen Krieg in das zivile Leben zurückkehrten. Das Gesetz 110 stellte Männer, die Frauen "wegen unmoralischen Handelns" bestraften, straffrei.
Nach Erfahrungen mit der Schwierigkeiten der Durchsetzung von Frauenrechten gibt es nicht wenige Befürchtungen in der relativ säkularen kurdischen Gesellschaft, dass diese Erfolge in dem gesamtirakischen Prozess rückgängig gemacht werden könnten. Zahlreiche kurdische Frauenorganisationen versuchen sich in der Verfassungsdiskussion Gehör zu verschaffen plädieren für eine Trennung von Staat und Religion sowie den Stellenwert der Sharia als einer Quelle der Rechtssprechung unter mehreren anderen. Gerade diese Erfahrungen in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen könnten von kurdischer Seite in den gesamtirakischen Demokratisierungsprozess eingebracht werden. Dem steht derzeit allerdings eine Politik der mentalen Abschottung im Wege.

Bernhard Winter, Haukari e.V.

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Programm zur Gesundheitserziehung in 24 Dörfern in Germian/Nordirak begonnen

Anfang Juni 2005 begann die Kurdistan Health Foundation (KHF) ein langjähriger Projektpartner von Haukari e.V. mit einem Programm zur Gesundheitsvorsorge in 24 Dörfern in in der Region Germian in Irakisch-Kurdistan. In den Dörfern leben ca. 4.500 Menschen.
Die Infrastruktur der Region Germian war 1988 durch Militäroperationen des irakischen Baath – Regime, den sogenannten Anfal – Operationen, vollständig zerstört worden. Die Überlebenden, in der Mehrzahl Frauen und Kinder, kamen in Umsiedlungslager. Nach dem Golfkrieg 1991 engagierten sich nur wenige Hilfsorganisationen in dieser Region, da sie unmittelbar an der Demarkationslinie zu dem von der irakischen Regierung kontrollierten Gebiet lag. Ein großer Teil der Bevölkerung ist in den letzten Jahren in ihre angestammten Dörfer zurückgekehrt. Hier sind sie mit fundamentalen Problemen z.B. der Hygiene und der Trinkwasserversorgung konfrontiert. Dies beeinträchtigt den Wiederaufbau der Region beträchtlich. Da die Menschen Jahre in Lagern leben mussten, haben viele den Umgang mit solchen Problemen regelrecht verlernt bzw. nie erlernen können. Die lange Unterbringung in den Lagern und die Hoffnungslosigkeit haben neben einer Desozialisierung teilweise zum Wissensverlust von traditionellen Methoden und Techniken der Gesundheitsvorbeugung geführt. Etwa 50% der erwachsenen Bevölkerung sind Analphabeten. Das Projekt soll daher Bewusstsein fördern, wie mit einfachen in den Dorfgemeinschaften vorhandenen Mitteln, die gesundheitliche Lage der Bevölkerung verbessert werden kann.
Die mobilen Teams der KHF arbeitet in Dörfern ohne Gesundheitsposten. Sie sichern die medizinische Grundversorgung und führen Maßnahmen zur Gesundheitserziehung und Hygiene durch (bis hin zur Instandsetzung von Wasserstellen, adäquate Wasserbevorratung, Trennung von Trink- und Brauchwasser etc.).

Jedes Team besteht aus einem/r Arzt/Ärztin, Sozialarbeiter/in, Gesundheitserzieher/in und einem Koch. Während des Aufenthaltes in den Dörfern wird jeder Haushalt besucht und mit einem Fragebogen die soziale und gesundheitliche Situation der Angehörigen erfasst. Weiterhin wird der Stand medizinischen Grundlagenwissens festgestellt. Anschließend werden in Kleingruppen geschlechtsspezifisch grundlegende Fragen zur Krankheitsprävention insbesondere der Hygiene aber auch zum Vorgehen bei bestimmten Erkrankungen erörtert. Es wird dargestellt, welche lokalen Ressourcen genutzt werden können. Neben Handzetteln und Postern werden audiovisuelle Medien wie Dias, Videos und auch Radioprogramme genutzt und in Gruppendiskussionen und mit der „Child to Child“ Methode die Informationen didaktisch vermittelt und erarbeitet. Ein spezielles Programm widmet sich der Ausbildung von Ersthelfern und traditionellen Hebammen.
Die hier eingesetzten Teams der KHF verfügen über langjährige Erfahrung in der medizinischen Hilfe unter prekären Bedingungen und limitierten Ressourcen. Da viele MitarbeiterInnen der KHF aus der Region Germian stammten, sind sie mit den lokalen Verhältnissen gut vertraut.
Das Programm konnte von Haukari e.V. u.a. mit Fördermitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit realisiert werden.


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Mary Kreutzer/Thomas Schmidinger (Hg.):
Irak - Von der Republik der Angst zur bürgerlichen Demokratie?
ca ira -Verlag Freiburg 2004, 422 Seiten

Der Sammelband soll nach dem Willen der HerausgeberInnen einen Kontrapunkt bilden zur Flut der Literatur selbsternannter Irakkenner, die nach der US-geführten Intervention die Buchläden überschwemmt. Allzu berechtigt ist die von den HerausgeberInnen geäusserte Kritik, daß sich vor dem Sturz des menschenverachtenden Baath-Regimes weder Linke oder gar die Friedensbewegung um die irakischen Verhältnisse kümmerten. Wie oft hat sich die Friedensbewegung in ihrer Darstellung dieser Baath-Diktatur mit der unglaublichen Verharmlosung beruhigt, daß sie eine Diktatur wie viele andere sei? Der Ansatz, in dem Sammelband zahlreiche irakische AutorInnen zu Wort kommen zu lassen, ist sehr zu begrüssen. Dies umso mehr als die AutorInnen einen weites politisches Spektrum abbilden und zum Teil sich widersprechende Positionen vertreten. Es bleibt da natürlich auch nicht aus, daß die Beiträge unterschiedlicher Qualität sind.
Das Buch gliedert sich in drei Teile. Der erste stellt im wesentlichen Ideologie und Repressionsmechanismen des Baath-Regimes sowie die unterschiedlichen Sektoren des Widerstandes dar. Der zweite beschäftigt sich auf unterschiedlichen Ebenen mit der Vorgeschichte des Krieges und den verschiedenen Interessenslagen der Kriegsgegner und – befürworter. Der dritte Teil widmet sich schließlich dem Aufbau des neuen Iraks nach dem Sturz des Baath-Regimes.
Ausführlich stellt der Band die Aggresivität des Baath-Regimes nach innen und aussen dar. Es zeichnet die Linien der Verfolgung einzelner Bevölkerungsgruppen (Kurden, Juden, Yeziden etc.), die bis an die genozidale Vernichtung heranreichten, nach. Der umfassende Repressionsapparat des Regimes drängte über Jahrzehnte die irakische Bevölkerung in Passivität und Apathie, die bis heute anhält. Ohne die Kenntnis der von dem Regime hinterlassenen tiefen sozialen Verwerfungen ist die heutige politische Situation in dem Land nicht zu verstehen. Diese erklärt sich eben nicht nur aus der ausländischen Intervention und der Besatzung. Das Buch bietet reichhaltiges Material für eine ernsthafte Analyse der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse im Irak, die sich bemüht über eine reflexhafte Kritik der US-Intervention hinauszugehen. Wer einen Überblick über den politischen Schiismus bekommen oder die wesentlichen Eckpunkte der Entwicklung der marxistischen Linken kennenlernen möchte, hat dazu hier die Möglichkeit. Mehrmals wird unter unterschiedlichen Aspekten auf die Lage der Frauen und die irakische Frauenbewegung eingegangen und mit der Mär aufgeräumt, dass die Baath-Diktatur die Frauenrechte beförderte.
Für Kriegsbefürworter, zu denen sich die HerausgeberInnen zählen, ist es nach den Lügen von Bush und Co. sicherlich schwierig geworden, dem europäischen Publikum zu erklären warum der Krieg dennoch gerechtfertigt gewesen sein soll. Mehrmals wird als Entlastungsargument die Unterstützung von al-Quaida durch das Baath-Regime herangezogen, wobei die AutorInnen die Belege schuldig bleiben. In Anlehnung an Herfried Münkler, dessen Position zu den Kriegsursachen und -folgen nur sehr verkürzt dargestellt werden, konstatiert M. Kreutzer schließlich eine Selbstblockade der arabischen Gesellschaften, die monokausal auf die Ölrentenökonomie zurückgeführt wird. Sie führe mit ihren Verwerfungen wiederum zu einer dauerhaften Gefährdung der Region, die in Krieg und Chaos zu versinken drohe und auch von aussen nicht mehr beeinflussbar sei. Diese Entwickung sei nur durch diesen Krieg aufzuheben gewesen, der damit in den Augen seiner BefürworterInnen ein letztes "window of opportunity" darstellte. Mit dieser Argumentationskette werden Einwände wie die Fragwürdigkeit des Demokratieexportes, ökonomische Interessen der USA oder die langfristigen Kosten eines durch diesen Krieg zertrümmerten Völkerrechts vom Tisch gewischt und nicht einmal versucht, die Risiken einer solchen Stratgie zu diskutieren. In der Auseinadersetzung mit den KriegsgegnerInnen ist denn auch in einigen Beiträgen eher Polemik denn Analyse angesagt.
Es ist sicherlich wert über dieses Thema zu streiten. Dies setzt allerdings eine grundlegende Auseinandesetzumg mit dem Charakter und den Folgen des Baath-Regimes voraus, was der Band in großen Teilen leistet.

Bernhard Winter


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Pressemitteilung vom 9.5.2005: Haukari e.V. führt sein Hilfsprogramm im Irak fort

Aktuelle Schwerpunkte der Arbeit von Haukari e.V. im Irak bleiben Frauen- und Versöhnungsprojekte, die Irakerinnen und Irakern aus verschiedenen ethnischen Gruppen Mut machen sollen zum Dialog, Zusammenarbeit und Beteiligung am demokratischen Prozess

Trotz der angespannten Sicherheitslage im Irak wird die Arbeitsgemeinschaft für internationale Zusammenarbeit - Haukari e.V. die Arbeit im Irak fortführen.

Zwei MitarbeiterInnen des Vereins werden in diesen Tagen den Nord- und Zentralirak besuchen. Schwerpunkt werden dabei die Themen Frauenrechte und Versöhnungsarbeit sein. Irakische und insbesondere auch kurdische Frauenorganisationen thematisieren zur Zeit die Gefahr, dass die in der vorläufigen Verfassung und in den Gesetzen autonomen kurdischen Region festgelegten Rechte der Frauen wieder zurückgedrängt werden. Sie verlangen hingegen eine weitergehende Gleichstellung der Geschlechter und bemühen sich unterschiedliche Aspekte der Gewalt gegen Frauen in der Öffentlichkeit darzustellen.

Haukari e.V. hält es gerade jetzt für wichtig die gesellschaftlichen Kräfte im Irak zu unterstützen, die heute versuchen Alternativen zu Hass und Gewalt zu formulieren. Die dramatischen Gewalterfahrungen der irakischen Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten müssen aufgearbeitet und für den Aufbau der Gesellschaft nutzbar gemacht werden. Dazu sind opferzentrierte Projekte wie das von Haukari e.V. betriebene Beratungszentrum für Gewaltopfer in Tuz Khurmatau erforderlich. Das Zentrum, im März 2004 mit Unterstützung von OXFAM Deutschland eröffnet, bietet seither erfolgreich medizinische und psychologische Unterstützung für alleinstehende Frauen an, die Opfer von Gewaltmaßnahmen wurden.
Solche zivilen Projekte sind neben anderem Voraussetzungen, um die Gewalt zu durchbrechen und die Lasten der Vergangenheit zu bewältigen. Sie bedürfen der Unterstützung von aussen. Dabei sind die Hilfsorganisationen gefordert sich an den Bedürfnissen der Bevölkerung zu orientieren und sich nicht von den Beteiligten - gerade auch nicht von den Besatzungsarmeen - instrumentalisieren zu lassen.

Den Medien bietet Haukari e.V. an:
- Hintergrundinformationen zu den Themen Frauenrechte, Frauenbildung
- Informationen zum Stand der Aufarbeitung der Verbrechen des Baath-Regimes und der Versöhnungsarbeit im Irak
- Vermittlung von InterviewpartnerInnen wie verantwortliche MitarbeiterInnen von Frauen- und Menschenrechtsorganisationen


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Pressemitteilung:Konkrete Schritte gegen die Verfolgung von Frauen aus "Ehrgründen"

Immer wieder werden in Irakisch-Kurdistan Mädchen und Frauen von männlichen Familienangehörigen aus so genannten „Ehrgründen“ ermordet Sei es weil sie vor der Ehe schwanger wurden oder einen Mann ihrer Wahl geheiratet haben. Ihnen wird vorgeworfen, den Ruf der gesamten Familie gefährdet zu haben. Der „Ehrkodex“ ist ein zentrales Konzept der traditionellen kurdischen Gesellschaft. Die Männer haben dafür zu sorgen, daß alle Familienmitglieder dem herrschenden Moral- und Sittenbegriff folgen. Mädchen und Frauen haben die eigene und die Familienehre zu achten.

Seit zehn Jahren wehren sich in Irakisch-Kurdistan verstärkt Frauen gegen diese eklatanten Menschenrechtsverletzungen. Schließlich wurde 1999 von Frauenorganisationen wie dem Frauenzentrum „KHANZAD“ in Sulaimania und anderen gesellschaftlichen Gruppen als Reaktion auf Angriffe islamistischer Gruppierungen ein Bündnis gegen Gewalt gegen Frauen initiiert. Dieses wurde auch gegen familiäre Gewalt, die bis hin zu „Ehrmorden“ reicht, aktiv. Ihr Engagement zeitigte im Jahr 2001 einen wichtigen Erfolg. Eine Gesetzesänderung der kurdischen Regionalregierung sieht die konsequente strafrechtliche Verfolgung von Morden aus „Ehrgründen“ vor.

Das von Haukari e. V. unterstützte Frauenzentrum „KHANZAD“ arbeitet seit 4 Jahren mit Frauen im Untersuchungsgefängnis in Sulaimania. 90% der bisher betreuten ca. 500 Frauen waren wegen Ehebruch oder Prostitution inhaftiert. Dies sind zwar keine Offizialdelikte, werden aber auf Grund von Anzeigen durch Angehörige oder Bekannte verfolgt. Die Gefangenen erhalten jetzt rechtlichen Beistand, der ihnen früher häufig von ihren Familien vorenthalten wurde. Dies hat zu einer erheblichen Verkürzung der Untersuchungshaft beigetragen, die oft die Dauer der Strafe überschritt. Durch weitergehende Interventionen des KHANZAD-Teams bei Behörden und der kurdischen Regionalregierung konnten die Haftbedingungen der Frauen in den letzten Jahren deutlich verbessert werden. Nach der Haftentlassung wird versucht die Frauen bei der gesellschaftlichen Reintegration zu unterstützen und nach Möglichkeit vor Repressalien und Übergriffen zu schützen.
Neben diesem konkreten Engagement im Gefängnis fordern die Frauen von „KHANZAD“ in ihrer Öffentlichkeitsarbeit, in Publikationen, Veranstaltungen und Lobbygesprächen weitere Gesetzesänderungen. Dabei werden insbesondere die Paragraphen thematisiert, die Ehebruch und Prostitution unter Strafe stellen. Als Alternative zur Haft werben sie für eine psycho- soziale Betreuung der Frauen. Mit den Arbeitserfahrungen und dem Datenmaterial aus dem Untersuchungsgefängnis können die Argumente der Frauen untermauert werden. Zumindest in Teilen der Öffentlichkeit finden diese Themen zunehmend Resonanz.


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Analyse und Kritik Nr. 492, 18.02.2005
Abstimmung gegen den Terror

Im Irak wurde gewählt – trotz Gewalt, Besatzung und Angst

Am 30.01.2005 wird George W. Bush die Wählerinnen und Wähler im Irak dankbar in sein Abendgebet aufgenommen haben. Auch UN-Generalsekretär Kofi Annan äußerte sich zufrieden über den Ablauf der Wahlen. Und das europäische Politestablishment lobte unisono - unabhängig von der eigenen Position zur US-geführten Intervention - den Mut der irakischen Bevölkerung. Diese Einigkeit in der Einschätzung verweist zum einen auf wiedergefundene gemeinsame Interessen der herrschenden Eliten, zum anderen aber auch auf einen großen Interpretationsspielraum den das Ergebnis eröffnet. Es hilft für die Analyse allerdings wenig, diesen Vorgang nur als "geplantes Wahltheater" abzutun. (1)

Gewählt wurden 18 Provinzverwaltungen und die Nationalversammlung. In den drei kurdischen Provinzen Dohuk, Sulaimani und Erbil wurden zusätzlich das kurdische Regionalparlament und Kommunalparlamente gewählt. In der neuen Nationalversammlung beträgt die Frauenquote mindestens 25%. Neben der Bildung einer Regierung wird dort die Hauptaufgabe die Erarbeitung einer Verfassung sein. Bereits im Dezember diesen Jahres sollen erneut Wahlen zum irakischen Nationalparlament stattfinden. Die Wahlen vom 30.1. waren nur eine Etappe in der politischen Agenda der Transformation Iraks, die im Jahr 2003 von der US-geführten Coalition Provisional Authority (CPA) festgelegt und mittlerweile von der UN abgesegnet worden ist.

Rudimentärer Wahlkampf, Wahllokale als Hochsicherheitstrakte

Sicher kann von freien, demokratischen oder fairen Wahlen überhaupt keine Rede sein. Dies war in dem herrschenden Klima der Angst nicht möglich. Mordanschläge auf Wahlhelfer sowie Morddrohungen gegen potenzielle WählerInnen waren in der Vorwahlzeit an der Tagesordnung. KandidatInnen zogen es vor, anonym zu bleiben. So etwas wie Wahlkampf fand deshalb allenfalls rudimentär statt. Am Wahltag selbst herrschte im gesamten Land die höchste Sicherheitsstufe; manches Wahllokal glich einem Hochsicherheitstrakt.
Dennoch waren es seit Jahrzehnten die ersten Wahlen mit realen Parteialternativen. Mit einer Wahlbeteiligung von ca. 60% sind diese Wahlen in erster Linie als Volksentscheid gegen den Terror zu verstehen. Einem Terror, der sich - wie der Wahltag mit 40 Opfern noch einmal blutig verdeutlichte - vor allem gegen die zivile Bevölkerung des Iraks richtet. Um dessen Ablehnung zu demonstrieren haben sehr viele IrakerInnen ihr Leben riskiert. Selbst nach Abschluss der Wahlen wurden DorfbewohnerInnen, die gewählt hatten, von Terroristen überfallen. Die Terroristen aus dem Umfeld der Baath-Diktatur bzw. militant islamistischer Organisationen haben noch einmal gezeigt, dass sie unfähig und nicht willens sind, politisch zu agieren. Ihr erklärtes Ziel - die Wahlen zu verhindern - haben sie jedoch nicht erreicht. In den Städten, in denen sie über starke Strukturen verfügen, konnten sie durch ihre Drohungen die Wahlbeteiligung zwar drastisch senken. Allerdings war es ihnen nur an wenigen Orten wie etwa dem nordirakischen Bartalla möglich, die Wahlen gänzlich zu verhindern. Zu der niedrigen Wahlbeteiligung in den arabisch-sunnitischen Gebieten hat außerdem der Rückzug der einflussreichen Iraqi Islamic Party von der Wahl beigetragen. Da die arabischen Sunniten nunmehr nur über die Listen in der Nationalversammlung vertreten sein werden, an denen alle Bevölkerungsgruppen beteiligt waren, werden sie insgesamt unterrepräsentiert sein.
Erwartungsgemäß war die Wahlbeteiligung unter der schiitischen Bevölkerung im Südirak am höchsten. Hier wirkten vor allem islamische Würdenträger mobilisierend. Großayatollah Ali al-Sistani hatte auf einen raschen Wahltermin gedrängt. Damit sollte endlich der durch das britische Kolonialregime in den 1920er Jahren etablierte und von der Baath-Diktatur forcierte faktische Machtausschluss der schiitischen Bevölkerungsmehrheit revidiert werden.

Wenig Spielraum für Linke

Oft ist - auch von IrakerInnen - zu hören, die Aufteilung der irakischen politischen Landschaft in Schiiten, Sunniten sowie Kurden sei im wesentlichen ein Phantasieprodukt westlicher Medien. Ein Blick auf die sich an der Wahl beteiligten Listen zeigt aber, wie sehr es bei dieser Wahl hauptsächlich darum ging, den jeweiligen Bevölkerungsgruppen Einfluss zu sichern. Dies ist vor dem Hintergrund der jahrzehntelangen mörderischen Verfolgung der kurdischen und schiitischen Opposition im Irak mehr als nachvollziehbar.
Den derzeit vorliegenden Zwischenergebnissen zufolge wird erwartungsgemäß die Vereinigte Irakische Allianz die Wahlgewinnerin sein; ein Zusammenschluss der einflussreichsten schiitischen Parteien, der auch von Großayatollah al-Sistani unterstützt wird. Ihr werden nach einer Teilauszählung in 13 Provinzen über 50% der Stimmen zugerechnet. (2) Die Kurdische Vereinigte Allianz, ein Zusammenschluss fast aller kurdischen Parteien, konnte demnach 24,6% der Stimmen auf sich vereinigen. An dritter Stelle wird die Liste des jetzigen Premiers Iyad Allawi mit ca. 13,6% der Stimmen gehandelt. Der säkulare Schiit war zuletzt Favorit der US-Administration.
In einer Atmosphäre, die durch eine ethnisch-religiöse Interpretation sozialer Konflikte geprägt ist, bleibt für linke Positionen wenig Spielraum. Die Irakische Kommunistische Partei trat unter dem Namen "Volkseinheit" zur Wahl an. Traditionell ist sie in allen Regionen des Landes vertreten und war über Jahrzehnte die einzige gesamtirakische Partei. Ihr Wahlprogramm zielte insbesondere auf die Wiederherstellung der nationalen Souveränität und auf die Errichtung eines föderalen Staatswesens ab. Ihre Chancen, Einfluss auf den politischen Prozess zu nehmen, sind jedoch gering. Die Arbeiterkommunisten haben gleich auf eine Teilnahme verzichtet – unter dem Verweis, dass vor einer Wahl sowohl der islamistische Terror als auch die Besatzung beendet sein müsse und eine Wahl nur auf dem Boden einer säkularen Verfassung, die den arabischen Nationalismus überwunden hat, stattfinden könne.

Mögliche Öffnung von Spielräumen

Die Wahl zeigt allerdings auch, dass die politische Landschaft des Irak nicht reduziert werden kann auf Besatzer und Kollaborateure einerseits sowie "Aufständische" und "Widerstand" (wie die verniedlichende Beschreibung der Terroristen häufig lautet) andererseits. Selbstverständlich sieht die Bush-Administration in dem Wahlergebnis eine Legitimation der Besatzungspolitik. Gerade dagegen verwahren sich aber andererseits sehr viele WählerInnen im Irak. Die US-Administration wird es nun mit einer - da durch Wahlen legitimiert - selbstbewussteren irakischen Regierung zu tun haben. Bei den vorprogrammierten Konflikten wird sie nicht ausschließlich auf ihre Truppenpräsenz im Land verweisen können, da sie auch auf die Mithilfe der neuen irakischen Regierung angewiesen ist, um die sie interessierenden Teile des Landes unter Kontrolle zu bekommen. Daraus ergeben sich für die irakischen AkteurInnen durchaus Spielräume.
Der weitere politische Prozess erscheint deshalb auch offen. Zweifelsohne haben die Wahlen die ethnischen Spannungen verschärft. Dies bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass das Wahlergebnis das Auseinanderdriften der Landesteile forcieren und die Gewalt eskalieren muss. Es besteht durchaus eine Chance, dass es einer erfolgreich arbeitenden Nationalversammlung, in der die Schiiten eine Mehrheit und die Kurden eine starke Präsenz haben, gelingt, die arabisch-sunnitischen Kräfte über Verhandlungen in den politischen Prozess zurückzuholen. Entscheidend für diesen Prozess wird allerdings auch sein, dass die US-Regierung die Bedingungen für einen Truppenabzug präzise benennt. Dass sie unmittelbar nach der Wahl im US-Kongress die Verlängerung der Stationierungskosten um zwei weitere Jahre beantragte, lässt in diese Richtung allerdings skeptisch bleiben. Auch ein Arrangement der US-Regierung mit der schiitischen Mehrheitsfraktion scheint möglich. Die Implementierung des "freien Welthandels", dem die Besetzung des Landes diente, wird zwischen ihnen keine unüberbrückbare Gegensätze aufwerfen. Dass das Zusammenspiel funktionieren kann, zeigte sich letzten Sommer, als al-Sistani hunderttausende PilgerInnen nach Nadschaf ziehen ließ, woraufhin der Aufstand der Mahdi-Milizen von Moqtadar al-Sadr zusammenbrach.
Die zentralen Probleme des Iraks, also der Aufbau des Gemeinwesens und die Beendigung der Besatzung sind mit dieser Wahl allerdings keineswegs gelöst. Dem Land stehen noch schwere Jahre am Abgrund bevor. Dennoch war diese Wahl ein unverzichtbarer Schritt zur Überwindung der Diktatur.

Vertane Chance in Irakisch-Kurdistan

In den kurdischen Provinzen fanden neben der Wahl zur Nationalversammlung auch Wahlen zum kurdischen Regional-Parlament und den Kommunalparlamenten statt. 1992 waren unter begeisterter Teilnahme der Bevölkerung Wahlen zum ersten kurdischen Regionalparlament durchgeführt worden. Die beiden großen kurdischen Parteien, Demokratische Partei Kurdistans (DPK) und Patriotische Union Kurdistans (PUK) teilten sich die Regierungsgewalt unter Beteiligung von Vertretern von Minderheiten. Nachdem es Mitte der 1990er Jahre zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den beiden großen kurdischen Parteien kam, ist das Gebiet in zwei von der DPK bzw. PUK dominierte Verwaltungsbereiche geteilt. Trotz aller Schwierigkeiten konnten sich in den kurdischen Gebieten in den letzten Jahren funktionierende Verwaltungsstrukturen und Ansätze einer Zivilgesellschaft, wie Frauen- und Menschenrechtsgruppen und vielfältige Medien entwickeln.
Begeistert begrüßte die kurdische Bevölkerung im April 2003 auch den Sturz des Baath-Regimes. Wirtschaftlich hält die Aufbruchstimmung an. Der Lebensstandard der Bevölkerung hat sich erheblich verbessert. Politisch hingegen ist die anfängliche Begeisterung verflogen. Die überwiegend säkular orientierte Bevölkerung fürchtet angesichts der anhaltenden Gewalt und auch angesichts der unerwartet starken religiösen Orientierung der schiitischen Bevölkerung, die errungenen Rechte und Freiheiten im gesamtirakischen Prozess zu verlieren. Während die politische Führung an der Vision eines multiethnischen und föderalen Irak festhält, haben 1.9 Millionen KurdInnen eine Petition an das Parlament unterschrieben, mit der Aufforderung, dafür Sorge zu tragen, dass den KurdInnen in der neuen Verfassung ein Sezessionsrecht zugestanden wird.
Ein strittiger Punkt vor den Wahlen war das Wahlrecht für ca. 150.000 KurdInnen aus Kirkuk, die einst vom Regime Saddam Husseins deportiert worden waren und nun zurückgekehrt sind oder dies beabsichtigen. Ihr Status, die Modalitäten der Rückkehr und die damit verbundenen komplexen politischen und Eigentumsfragen sind bislang nicht gelöst. Auf Druck der kurdischen Führung und eines angedrohten Wahlboykotts wurden diese RückkehrerInnen zur Wahl zugelassen und zum Teil mit Bussen in die Wahllokale nach Kirkuk gefahren. Dies hat insbesondere die Spannungen zwischen den turkmenischen und kurdischen Parteien erhöht.
In den kurdischen Gebieten war die Wahlbeteiligung überwiegend hoch. Zur Sicherung des größtmöglichen kurdischen Einflusses auf den gesamtirakischen Prozess wurde die kurdische Einheitsliste für die nationalen Wahlen von vielen begrüßt. Sie umfasste neben der DPK und PUK die Islamische Liga, die Kommunistische Partei Kurdistans, die Partei der Werktätigen sowie kleinere assyrische, chaldäisch und turkmenische Parteien. Kritisch wurde in der kurdischen Öffentlichkeit dagegen diskutiert, dass auch für das kurdische Regionalparlament nur eine Einheitsliste zur Wahl stand. Schon vor der Wahl waren die Sitze im Parlament zwischen DPK und PUK (je 31%), und den anderen Parteien sowie Minderheitenvertretungen aufgeteilt. So wird zur Enttäuschung vieler KurdInnen die gegenseitige politische Blockade der beiden Lager fortgesetzt werden. Auch die Meldung der Wochenzeitung Hawlati, dass beide große Parteien auch ehemalige mustashar (Führer bewaffneter Gruppen, die das Baath-Regime unterstützten) für die Einheitsliste nominierten, dürfte dazu beigetragen haben, dass in einigen Wahllokalen nur 50% der kurdischen Wahlberechtigten von ihren Wahlrecht Gebrauch machten.

Bernhard Winter, Haukari e.V.

Anmerkungen:
1) „Wahltheater wie geplant“. Rüdiger Göbel in junge Welt, 31.01.05
2) The Time online, 08.02.2005


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"Wahlfolgen" - Leserbrief und Antwort aus "Frankfurter Rundschau Online" v.31.1.2005

DIALOG
Wahlfolgen

Zu: Gelungen - Irak-Wahl (FR Nachrichten vom 31. Januar)

Karl Grobe hat Recht mit der Aussage, die Wahlen in Irak waren "weder frei noch fair noch demokratisch". Dennoch sind sie Ausdruck einer Meinungsbildung, wie es der irakischen Bevölkerung in den letzten 50 Jahren nicht möglich war. Viel wichtiger allerdings ist in unseren Augen, dass die Wahlen in erster Linie ein Volksentscheid gegen den Terror waren. Einen Terror, der sich - wie der Wahltag noch einmal blutig verdeutlichte - vor allem gegen die Iraker richtet. Um dessen Ablehnung zu demonstrieren haben sehr viele Irakerinnen und Iraker ihr Leben riskiert. Die baathistischen und islamistischen Terroristen haben sich noch einmal desavouiert und gezeigt, dass sie unfähig und nicht willens sind politisch einzugreifen

Für jemanden, der die politische Landschaft Iraks reduziert auf Besatzer und Kollaborateure einerseits sowie "Aufständische" und "Widerstand" (wie die verniedlichende Beschreibung der Terroristen häufig lautet) andererseits mag dies schwer zu verstehen sein. Dann ist man auch überrascht über die hohe Wahlbeteiligung, die sich allerdings bereits in den letzten Wochen abzeichnete. Der Kommentator sieht das Wahlergebnis als eine - wenn auch schwache - Legitimation der Besatzungspolitik. Gerade dagegen würden sich sehr viele Wählerinnen und Wähler im Irak verwahren, wie wir aus zahlreichen Gesprächen wissen. Die politische Landschaft in Irak ist dann doch erheblich vielfältiger und differenzierter, als es in dem Kommentar anklingt.

Die Probleme Iraks, wie der Aufbau des Gemeinwesens und die Beendigung der Besatzung sind mit dieser Wahl keineswegs gelöst. Dem Land stehen schwere Jahre am Abgrund bevor, aber diese Wahl war trotz Einschränkungen ein unverzichtbarer Schritt zur Überwindung der Diktatur.

Dr. Bernhard Winter, Frankfurt a.M.


Antwort:

Sie haben mit der Einschätzung, dass der Wahlgang ein Votum gegen den Terror war, gewiss Recht. Dass die Wahl stattgefunden hat, ist in dieser Hinsicht ein Erfolg. Über die tatsächliche Wahlbeteiligung in den Gebieten, die besonders von Terroristen heimgesucht werden, ist jedoch noch nichts definitiv auszusagen; die Motive - beispielsweise in Samarra, wo nach den bisherigen Daten weniger als ein Prozent der Stimmberechtigten tatsächlich gewählt haben - sind wohl nicht allein mit der Gegenüberstellung von Mut und Angst vor Anschlägen zu erklären. Übrigens sind die Erwartungen über die Wahlbeteiligung in den letzten Tagen vor der Wahl stark herunterkorrigiert worden, von den anfangs genannten 72 bis 75 Prozent war zuletzt nicht mehr die Rede. Die jetzt geschätzten 60 Prozent sind dennoch sehr erfreulich.

Sicher hat die Mehrheit - wie aus vielen Beobachtungen und Mitteilungen im Internet klar hervorgeht - für das Ende der Besatzungspolitik votieren wollen. Ob die Gewählten allerdings diesem Wunsch entsprechen können, ist denn doch fraglich; denn an die bestehenden Erlasse der vorherigen Macht-Inhaber ist bis auf weiteres jede Bagdader Regierung gebunden. Die Executive Order 13303 des US-Präsidenten enthebt, kurz gesagt, die Ölwirtschaft der irakischen Rechtsprechung, die Exklusivverträge mit US-Firmen wie Bechtel und Halliburton gelten weiter, und auf den Auf- und Ausbau ihrer Militärstützpunkte wird die Supermacht nicht verzichten.

Insofern - darauf wollte ich in einem Satz hinweisen - hat die Wahl die Besatzungspolitik nachträglich legitimiert. Sie hat zudem, von den Wählenden ungewollt, die ethno-religiöse Aufsplitterung Iraks vertieft. Eine darüber hinausgehende Analyse der von Ihnen mit Recht erwähnten komplizierten Verhältnisse war in einem Kurzkommentar nicht zu leisten.

Dr. Karl Grobe-Hagel, FR-Autor,

Frankfurt a.M.


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Der Irak vor den Wahlen - Ein Kommentar von Karin Mlodoch

25.1.2005

Karin Mlodoch ist Diplom-Psychologin und Projektkoordinatorin des Vereins HAUKARI e.V. für den Irak. Vor kurzem kehrte sie von einem mehrmonatigen Irak-Aufenthalt zurück.

Nun finden sie also statt, die ersten Wahlen im Irak nach dem Sturz des Ba’ath-Regimes im April 2003.15 Millionen wahlberechtigte Irakerinnen und Iraker sind am Sonntag, den 30.1.2005 aufgerufen, ihre Stimmen abzugeben. Weitere 1,2 Millionen ExilirakerInnen werden in 14 Staaten an Auslandswahlen teilnehmen können. In Deutschland werden bereits ab Freitag, den 28.1.2005 vier Wahllokale in Berlin, Köln, Mannheim und München öffnen.

Gewählt werden 18 Provinzverwaltungen und eine 275köpfige Nationalversammlung. In den kurdischen Provinzen Duhok, Sulaimani und Erbil wird zusätzlich ein neues kurdisches Regionalparlament mit 111 Sitzen gewählt (siehe Kasten).

Die Nationalversammlung, in der 25% der Sitze Frauen vorbehalten sind, soll den Entwurf für eine dauerhafte Verfassung ausarbeiten und diesen im Oktober dieses Jahres per Referendum von der Bevölkerung bestätigen lassen. Bereits Ende 2005 sollen erneut Wahlen zum irakischen Nationalparlament erfolgen. Die jetzt anstehenden Wahlen und die darauf folgende Regierungsbildung sind also nur ein nächster Schritt in dem 2003 von der US-geführten Coalition Provisional Authority (CPA) festgelegten politischen Prozess.

Die Vorwahl-Berichterstattung ist dominiert von den Meldungen über tägliche Anschläge und zahlreiche Opfer unter irakischer Zivilbevölkerung und Sicherheitskräften. Zu verantworten sind sie von einer Koalition aus Anhängern des gestürzten Ba’ath-Regimes und irakischen und nicht-irakischen islamistischen Gruppierungen. Diese terroristischen Aktivitäten - in den deutschen Medien immer noch häufig aufgewertet zum „Widerstand“ – zeichnen sich durch ungeheure Brutalität aus und verbreiten Angst und Schrecken unter der Bevölkerung. Gerade im Vorfeld der Wahl wird deutlich, wie ausschließlich destruktiv sich der Terror auf den politischen Prozess im Land bezieht und wie wenig er Ausdruck von politischem Widerstand ist. Gleichzeitig erlebt die Bevölkerung tägliche Übergriffe, Menschenrechtsverletzungen und Missachtung kultureller und religiöser Werte der irakischen Gesellschaft durch die nur noch der Terrorismusbekämpfung verpflichteten Besatzungstruppen. Die Spirale der Gewalt bestimmt nicht nur den Alltag der IrakerInnen, sondern verzögert auch den vor allem im Süd- und Zentralirak notwendigen Wiederaufbau und die Aufarbeitung der Vergangenheit wie die Öffnung der zahlreichen Massengräber und den damit verbundenen Prozess gesellschaftlicher Auseinandersetzung und Versöhnung.

In dem herrschenden Klima von Gewalt und Angst scheint es fast bizarr, Wahlen abzuhalten. Täglich gibt es Drohungen gegen Wählerinnen, kommt es zu Mordanschlägen auf Wahlhelfer, Mitglieder lokaler Wahlkommissionen treten zurück, KandidatInnen wollen sich nicht auf Wahlplakaten abbilden lassen. Ein Wahlkampf findet nicht statt.
Für den Wahltag sind immense Sicherheitsvorkehrungen angekündigt: Die Lokalitäten von Wahllokalen werden erst kurz vor Öffnung bekannt gegeben, der private Autoverkehr wird unterbunden, die Telefonleitungen gekappt. Schon drei Tage vor der Wahl werden die Grenzen zu den Nachbarstaaten geschlossen. Wie der Premierminister der Übergangsregierung Allawi bereits vor 2 Wochen ankündigte, werden in 4 Provinzen des Landes die Wahlen nur eingeschränkt stattfinden können.
Von freien und fairen Wahlen kann unter diesen Umständen kaum die Rede sein.
Dennoch: 120 Listen mit mehr als 7200 KandidatInnen (ein Drittel davon Frauen) stehen zur Wahl. Allen Widrigkeiten zum Trotz sind die technischen Wahlvorbereitungen nach Plan verlaufen: Die Registrierung von WählerInnen erfolgte auf Grundlage der vom World Food Programme (WFP) benutzten Listen für die Verteilung von Lebensmitteln an sämtliche irakische Haushalte. Bis zum 15. Dezember konnten bei den Wahlkommissionen Korrekturen angemeldet werden. Die Stimmzettel sind gedruckt, rote Tinte zur Kennzeichnung der WählerInnen steht bereit. Am Sonntag um 7 Uhr morgens werden Tausende von WahlhelferInnen in 5200 Wahllokalen die Türen öffnen. Umfragen zufolge werden um die 80% der wahlberechtigten IrakerInnen ihre Stimmen abgeben.

Das Festhalten am Wahltermin ist nicht nur dem Druck der US-Regierung und dem schiitischen Großayatollah Al Sistani zuzuschreiben. Viele IrakerInnen, so bestätigen auch die Projektpartner von HAUKARI e.V. im Nord- und Zentralirak, sind entschlossen, nach 30 Jahren Diktatur ihr Wahlrecht auszuüben und damit auch ein Zeichen gegen die Gewalt zu setzen.
Die Wahlen zu verschieben wäre in ihren Augen ein Sieg für den Terror und würde die jetzige Situation nur verlängern. Trotz aller Abstriche, so sagen sie, werde aus den Wahlen eine Regierung hervorgehen, die vom Ruch des Einsatzes durch die Besatzungsmacht befreit und mit mehr Legitimität ausgestattet ist als die jetzige und so gegen den Terror vorgehen und politische Lösungen vorantreiben kann.

Und welche Wahlmöglichkeiten haben die Wähler und Wählerinnen?
Oft ist von IrakerInnen zu hören, die Aufteilung der irakischen politischen Landschaft in Schiiten, Sunniten und Kurden sei eine Interpretation westlicher Medien und entspreche nicht der irakischen Realität. Die Frage „bist du Schiit oder Sunnit“ spiele in ihrem Alltag keine Rolle. Ethnische Spannungen seien vom Ba’ath-Regime geschürt worden, aber in der Gesellschaft nicht verwurzelt. Tatsächlich trifft die Aufteilung nicht die komplexe multiethnische und multireligiöse Realität im Irak. So gibt es auch unter der kurdischen Bevölkerung große schiitische Gemeinden, gibt es Sunniten und Schiiten unter der turkmenischen Bevölkerung und hat zum Beispiel die Kommunistische Partei aber auch andere politische Parteien Mitglieder aus allen ethnischen und religiösen Gruppierungen.
Dennoch zeigt ein Blick auf die Wahllisten und die großen schiitischen und kurdischen Einheitslisten, wie sehr es bei der bevorstehenden Wahl zunächst darum geht, jenseits politischer Programme den Einfluss der beiden Bevölkerungsgruppen im Parlament und der Regierung zu sichern. Das ist aufgrund des jahrzehntelangen Ausschlusses der schiitischen Bevölkerungsmehrheit von der Macht und der systematischen Verfolgung der kurdischen und schiitischen Opposition im Irak mehr als nachvollziehbar. Es zeigt aber auch, dass die quer durch alle politischen, ethnischen und religiösen Fraktionen nach dem Sturz des Ba’ath-Regimes bejubelte Vision eines multiethnischen und demokratischen Irak bereits Federn lassen musste. Versuche, eine demokratische irakische Plattform aus kurdischen, schiitischen und arabisch-sunnitischen Kräften zu bilden, waren im Herbst letzten Jahres gescheitert.

Nun wird allen Erwartungen nach die United Iraqi Alliance die Wahlgewinnerin sein, ein Zusammenschluss der einflussreichsten schiitischen Parteien. Die Kurdistani Alliance List, ein Zusammenschluss fast aller kurdischen Parteien und einiger christlich-assyrischer Gruppen, wird einen Großteil der Stimmen der kurdischen Bevölkerung auf sich vereinigen.
Premier Allawi und Interims-Präsident Ghazar Al Yawar kandidieren jeweils mit eigenen um ihre Personen gruppierten Listen. Adnan al Pachachi, einst im Gespräch als Übergangspremier, führt eine multiethnische Liste aus Interim-Ministern und Notablen an. Die Kommunistische Partei kandidiert mit einer eigenen Liste. Es gibt eine von der Turkmenischen Front angeführte turkmenische Liste, eine Liste assyrisch-christlicher und chaldäischer Gruppen und zahlreiche kleine Listen mit unabhängigen Kandidatinnen, Stammesführern, Intellektuellen etc. Die von CPA und UN getroffene Entscheidung gegen ein auf Provinzen und Distrikten basierendes und für ein Proporzwahlrecht mit einem einzigen Wahlkreis bedeutet allerdings, dass kleinere oder nur lokal aktive Parteien, Listen und Initiativen kaum eine Chance auf Parlamentssitze haben.
In deutschen Medien wird häufig suggeriert, die arabisch-sunnitische Bevölkerung werde sich nicht an den Wahlen beteiligen. Unter den KandidatInnen verschiedener Listen sind aber auch arabische Sunniten zahlreich vertreten und es gibt eine durchaus kontroverse Diskussion um die Beteilung an der Wahl auch in den sunnitisch geprägten Regionen. Allerdings hat die in der arabisch-sunnitischen Bevölkerung einflussreiche Iraqi Islamic Party vor wenigen Wochen ihre Kandidatur zurückgezogen Sie ruft aber nicht zum Boykott der Wahl auf, sondern stellt ihren AnhängerInnen frei, für andere Listen zu stimmen. Eine andere arabisch-sunnitische Gruppierung, der Muslim Cleric Council, ruft dagegen zum Boykott der Wahlen unter den Bedingungen der Besatzung auf. Erst der Wahltag wird zeigen, wie weit auch die arabisch-sunnitische Bevölkerung an den Wahlen teilnimmt. Aufgrund der Abwesenheit expliziter Vertretung sunnitischer Listen und der prekären Sicherheitslage in den arabisch-sunnitischen Kernprovinzen ist aber davon auszugehen, dass diese Bevölkerungsgruppe in der Nationalversammlung unterrepräsentiert sein wird.
Dies kann zu einer Verschärfung der jetzigen Konfliktlage führen. Das Wahlergebnis muss aber nicht zwangsläufig die jetzige von Gewalt geprägte Situation zementieren. Es besteht durchaus eine Chance, dass es einer erfolgreich arbeitenden Nationalversammlung, in der die Schiiten eine Mehrheit und die Kurden eine starke Präsenz haben, gelingt, die arabisch-sunnitischen Kräfte über Verhandlungen in den politischen Prozess zurückzuholen. Entscheidende Voraussetzung für die entsprechende Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit der zukünftigen Nationalversammlung wird sein, dass sie sich klar von der Besatzungsmacht abgrenzen und den Druck auf die US-Regierung erhöhen kann, endlich einen Fahrplan für den Rückzug der Besatzungstruppen vorzulegen.

Die Wahlen zum kurdischen Regionalparlament

In den kurdischen Provinzen finden neben der Wahl zur Nationalversammlung und den Provinzräten auch Wahlen zum kurdischen Regional-Parlament statt. Seit 1991 sind weite Teile des kurdischen Gebiets (mit Ausnahme der erdölreichen Region um Kirkuk) unter kurdischer Verwaltung. 1992 wurden unter begeisterter Teilnahme der Bevölkerung demokratische Wahlen zum ersten kurdischen Regionalparlament durchgeführt. Die beiden großen kurdischen Parteien, Demokratische Partei Kurdistans (DPK) und Patriotische Union Kurdistans (PUK) teilten sich die Regierungsgewalt unter Beteiligung auch anderer Parteien und Vertreter der assyrisch-christlichen, turkmenischen und yezidischen Bevölkerungsgruppen. 1994 entwickelten sich die Konflikte unter den Regierungsparteien zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Seither ist das Gebiet in einen DPK-dominierten und einen PUK-dominierten Verwaltungsbereich geteilt. Trotz internen Kriegs, Embargo und provisorischem politischen Status konnten sich in den kurdischen Gebieten in den letzten Jahren funktionierende Verwaltungsstrukturen und Ansätze von Zivilgesellschaft, Frauen- und Menschenrechtsgruppen und vielfältige Medien entwickeln.
Begeistert begrüßte die kurdische Bevölkerung im April 2003 den Sturz des Ba’ath-Regimes. Wirtschaftlich hält die Aufbruchstimmung an. Es wird investiert, gebaut, die Löhne im öffentlichen Sektor sind um ein Vielfaches gestiegen, der Lebensstandard der Bevölkerung hat sich erheblich verbessert. Auch die Sicherheitssituation ist hier bislang stabil.
Politisch aber ist die anfängliche Begeisterung verflogen. Die überwiegend sekulär orientierte Bevölkerung fürchtet angesichts der anhaltenden Gewalt und auch angesichts der unerwartet starken religiösen Orientierung der schiitischen Bevölkerung, die errungenen Rechte und Freiheiten im gesamtirakischen Prozess zu verlieren.
Während die politische Führung an der Vision eines multiethnischen, föderalen, demokratischen Irak festhält, wird in der Bevölkerung wie nie zuvor über eine Separierung diskutiert, die aber angesichts des massiven Widerstands der Nachbarstaaten auf lange Sicht unrealisierbar bleiben wird.

Strittiger Punkt war das Wahlrecht für ca. 150 000 KurdInnen aus Kirkuk, die einst vom Regime Saddam Husseins im Rahmen der Arabisierungspolitik deportiert worden waren und nun nach Kirkuk zurückgekehrt sind. Ihr Status, die Modalitäten der Rückkehr arabischer Familien in ihre originären Gebiete und die damit verbundenen komplexen politischen und Eigentumsfragen sind bislang nicht gelöst. Auf Druck der kurdischen Führung und einem angedrohten Wahlboykott wurden diese RückkehrerInnen inzwischen zur Wahl zugelassen.

Im gesamten kurdischen Gebiet wird die Wahlbeteiligung groß sein. Zur Sicherung des größtmöglichen kurdischen Einflusses auf den gesamtirakischen Prozess wird die kurdische Einheitsliste für die nationalen Wahlen begrüßt. Es wird kurdisch gewählt. Kritisch wird dagegen von vielen gesehen, dass auch für das kurdische Regionalparlament nur eine Einheitsliste zur Wahl steht. Schon vor der Wahl sind die Sitze im Parlament zwischen DPK und PUK (je 31%), und anderen Parteien und Minderheitenvertretungen aufgeteilt. So wird zur Enttäuschung vieler KurdInnen der lang ersehnte demokratische Prüfstein für die seit Jahren etablierte kurdische Führung mit dem Hinweis auf das unsichere Umfeld bis auf weiteres verschoben.



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Wahlen im Irak – Aktuelle Informationen aus dem Nord- und Zentralirak

Frankfurt/M. – Berlin, 23.1.2005

Am 30.1.2005 wird im Irak eine 275köpfige Übergangs-Nationalversammlung gewählt, die eine neue Verfassung ausarbeiten und erneute Wahlen Ende 2005 vorbereiten soll. Am selben Tag werden im gesamten Irak die Provinzverwaltungen gewählt und in den kurdischen Provinzen zusätzlich ein neues kurdisches Regionalparlament.
Tägliche Anschläge und zahlreiche Opfer unter irakischen ZivilistInnen und Sicherheitskräften bestimmen die hiesige Berichterstattung vor der Wahl. Der Sicherheitsaufwand für den Wahltag ist immens: die Grenzen werden geschlossen, am Wahltag werden Telefon- und Autoverkehr unterbunden, Adressen von Wahllokalen erst kurz vor Öffnung bekannt gegeben, und viele KandidatInnen wollen nicht öffentlich in Erscheinung treten. In diesem Klima kann von Wahlkampf und freien Wahlen kaum die Rede sein und erscheint das Festhalten am Wahltermin bizarr. Dennoch: Die technischen Wahlvorbereitungen laufen nach Plan, 111 Listen und Einzelparteien mit insgesamt 7200 Kandidatinnen, ein Drittel davon Frauen, stellen sich zur Wahl. Zehntausende von Wahlhel-ferInnen werden trotz massiver Drohungen am Sonntag die ca. 6000 Wahllokale betreuen und Umfragen zufolge sind zwischen 67 und 88% der Wahlberechtigten entschlossen ihre Stimme abzugeben. Trotz aller Abstriche wollen zahlreiche IrakerInnen nach 30 Jahren Diktatur ihr Wahlrecht ausüben und damit ein Zeichen gegen den Terror setzen.

Haukari e.V. arbeitet seit 1995 im Irak. Das von HAUKARI e.V. gegründete „soziale und kulturelle Frauenzentrum KHANZAD“ bietet in Sulaimania und Khanaquin/Dyala Bildung und Beratung für Frauen an und betreut Opfer familiärer Gewalt und Frauen, die von Ehrenmord bedroht oder wegen so genanter Ehrdelikte in Haft sind. In der zentralirakischen Stadt Tuz Khurmatu/Tikrit hat HAUKARI e.V. Anfang 2004 das „Friedenszentrum für Zivilgesellschaft“ eröffnet, das Hilfe für Opfer politischer Gewalt leistet und sich als Dialogforum für die verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppierungen der Region versteht.
Die von uns geförderten Projekte haben aktiv an den Wahlvorbereitungen teilgenommen. In Tuz Khurmatu wurden Workshops zu den Wahlen durchgeführt. Mitarbeiterinnen des Frauenzentrums KHANZAD werden als Vertreterinnen der Zivilgesellschaft den Wahlverlauf in der Region Halabja beobachten. Unsere Programmkoordinatorin für den Irak, Karin Mlodoch., ist vor kurzem von einem mehrmonatigen Irak-Aufenthalt zurückgekehrt und steht nun in täglichem Kontakt zu unserem Büro in Sulaimania und unseren Projekten. Sie und andere MitarbeiterInnen von HAUKARI e.V. stehen Ihnen rund um den Wahltag für Hintergrundberichte, aktuelle Informationen und Vermittlung von direkten Kontakten in den Irak zur Verfügung.

Kontakt:
Karin Mlodoch, Berlin, Mobil 0160 97 77 44 22, E-Mail: mlodoch@haukari.de
Geschäftstelle HAUKARI e.V. Frankfurt/M., Tel. 069 70 76 02 78, Fax 069 70 76 02 79


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„Der Terror trifft besonders die Frauen“ – Interview zur Perspektive der irakischen Frauenbewegung mit Pakshan Zangana, Irakische Frauenliga

Worin siehst Du momentan die Hauptaufgaben der irakischen Frauenbewegung?

Zunächst möchte ich auf die Hauptprobleme in der aktuellen Situation eingehen. Da ist in erster Linie die instabile Sicherheitslage zu nennen. Frauen sind von dieser Situation besonders betroffen. Die meisten irakischen Frauen sind bereits unter normalen Umständen familiären Druck ausgesetzt und können sich nur begrenzt frei bewegen. Die mangelnde Sicherheit erschwert es zusätzlich, daß Frauen sich treffen, diskutieren und an Veranstaltungen teilnehmen können, da die Familien Angst haben, daß ihnen etwas zustösst.
Trotz dieser äusserst widrigen Umstände konnten Frauen in den letzten Monaten Erfolge erzielen, so z. B. daß sie 25% der Delegierten in der „Nationalen Versammlung“ stellten.

Gibt es eine gesamtirakische Frauenbewegung und wie sieht sie aus?

Es gibt ein irakisches Frauennetzwerk, das 80 Organisationen verbindet. Daran beteiligt sind sowohl islamistisch als auch säkular orientierte Organisationen. Es ist aber zweifelhaft, ob diese unterschiedlichen Strömungen auf Dauer zusammenarbeiten werden. Zu groß sind die inhaltlichen Widersprüchen. obwohl es auch einige Organisationen gibt, die beide Strömungen vereinigen. Von den Frauenorganisationen ist ein Bewußtseinswandel zu fordern ...

... wie soll dieser Bewußtseinswandel aussehen?

Da Diskussionsfreiheit besteht haben Frauenorganisationen und andere zivile Organisationen die Chance eine größere Rolle im politischen und gesellschaftlichen Geschehen zu spielen. Dies trifft insbesondere für bewußte und demokratisch denkende Frauen zu. Ein Indiz ist darin zu sehen, daß die Präsenz von Frauen, die sich in den Medien äussern zugenommen hat und öfter Frauenthemen aufgegriffen werden.
Die Frauenorganisationen müssen jetzt diese Chance nutzen und tiefer in die zivilen Strukturen der Gesellschaft eindringen. Wichtig ist es dabei. Möglichkeiten zu schaffen, daß sich Frauen ausserhalb der Familie mit anderen Frauen treffen können.
Die vorläufige Verfassung steht den Frauen die Menschenrechte ohne jegliche Einschränkung zu. Dies vollständig umzusetzen wird nur Schritt für Schritt möglich sein. Dies ist auf unserem kulturellen Hintergrund ein langwieriger gesellschaftlicher Prozess. Gerade dieser für Frauen so wichtige Prozess wird von den terroristischen Organisationen bedroht.
Europäische Organisationen könnten hingegen eine wichtige unterstützende Rolle spielen für Frauenorganisationen im Irak.

Wie schätzt du als kurdische Kommunistin, die eine gesamtirakische Perspektive vertritt, das Verhältnis von kurdischen Frauenorganisationen zu denen im übrigen Irak ein?

Zunächst einmal sind die Probleme der Frauen im gesamten Irak identisch. Kurdische Frauen haben darüber hinaus wegen der besonders brutalen Repression des Baath-Regimes in Kurdistan noch spezifische Probleme.
Andererseits können kurdische Frauenorganisationen mit ihren in den letzten Jahren gemachten Erfahrungen eine größere Rolle spielen als bisher. Die irakischen Frauen, die erst im vergangenen Jahr von der Baath-Diktatur befreit wurden, haben großen Respekt vor den Erfolgen der kurdischen Frauenbewegung wie beispielsweise der Änderung des Personenstandrechtes.
Allerdings schwächt die parteipolitische Spaltung den Einfluß der kurdischen Frauen erheblich. Die kurdischen Frauenorganisationen müssen sich mehr als kurdische Organisationen darstellen, zumal es in Bezug auf die Frauenrechte zwischen den beiden großen Parteien in Kurdistan keine wesentlichen programmatischen Unterschiede gibt. Selbstverständlich ist von der irakischen Frauenbewegung zu fordern, daß sie die Autonomie Kurdistans anerkennt. Die „Frauenfrage“ lässt sich nur mit der nationalen Frage des Iraks lösen.

Du sprachst eben von dem großen Respekt der irakischen Frauen gegenüber den Erfolgen der kurdischen Frauenbewegung. Kurdische Aktivistinnen berichteten uns demgegenüber von zahlreichen ernsthaften Konflikten mit Vertreterinnen von Frauenorganisationen aus dem Zentral- und Südirak.

Dazu muß man wissen 35 Jahre Baath-Regime haben natürlich das Denken der irakischen Frauen beeinflußt. Durch die Präsenz zahlreicher Widerstandsorganisationen war die öffentliche Meinung im Kurdistan bereits vor dem Aufstand 1991 nicht in dem Ausmaß kontrolliert wie im übrigen Irak. Nach 1991 konnte sich unter den Frauen eine ganz andere Diskussionskultur herausbilden. Sie besassen ganz andere Informationsmöglichkeiten. Kurdische Frauenorganisationen sollten daher den Einfluß den die Baathideologie auf ihre Gesprächspartnerinnen hat, mehr reflektieren.

Welche Rolle spielt die parteipolitische Bindung von Frauenorganisationen im gesamten Irak?

In Irakisch-Kurdistan sind die Frauenorganisationen häufig eng verbunden mit den politischen Parteien. Diese beeinflussen zeitweilig die Arbeit der Frauenorganisationen. Wie die Änderung des Personenstanrechtes zeigt, konnte die Frauenbewegung in Irakisch-Kurdistan durch die Vernetzung mit anderen Organisationen der Zivilgesellschaft dennoch einiges durchsetzen. Im Zentral- und Südirak besteht die Chance, daß die Frauenorganisationen unabhängiger von Parteien agieren können.

... als Parteimitglied willst du den Einfluß von Parteien mindern?

Wenn ich in Frauenorganisationen als Parteifunktionärin auftrete kann ich vielleicht mit den Druckmöglichkeiten, die mir meine Partei ermöglicht, etwas durchsetzen. Dies wäre sehr schädlich für diese Organisationen. Wichtiger erscheint mir den unabhängigen und demokratischen Charakter der Frauenorganisationen anzuerkennen und durch Überzeugungsarbeit nachhaltig in ihnen für die richtige Positionen zu werben. Sie können dadurch ein gestaltendes aktives Element der Zivilgesellschaft werden.

Du hast mehrmals von den Erfolgen der irakischen Frauenbewegung gesprochen. In Europa wird das kritischer gesehen. So wird angemerkt, daß die Frauenquoten doch häufig sehr niedrig seien oder daß es in der vorläufigen Verfassung kein explizites Verbot von Ehrmorden an Frauen gäbe.

Die Ausführungsbestimmungen der vorläufigen Verfassung sind noch nicht erfolgt. Auf ihrer Grundlage wäre ein Verbot von Ehrmorden problemlos möglich.
Selbstverständlich ist eine Frauenquote von 25% zu wenig und wir können keineswegs damit zufrieden sein. Wir dürfen keine Illusionen darüber haben, daß dies ein langer Weg sein wird.
Nach der Revolution von 1958 wurde das erste Personenstandgesetz im Irak erlassen, das gewisse Verbesserungen für Frauen brachte. Damals waren die Kampfbedingungen für demokratische Organisationen günstiger als heute.

Pakshan Zagana ist Führungsmitglied der Irakischen Frauenliga und der Kommunistischen Partei Irakisch-Kurdistans. Sie baut z. Zt. ein Zentrum für „Gender studies and information“ in Hawlir (Arbil) Irakisch-Kurdistan auf.
Das Gespräch wurde am 05.10.2004 in Köln geführt. Fragesteller: B. Winter


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Wohin gehört Tuz Khurmatu ?

In der nordirakischen unweit von Kirkuk gelegenen Stadt Tuz Khurmatau leben etwa 90.000 Menschen. Wie viele andere Städte des Iraks ist auch sie während der letzten 25 Jahre unter dem Baath-Regimes als Folge der diversen Kriege und sowie der Wirtschaftssanktionen heruntergekommen. Viele Häuser sind verfallen und nur zu Teilen bewohnbar. Nur notdürftig können im Basar die Waren ausgelegt werden. Nach einem Regenguß watet man knöcheltief im Schlamm. Das Abwasser wird in einem mit Jauche und Müll gefüllten offenen Kanal gesammelt, der die gesamte Stadt durchzieht. Trotz des beträchtlichen Gestankes im Sommer dient er als Viehtränke und Badeplatz. Kein Wunder, dass das Krankenhaus dann mit Kindern, die an Durchfallserkrankungen leiden, überfüllt ist. Der größte Teil der Bevölkerung ist um überleben zu können auf Lebensmittelzuteilungen angewiesen.
In der Stadt, die selbst keine Erdölvorkommen aufweist, wohnen große turkmenische, arabische und kurdische Bevölkerungsgruppen. Die turkmenische Bevölkerung hängt meist der schiitischen Glaubensrichtung an, so dass hier auch die beiden islamischen Hauptrichtungen vertreten sind.
Der örtliche Vertreter der Kommunistischen Partei Kurdistans Ismaer Sarbir erklärt denn auch, dass man eigentlich nirgends hingehöre. Tuz sei weder arabisch noch turkmenisch oder kurdisch, dann aber auch wieder alles. Um dies zu symbolisieren wird die Eingangshalle des Parteigebäudes – ein ehemaliger Militärstützpunkt – von einem Gemälde geziert, das das friedliche und gedeihliche Zusammenleben der Ethnien darstellt.
Von dieser Vision ist man jedoch noch ein ganzes Stück entfernt. Davon zeugt der Schulstreit, der im Frühsommer letzten Jahres begann. Funktionäre kurdischer Parteien hatten sehr forsch kurdisch als Unterrichtssprache an den Schulen einführen wollen. Dies führte zu vehementen Protesten der turkmenischen und arabischen Bevölkerung. Die Schändung des Grabes eines schiitischen Scheichs durch Unbekannte heizte die Stimmung zudem an. Am 22.8. kam es zu Demonstrationen und Gegendemonstrationen, die in einem allgemeinen Tumult endeten. Hintergrund der Auseinandersetzung ist die Gebietsreform des gestürzten Regimes, das Tuz der Verwaltung in Tikrit unterstellte um die arabische Vormachtstellung in der Region zu zementieren. Die turkmenischen und arabischen Vertreter verlangten daher, dass die Schulprüfungen wie bisher weiter auf arabisch abgehalten werden sollten. In den Augen vieler KurdInnen war in den zwangsarabisierten Gebieten die kurdische Sprache und Kultur jahrzehntelang unterdrückt worden und man sah die Zeit gekommen dies umgehend zu ändern. Mittlerweile hat man sich pragmatisch geeinigt. In vorwiegend von KurdInnen besuchten Schulen wird kurdisch in den anderen arabisch geprüft.
Die durch das gestürzte Regime hervorgerufenen gesellschaftlichen Verwerfungen und sozialen Traumata gehen weit tiefer und werden einer intensiveren Aufarbeitung bedürfen. Im Frühjahr 1988 spielten sich in Tuz während der Anfal-Vernichtungsoperatioen unbeschreibliche Szenen ab. Kurdische Familien und vereinzelt auch Turkmenen wurden in einem ehemaligen Jugendzentrum interniert um dann in den Südirak deportiert zu werden. Das ehemalige Deportationslager dient heute einigen Familien als Notunterkunft. Anwohner weisen auf ein Loch in der Umfassungsmauer, durch das Kinder hinausgereicht wurden, um sie vor den Schergen des Regimes zu retten. Der Vertreter des regionalen Anfal-Komitees verweist auf zahlreiche ähnliche Schilderungen aus Tuz und Umgebung. Alleine in der Stadt Tuz sollen heute noch 4.000 Anfal-Opfer leben.
Die amerikanische Militärverwaltung hat in der Stadt einen Magistrat eingesetzt, dem 6 Vertreter jeder Ethnie angehören. Ein Rat der Ältesten, aus Stammesvertretern gebildet, fungiert als Beratergremium. Der kurdische Bürgermeister betont, dass es seit den Augusttagen in Tuz friedlich sei. Die Situation sei mit der in Kirkuk nicht zu vergleichen. Alle Beteiligten würden sich aktiv um den Wiederaufbau einer funktionierenden Stadtverwaltung bemühen. Dabei hätten sie auch schon einiges erreicht. Dennoch ist in der Ratsversammlung das Misstrauen zwischen den einzelnen Gruppen und das sich ständige Beäugen fast physisch zu spüren. Der Vertreter der amerikanischen Militärverwaltung, der auf seiner Maschinenpistole gestützt der Versammlung beiwohnt, scheint wenig Möglichkeiten der Vermittlung zu sehen. Offensichtlich haben die kurdischen Parteien, Organe der Zivilgesellschaft gibt es allenfalls in Ansätzen, durch die Regierungserfahrung in der autonomen Region Kurdistans Vorteile gegenüber den Konkurrenten. Bescheidene Ressourcen können aus dem Norden für das eigene Klientel mobilisiert werden. So erhalten auch die Anfal-Opfer in Tuz eine minimale Rente durch die kurdische Regionalregierung. Auch fällt ihnen der Umgang mit ausländischen Organisationen viel leichter. Trotz mancher logistischer Unterstützung scheint dennoch das Interesse seitens der kurdischen Regionalregierungen an dieser Stadt nicht übertrieben groß zu sein.

Die Stimmung in Kirkuk ist eine andere. Hier werden die Konflikte viel offener ausgetragen. In den kurdischen Stadtteilen beherrscht die kurdische Flagge das Strassenbild. Immer wieder kommt es auch aus nichtigen Anlässen zu Demonstrationen, die zuweilen in Schießereien enden. Es sind mittlerweile eine Vielzahl von lokalen Nichtregierungsorganisationen gegründet worden. Sie haben häufig einen Bezug zu Menschenrechten im Namen und gebärden sich multiethnisch. Aber in der Regel sind sie einer Partei zuzuordnen. In den Gesprächen wird denn auch nach einiger Zeit deutlich, welche Positionen die GesprächspartnerInnen zur zukünftigen Stellung Kirkuks haben. Auf der arabische und turkmenischen Seite wird die Angst geäussert, majorisiert zu werden, um so durch den Erdölreichtum dieser Stadt, die Grundlage für ein unabhängiges Kurdistan zu schaffen. In der Tat lassen die Führungen von KDP und PUK in Arbil bzw. Sulaimania keinen Zweifel daran, dass sich die Bevölkerung Kirkuks in einem Referendum nach einer Übergangsphase der autonomen Region anschließen wird. Es wird aktuell von turkmenischer und arabischen Vertretern der Vorwurf erhoben, dass viel mehr KurdInnen in die Stadt zurück kämen als je vertrieben wurden. In das Stadtgebiet von Kirkuk sind bisher tausende ehemals vertriebene bzw. zwangsumgesiedelte turkmenische und kurdische Familien (schätzungsweise 25.000 Menschen) zurückgekehrt und leben größtenteils unter erbärmlichsten Bedingungen in Zelten und Notunterkünften.. Die us-amerikanische Verwaltung versucht einen weiteren Zuzug zu unterbinden. Sie stuft dieses Thema als höchstsensibel ein, scheint aber mit der Entwicklung von Lösungsstrategien vollständig überfordert. Eine von allen Kontrahenten anerkannte Institution, die sich dieser Problematik annehmen könnte, gibt es nicht. Aus dieser Sicht betrachtet kann man einem Gesprächspartner zustimmen, der meinte, es sei bereits als Erfolg zu werten, dass in Kirkuk noch kein Bürgerkrieg ausgebrochen ist.

Auch in Kirkuk weiss die us-amerikanische Verwaltung nicht so genau, wo Tuz hingehört. Wurde in Tuz noch erklärt, die Stadt würde ob der Schwierigkeiten in Tikrit von der Regionalverwaltung in Kirkuk vorübergehend mitverwaltet, so will man davon in Kirkuk nichts wissen. Liegt in dieser Unbestimmtheit der Verortung von Tuz auch die Chance der Stadt auf eine Zukunft jenseits der Ethnisierung der Konflikte? Vielleicht ist dieser Gedanke im heutigen Irak dann doch zu verwegen.


Bernhard Winter/Haukari e.V.

Der Autor befand sich bis zum 19.1.2004 auf einer Projektreise im Irak.


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Pressemitteilung: Haukari e.V. führt Hilfsprogramm fort

Trotz der angespannten Sicherheitslage im Irak hat die Arbeitsgemeinschaft für internationale Zusammenarbeit - Haukari e.V. beschlossen die Arbeit im Irak fortzuführen. Mitglieder des Vereins sind seit 1991 in Projekte im Nordirak eingebunden und verfügen entsprechend über eine langjährige Erfahrung.
In den im Norden des Iraks gelegenen Projektorten ist es zur Zeit ruhig. Die Arbeit kann weitgehend unbehindert von den aktuellen militärischen Auseinandersetzungen fortgeführt werden. Dennoch wird die Frage, ob man internationale oder lokale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einem unnötigen Risiko aussetzt immer wieder diskutiert werden.
Haukari e.V. hält es gerade jetzt für wichtig die gesellschaftlichen Kräfte im Irak zu unterstützen, die heute versuchen Alternativen zu Hass und Gewalt zu formulieren. Die dramatischen Gewalterfahrungen der irakischen Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten müssen aufgearbeitet und für den Aufbau der Gesellschaft nutzbar gemacht werden. Dazu sind opferzentrierte Projekte wie das von Haukari e.V. betriebene Beratungszentrum für Gewaltopfer in Tuz Khurmatau erforderlich. Das Zentrum, im März 2004 eröffnet, bietet seither erfolgreich medizinische und psychologische Unterstützung für alleinstehende Frauen an, die Opfer von Gewaltmaßnahmen wurden.
Ergänzend zu diesem Projekt wurde im vergangenen Monat ein Videoschnittplatz in Sulaimania aufgebaut und entsprechendes Personal ausgebildet. Damit besteht die Möglichkeit der filmischen Dokumentation von Zeitzeugenberichten. Das Erzählen und die filmische Dokumentation der eigenen Geschichte soll bei Opfern mit traumatischer Gewalterfahrung therapeutisch genutzt werden.

Solche zivilen Projekte sind neben anderem Voraussetzungen, um die Gewalt zu durchbrechen und die Lasten der Vergangenheit zu bewältigen. Sie bedürfen der Unterstützung von aussen. Dabei sind die Hilfsorganisationen gefordert sich an den Bedürfnissen der Bevölkerung zu orientieren und sich nicht von den Beteiligten - gerade auch nicht von den Besatzungsarmeen - instrumentalisieren zu lassen.

Frankfurt/Main, den 24.05.04


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Pressemitteilung: Haukari e.V. eröffnet erste Beratungsstelle für Opfer politischer Gewalt und Angehörige von Verschwundenen in Tuz Khurmatu, Irak

Seit Anfang März arbeitet in der Stadt Tuz Khurmatu das erste multiethnische Beratungsteam zur medizinischen und psychologischen Betreuung von Opfern politischer Gewalt und Angehörigen von Verschwundenen. Dies ist die erste von mehreren Beratungsstellen, die Haukari e.V. eröffnen wird.
In der nordirakischen Stadt Tuz Khurmatu, unweit von Kirkuk gelegen leben etwa 90.000 Menschen. Wie in vielen anderen irakischen Städten leiden auch sie unter den Folgen der diversen Kriege und sowie der internationalen Wirtschaftssanktionen.
In der Stadt wohnen große turkmenische, arabische und kurdische Bevölkerungsgruppen. Die turkmenische Bevölkerung hängt meist der schiitischen Glaubensrichtung an, so dass hier auch die beiden islamischen Hauptrichtungen vertreten sind.
Das gestürzte Baath-Regime hat durch seine Arabisierungspolitik die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen systematisch verschärft. So war auch Tuz von den Anfal-Vernichtungsoperationen gegen die kurdische Bevölkerung im Frühjahr 1988 betroffen. Dabei wurden in der Stadt tausende Kurden und Kurdinnen zunächst in einem Lager gesammelt und dann in den Süden des Iraks deportiert. Viele Deportierte sind seither verschwunden. Alleine in der Stadt Tuz sollen heute noch 4.000 Anfal-Opfer leben, weitere Tausende von Anfal Betroffene werden in den Dörfern der Umgebung vermutet. Viele davon sind alleinstehende Frauen, deren männliche Familienangehörige ermordet wurden oder weiterhin vermisst werden. Über den Umfang anderer Opfergruppen in der Stadt gibt es momentan nur wenige Informationen.
Die durch das gestürzte Regime hervorgerufenen Verwerfungen und sozialen Traumata haben in der Gesellschaft tiefe Spuren hinterlassen, die heute nachwirken. Eine der schwierigsten Aufgaben, vor der die irakische Gesellschaft steht, wird die Aufarbeitung der Verbrechen sein. Aktuell gilt es, den Angehörigen von Verschwundenen Gewissheit über das Schicksal der Familienmitglieder zu verschaffen, ihnen auf dem schwierigen Weg der Exhumierung der Toten in den Massengräbern und ihrer Rückführung beizustehen. Es gilt, Hilfe und Beratung bei der Entwicklung neuer Lebensperspektiven und Unterstützung bei der Artikulierung und Durchsetzung ihrer Forderungen nach Aufklärung, Gerechtigkeit und Entschädigung zu geben.

Das Beratungs- und Rehabilitationszentrum richtet sich an ehemalige Gefängnisinsassen, Angehörige von Verschwundenen, an Minderheitengruppen, die während des Baath-Regimes verfolgt wurden, Opfer von Vertreibung sowie an Menschen, die von aktuellen Menschenrechtsverletzungen betroffen sind. Auch Frauen, die familiärer Gewalt ausgesetzt sind werden unterstützt.
Das Zentrum steht Betroffenen aller ethnischen, politischen und religiösen Gruppen offen. Es bietet zunächst ein Beratungsangebot (rechtlich, psychosozial, medizinisch) und ein Bildungsangebot sowie ein spezifisches medizinisches Programm für alleinstehende Frauen an. Die weiteren Schritte werden dann mit den Betroffenengruppen entwickelt werden.

Das Zentrum wird von OXFAM Deutschland unterstützt.


Frankfurt, den 30.03.2004


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Die Brückenbauerinnen von Chanakin
In der irakisch-kurdischen Stadt will ein Projekt die Rechte der Frauen stärken. Doch der Regierungsrat hat erst einmal die Scharia eingeführt
AUS CHANAKIN INGA ROGG

Es ist wie eine Reise in ein anderes Land und eine andere Zeit. Je weiter man vom kurdischen Suleimania nach Süden in Richtung Chanakin fährt, umso einsamer und ärmer wird die Gegend. Das kurdische Hügelland weicht allmählich einer weiten Ebene, die ersten Dattelbäume tauchen auf. Die Straße wird holpriger, am Straßenrand warnen rote Schilder vor der Minengefahr.
Bis vor knapp einem Jahr verlief kurz vor Chanakin die Demarkationslinie zwischen dem Saddam-Land und dem Kurden-Land. Irakische Soldaten sorgten dafür, dass sich das autonome Kurdistan mit seinen eigenen Regierungen und Institutionen nicht noch weiter ausdehnte. Heute haben diese Aufgabe Wächter der irakischen Zivilverteidigung mit Kontrollpunkten am Ortseingang übernommen. Die Wachen sind Kurden, doch über ihnen wachen Soldaten des 10. US-Kavallerieregiments. Sie haben in einem ehemaligen irakischen Armeelager Stellung bezogen, um zu verhindern, dass die kurdischen Peschmerga vollendete Tatsachen schaffen. Denn Chanakin soll, geht es nach dem Willen der Kurden, in den künftigen Bundesstaat Kurdistan eingegliedert werden.
Chanakin ist wie Kirkuk eine multiethnische Stadt, in der seit Jahrhunderten Kurden, Turkmenen und Araber leben. Und wie aus Kirkuk wurden auch aus der einige zehntausend Einwohner zählenden Stadt an der iranischen Grenze viele Kurden vertrieben. Wie dort gibt es auch hier schwelende Konflikte, aber anders als in Kirkuk ist es in Chanakin bislang nicht zu gewaltsamen Zusammenstößen gekommen. Dass das so bleibt, dafür will auch ein kleines Frauenprojekt sorgen.
In einem angemieteten Privathaus in der Stadtmitte hat das Beratungszentrum für Frauen ein Büro eingerichtet. Das Büro macht einen eher ärmlichen Eindruck. Einige Tische und Büromöbel sind das einzige Mobiliar. Neben ein paar Plakaten hängen an den Wänden Aufkleber der Arbeiterwohlfahrt, die das Projekt zusammen mit der deutschen Hilfsorganisation Haukari finanziell unterstützt. Zudem gibt es einen Computer, und darauf sind die sechs Frauen, die hier arbeiten, besonders stolz.
"Wir kannten Computer zwar aus der Theorie", sagt die Leiterin Chanssa Hamsa. "Doch gearbeitet haben wir damit nie." Deshalb will sie in Zukunft auch Computerkurse für Frauen anbieten. Doch das sei eine Zukunftsvision, sagt die Politologin. Augenblicklich gehe es vor allem darum, Frauen in rechtlichen und Gesundheitsfragen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. An Arbeit mangelt es den sechs Mitarbeiterinnen nicht. Anders als im quirligen Suleimania, wo es seit Jahren Fraueninitiativen gibt, sind die Frauen in der Gegend um Chanakin oft auf sich allein gestellt. Zwar gab es auch hier wie überall im Land eine Niederlassung der Baath-Frauenorganisation. Doch bestand deren Aufgabe vor allem darin, Claqueure für das Regime zu mobilisieren.
Um die Bedürftigen zu erreichen, haben die Frauen ein Kriseninterventionsteam gebildet, das in die Stadtviertel und Dörfer fährt. Ihr Angebot umfasst akute medizinische Hilfe, aber auch Beratung in Gesundheitsfragen. "So stellen wir sicher, dass wir alle Frauen erreichen, ob sie nun Kurdinnen oder Turkmeninnen sind", sagt Schilan Chalil.
Die Gräben überbrücken, dieses Motto gilt auch für das Zentrum selbst: Ihm gehören vier Kurdinnen und zwei Turkmeninnen an, drei sind Schiitinnen und drei Sunnitinnen. "Machen wir uns nichts vor", sagt die energische Sozialarbeiterin. "Frauen stehen doch immer ganz unten."
Das gelte besonders in rechtlichen Belangen, wirft die Rechtsanwältin Aschwak Abdulla Adhem ein. Nach bislang geltendem irakischem Recht wurden Mörderinnen mit dem Tod bestraft, Männer hingegen, die ihre Ehefrauen getötet haben, erhielten dafür eine maximale Haftstrafe von sechs Monaten. Auch beim Kindersorgerecht und bei Besitzstreitigkeiten nach Scheidungen wurden Frauen trotz gegenteiliger Gesetzeslage häufig benachteiligt. Mit regelmäßigen Sprechstunden will die Anwältin hier Abhilfe schaffen. Am liebsten würde sie, die ihr Haar züchtig unter einem Kopftuch versteckt hat, gleich die ganze Gesetzgebung reformieren.
In den Ohren des irakischen Regierungsrats muss das wie eine Kampfansage klingen. Denn dieser hat Ende Dezember das bisherige Personenstandsrecht abgeschafft und im Familienrecht das islamische Recht, die Scharia, eingeführt. Die Abstimmung war denkbar knapp, und einige der Ratsmitglieder waren gar nicht anwesend. Darin spiegelt sich ein Trend der vergangenen Monate: Konservative schiitische wie sunnitische Geistliche drängen darauf, Frauen aus dem öffentlichen Leben auszuschließen. Dabei schrecken ihre Anhänger auch vor Gewalt nicht zurück. Im Januar entging Nasrin Berwari, die einzige Frau in der Ministerriege, nur knapp einem Anschlag. Die kurdische Politikerin hatte zuvor während einer Demonstration in Bagdad den Ratsbeschluss scharf kritisiert und macht auch keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen den Kopftuchzwang.
Seit Wochen protestieren Frauengruppe und liberale Politiker gegen den Ratsbeschluss. Unterdessen hat Zivilverwalter Paul Bremer durchblicken lassen, dass er das Gesetz nicht autorisieren werde. Sollte der Rat bei seiner jetzigen Haltung bleiben, wäre dies der erste Vetofall. "Die Frauen müssen endlich wie gleichberechtigte Bürger behandelt werden", sagt die Anwältin Aschwak von Frauenzentrum. Dabei kneift sie, die selbst tief gläubig ist, trotzig ihre großen Augen zusammen.

26.2.2004, INGA ROGG


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Aufruf zur Solidarität mit den Kurden gegen den fundamentalistischen Terror

Am 1. Februar 2004 sind bei Terroranschlägen auf die Büros der beiden führenden Parteien von Kurdistan-Irak Demokratische Partei Kurdistans (KDP) und Patriotische Union Kurdistans (PUK) in der kurdischen Hauptstadt Erbil  67 Menschen getötet und mehr als 230 verletzt worden. Diese Anschläge gegen die Menschen, die an Opferfestfeiern der Parteien teilgenommen haben, steht in langer Tradition der Verfolgung, Vertreibung, und Vernichtung der Kurden im Irak.

Das Ziel der Anschläge war unter anderem die kurdische Führung im Nord-Irak zu vernichten sowie die Stabilität der Region zu gefährden. Unter den Toten befinden sich die Mitglieder der Regionalregierung sowie hochrangige KDP- und PUK-Politiker.

Die Kurden im Irak haben seit 12 Jahren unter den schwierigsten Bedingungen ihre zivile demokratische Verwaltungsorganisationen sowie föderalen Strukturen aufgebaut, freie Parlamentswahlen durchgeführt, und zwar unter Einbeziehung der ethnischen Minderheiten wie der Assyrer und Turkmenen. Auch ihre Bemühungen zum Aufbau der zivil-gesellschaftlichen Strukturen haben in diesem Zeitraum Früchte getragen. Es gibt eine freie Presse -und Medienvielfalt. Kurdistan-Irak galt bis jetzt als eine relativ sichere Region.

In der kurdischen Selbstverwaltungszone wurden im vergangenen Jahrzehnt wichtige Ansätze einer demokratischen und offenen Gesellschaft geschaffen. In keinem anderen Landesteil des Irak haben die Menschen vergleichbare Freiheitsrechte genießen können, wie im Nordirak.


Wir unterstützen die legitimen Rechte und Forderungen des kurdischen Volkes im Nordirak sowie das föderale, pluralistische Gesellschaftssystem im Irak.  


Wir solidarisieren uns mit dem kurdischen Volk und verurteilen diese feigen und barbarischen Terroranschläge in Erbil im Nordirak aufs Schärfste.  


Wir trauern mit den beiden kurdischen Parteien um ihre ermordeten Funktionäre und mit dem kurdischen Volk um die Toten und Verletzten. 


Wir appellieren an  die Bundesregierung und die internationale Staatengemeinschaft, sich für die legitimen Rechte und Forderungen des kurdischen Volkes einzusetzen.



Erstunterzeichner:
Silke Stokar, Innenpolitische Sprecherin von Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen; Wolfgang Gehrcke, Aussenpolitischer Sprecher des PDS Vorstandes; Prof. Ferhad Ibrahim (FU-Berlin), Günter Wallraf, Schriftsteller; Marcus Plagmann (IG Metall), Andreas Köhn (Verdi), Norbert Konkol (Verdi), IMK ev.v., Komkar, Hans Branscheidt, Wadi e.V., Kurdische Gesellschaft zur Förderung der Kurdologie e.V., Haukari e.V.


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Debatte Gefährliche Hilfe im Irak, FNP v. 12.11.2003

Bereits vor zehn Jahren wurden von den damaligen Machthabern in Bagdad Hilfsorganisationen, die in dem von der Zentralregierung nicht kontrollierten Norden des Landes arbeiteten, als Ziel von Anschlägen ausersehen. Für die Ermordung von internationalen Mitarbeitern, in der Sprache der Diktatur "ausländische Agenten" genannt, wurden Kopfgelder in Höhe von 3000 US-Dollar pro Person ausgesetzt. Mehrere internationale Helfer bezahlten dies damals mit ihrem Leben.

Die Attentate beschleunigten den Rückzug der noch verbliebenen Hilfsorganisationen, der ohnehin schon im Gange war und beförderte die Destabilisierung des kurdischen Nordens. Schließlich mündete diese Entwicklung in einen innerkurdischen Bürgerkrieg.

Während das Mittel feiger Anschläge auf wehrlose Zivilisten, die für Hilfsorganisationen tätig sind, nicht neu ist, erhält es durch die Selbstmordattentate noch eine andere Dimension. Diese Grenzüberschreitung ist ein weiterer Ausdruck der Verrohung dieser Kämpfer. Auch zeigt der Angriff auf das IKRK nach dem Anschlag auf das UN-Hauptquartier im August diesen Jahres abermals demonstrativ deren Ablehnung jeglichen internationalen Rechts. Ist doch das IKRK von der internationalen Staatengemeinschaft ausersehen worden, in Konfliktsituationen humanitäre Hilfe zu leisten. Ihre unter den Nichtregierungsorganisationen einzigartige Stellung wurde von der UN in einem eigenen Codex sanktioniert.

In der täglichen Praxis ist das IKRK in zuweilen überbordender Pedanterie auf Neutralität bedacht. Dennoch gilt es in den Augen der Angreifer als feindliche Organisation. Überdies wird die schlechtere medizinische Versorgung der Bevölkerung, die man vorgibt "befreien" zu wollen, billigend in Kauf genommen.

Wenn der US-Außenminister Colin Powell als Reaktion auf den Anschlag die Hilfsorganisationen flehentlich bittet, den Irak nicht zu verlassen, so verweist dies einmal mehr auf die Hilflosigkeit der US-Politik beim Aufbau gesellschaftlicher Strukturen im Irak. War der militärische Sieg über das Baath-Regime dank organisatorischer, technischer und finanzieller Überlegenheit überraschend schnell errungen, so zeigt sich bei der Neugestaltung der irakischen Gesellschaft ein eklatanter Kompetenzmangel des Besatzungsregimes. Dieser Mangel soll durch die Hilfsorganisationen ausgeglichen werden. Sie sollen in Sozialarbeiter-Manier die begangenen Fehler ausbügeln.

Die Erfahrungen im Nordirak vor einem Jahrzehnt zeigen, welch folgenschwere Entwicklungen durch den Abzug der Hilfsorganisationen verstärkt werden können. Die Attentäter hätten ihr Ziel erreicht, wenn die Hilfsorganisationen abzögen.

Ich verbinde die Aufforderung an die Hilfsorganisationen zum Bleiben mit der Aufforderung, sich verstärkt der irakischen Gesellschaft mit ihren internen Konflikten zuzuwenden. Der durch die Gefährdung von internationalem Personal jetzt vermehrte Einsatz von irakischen Mitarbeitern – übrigens ein Vorgehen, mit dem wir in unserer Arbeit in den letzten Jahren sehr gute Erfahrungen machten – könnte dies beschleunigen.

Die Nichtregierungsorganisationen sind gut beraten, sich nicht von der US-Administration funktionalisieren zu lassen. Sie sollten ihr Augenmerk auf den Aufbau gesellschaftlicher Strukturen richten, die den Irakerinnen und Irakern eine friedlichere und vielleicht auch in Ansätzen demokratische Zukunft ermöglichen können. Keinesfalls sollten sie sich dafür hergeben, die Kommunikationswege in die irakische Gesellschaft, die die in Kasernen verschanzte US-Army nicht besitzt, für sie aufzubauen. Der durch die Besatzung des Landes entstandene Widerspruch zwischen angeblich gewollter Demokratisierung einerseits und US-eigenen Interessen andererseits wird letztlich nur durch ein Abzug der Besatzer zu lösen sein. Nach Lage der Dinge wird dies erst nach einer Stärkung der demokratischen und zivilgesellschaftlichen Kräfte möglich sein. Es gibt gute Gründe, diesem sich gegenseitig bedingenden Prozess sehr skeptisch gegenüber zu stehen. Eine Alternative dazu sehe ich nicht.

Susanne Bötte ist im Vorstand des Vereins Haukari e.V., der irakisch-kurdische Projekte fördert.
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FNP 12.11.2003

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Offener Brief an Personen und Organisationen der Friedensbewegung

Irak - das Ende der einfachen Antworten

Auch die Friedensbewegung muss ihre Positionen überdenken


Liebe Freundinnen und Freunde,

am 20. März begann auf Befehl der US-Regierung die heiße Phase des Krieges gegen das Saddam-Regime im Irak. Diese wurde vom Präsidenten George W. Bush am ersten Mai für beendet erklärt. Wie wir alle wissen, ist der Irak seither nicht zur Ruhe gekommen.

Wenig Worte muss man eigentlich noch auf die in Vorbereitung des letzten Waffenganges von britischen Premier Tony Blair und den US-Präsidenten Bush geäusserten Lügen verwenden. Die Fakten sind klar. Sowohl die angebliche Unterstützung von Al-Qaida als auch das Hochrüstungsprogramm waren lediglich Vorwände, um das ihnen nicht genehme Regime zu beseitigen. Was allerdings keineswegs bedeutet, dass das Baath-Regime keine Hochrüstung angestrebt hätte. Man könnte mit Adorno der Meinung sein diese Lügen seien notwendig gewesen, denn "die politischen Gegenkräfte (zum Faschismus d. A.) jedoch sind gezwungen, selbst immer wieder der Lüge sich zu bedienen, wenn nicht gerade sie als destruktiv ausgelöscht werden wollen." Herrn Rumsfeld wird diese Argumentation gefallen und er wird dabei übersehen, dass das Bedrohungsarsenal des Baath-Regimes regional begrenzt war und nie an das die gesamte Welt bedrohende des deutschen Faschismus heranreichte.
Gegen diese Lügen gelang es der Friedensbewegung im Frühjahr Millionen Menschen zu mobilisieren. Oft wurde auf die Globalität der Bewegung verwiesen, noch nie wurde an so vielen unterschiedlichen Orten der Welt gegen einen drohenden Krieg demonstriert wie an dem 15. Februar 2003. Allerdings fiel bereits damals auf, dass Menschen aus dem Irak nicht oder nur im geringen Umfang in die Demonstrationen eingebunden waren. Dies scheint kein Zufall zu sein, wenn man bedenkt, dass hunderttausende durch das Regime Vertriebene in Europa im Exil leben. Wie denn auch in vielen Reden die Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse im Irak ersetzt wurden durch worst-case-Szenarien, die mit heisser Nadel am laufenden Meter gestrickt und überraschend häufig in den Medien verbreitet wurden. Diese speisen "sich auch aus dem Bedürfnis, die Realität unbedingt der eigenen Meinung anpassen zu wollen" (Wolfgang Sfosky). Vielerorts gab man sich mit dem unsäglichen Hinweis, dies sei eine Diktatur wie viele andere in der Region zufrieden. Die ungeheure Aggressivität, die das Regime nach innen und aussen in den letzten drei Jahrzehnten hervorbrachte wurde einfach übersehen und seine Verbrechen zugunsten glatter Argumentationslinien relativiert. Dies ging soweit, dass sich mancher Repräsentant der Friedenbewegung in Bagdad mit Apologeten des Regimes auf ein Podium setzte.

Nun wurde die Despotie von den Koalitionstruppen gestürzt ohne dass eines der worst-case-Szenarien eintrat. Bei aller Zurückhaltung vieler IrakerInnen, die wir in den letzten Monaten sprachen, waren die allermeisten über das Ende der Diktatur zutiefst erleichtert. Warum wird diese Erleichterung in Europa so wenig wahrgenommen? Warum nicht gerade auch von der Friedensbewegung freudig aufgenommen? Steckt dahinter die kleinliche Angst zu sehr in die Nähe des imperialen Abenteuertums des USA zu geraten?

Es gab gute Gründe den Krieg abzulehnen. Zum einen waren da die Unterminierung des Völkerrechtes und natürlich auch Ölinteressen. Auch scheint es problematisch in einer Region, die sich erst vor wenigen Jahren unter großen Mühen von der kolonialen Last befreit hat, einen Demokratisierungsprozess von aussen aufzuoktroyieren. Der Anspruch der US-Regierung mittels eines von aussen geführten Gewaltaktes eine Demokratisierung des Nahen Ostens durchführen zu wollen, entbehrt angesichts der ungemein komplexen historischen Wechselbeziehungen zwischen Orient und Okzident der geschichtlichen Grundlage. Trotz aller Warnungen ist die USA den Weg gegangen sich als einzig verbliebene weltumfassende Hegemonialmacht zu präsentieren. Es zeigt sich, dass der Krieg mit technologischer Überlegenheit 'just in time' zu führen war, der Aufbau einer zivilen Gesellschaft bedarf dann aber doch anderer Kompetenzen.
Es ist unseres Erachtens fatal die jetzt ablaufenden gesellschaftlichen Prozesse im Irak nur aus der Sicht militärische Besatzung vs. irakische Bevölkerung zu betrachten. Vielmehr muss sie um die Dimension der verheerenden Hinterlassenschaften und gesellschaftlichen Verwerfungen des gestürtzten Regimes ergänzt werden. Eine genauere Analyse erscheint allein schon deshalb notwendig, damit man nicht wieder mit den Falschen an einen Tisch sitzt.
Die Situation viel vielschichtiger, als meist dargestellt. In einigen Regionen kämpfen die Menschen um das alltägliche Überleben. Im Nordirak hingegen, wo unter schwierigen Bedingungen in einem sehr widersprüchlichen Prozess in 12 Jahren kurdischer Selbstverwaltung funktionierende Verwaltungen und zivilgesellschaftliche Strukturen aufgebaut werden konnten, hat die Befreiung einen Investitionsboom ausgelöst. Hier ist physisch spürbar, welche Last der Bevölkerung genommen wurde. Während in Europa vorwiegend die Sicherheitsprobleme wahrgenommen werden, werden im Irak neue Verwaltungsstrukturen aufgebaut, sind die Schulen geöffnet, gibt es beispielsweise in der politisch heiss umgekämpften Stadt Kirkuk einen multiethnischen Stadtrat und engagieren sich Frauen für eine stärkere Partizipation in den neu entstandenen Regierungsstrukturen.
Hunderttausende Menschen sind im gesamten Irak darum bemüht das Schicksal ihrer während des Baath-Regimes veschwundenen oder ermordeten Angehörigen zu klären.

So werden denn auch Forderungen nach dem sofortigen Abzug der Besatzungstruppen der Realität nicht gerecht. Dies würde und daran gibt es für uns keinen Zweifel nur die Anhänger der gestürzten Diktatur und die radikal-islamistischen Kräfte stärken. Diese haben mit ihren Anschlägen auf die Hauptquartiere von UN und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz deutlich gemacht, dass sie jegliches internationales Recht missachten und unterschiedslos auch Mitarbeiter/innen von Hilfsorganisationen angreifen. Dieses Ausmass der Menschenverachtung wäre - auch hier sollte man sich keine Illusionen machen - auch zum Tragen gekommen, wenn das Baath-Regime nicht durch einen völkerrechtswidrigen Präemptivkrieg gestürzt worden wäre.

Der durch die Besatzung des Iraks entstandene Widerspruch zwischen angeblich gewollter Demokratisierung einerseits und imperialen Interessen andererseits, wird letztlich nur durch einen Abzug der Besatzer zu lösen sein. Nach Lage der Dinge wird dies erst nach einer Stärkung der demokratischen und zivilgesellschaftlichen Kräfte möglich sein. Es gibt gute Gründe diesem sich gegenseitig bedingenden Prozess sehr skeptisch gegenüber zu stehen. Eine Alternative dazu sehen wir nicht. Es ist an der Zeit den Aufbau demokratischer Strukturen und die Gestaltung zivilgesellschaftlicher Prozesse gezielt zu unterstützen. Damit könnte zur Überwindung der gesellschaftlichen Folgen der Diktatur beigetragen und der Spielraum für emanzipatorische Kräfte erweitert werden. In diesem Kontext ist für uns auch der provisorische irakische Regierungsrat ein Ansprechpartner. Sich in den Sessel zurückzulehnen und auf das Scheitern der US-Politik zu warten, bedeutet auch ein Scheitern für die IrakerInnen und damit eine erneute Katastrophe in Kauf zu nehmen.


Berlin/Frankfurt/M., den 09.11.2003

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15 Jahre nach Anfal

"Mit Anfal ist auch unser Leben verschwunden"

  • Bis zu 182.000 Menschen aus den kurdischen Gebieten im Irak sind während der sog. Anfal-Operationen der irakischen Armee gegen kurdische Dörfer 1988 verschwunden.
  • 15 Jahre lang haben ihre Angehörigen auf ihre Rückkehr gewartet.
  • Nun, nach dem Sturz des Baath-Regimes, wird die Angst, dass sie nicht zurückkommen werden, Gewissheit

Al-Anfal ist der Name einer Koran-Sure und bedeutet sinngemäß „legitime Beute“: Unter diesem Codewort führte die irakische Armee 1988, im Jahr des Giftgasangriffs auf Halabja, fünf Militäroperationen gegen kurdische Gebiete im iranisch-irakischen Grenzgebiet durch, in denen Widerstandskämpfer aktiv waren. Die Anfal-Operationen waren akribisch geplant und offen propagiert als "Endlösung" für das Problem des kurdischen Widerstands und Bestrafung der „Kollaborateure mit dem Kriegsgegner Iran“.
Von Februar bis August 1988 wurden die vorher definierten Gebiete eingekreist, Dörfer und Kreisstädte bombardiert (teilweise mit Giftgas), von Bodentruppen umstellt und durchsucht. Die Bevölkerung wurde zusammengetrieben und in Gefangenenlager verschleppt. Dort wurden Männer zwischen 14 und 50 vom Rest der Familien getrennt. Sie waren fortan verschwunden. Frauen mit Kindern und ältere Menschen wurden monatelang in Gefängnissen wie Nugra Salman festgehalten und später in Umsiedlungslager verbracht: befestigte Lagerstädte unter Militärkontrolle.
Tausende kurdische Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht. Die Gegenden sollten auf lange Sicht unbewohnbar gemacht werden.
Der damalige Kommandierende des Büros Nord, verantwortlich für die Durchführung der Anfal-Operationen und den Giftgasangriff auf Halabja, General Ali Hassan Al Majid, avancierte nach Anfal zum irakischen Verteidigungsminister und wurde 1991 Gouverneur im besetzten Kuwait. Inzwischen wurde er von US-Truppen im Irak festgenommen.

Nach kurdischen Angaben beträgt die Zahl der Anfal-Verschwundenen 182.000. General Ali Hassan Al Majid wies 1991 diese Zahl mit den Worten zurück, es seien „nicht mehr als 100.000“.

In der öffentlichen Propaganda wurden die Anfal-Operationen vom Regime offensiv vertreten und als Modernisierungskampagne für die rückständigen kurdischen Bauern verkauft, die nun Strom, Wasser und Zugang zu Schulbildung hätten. Anfal wurde akribisch dokumentiert. Schon 1991 wurden in den Polizeistationen und Gefängnissen kurdischer Städte tonnenweise Aktennotizen und Belege zu Anfal gefunden.

Anfal hängt wie eine große Glocke über den Anfal-Gebieten. Die jüngere Geschichte teilt sich in vor Anfal und nach Anfal. Anfal ist in den Sprachgebrauch eingegangen. Über die Verschwundenen heißt es schlicht, sie sind „Anfal“.

1991 nach dem kurdischen Aufstand und der Befreiung eines großen Teils des kurdischen Gebietes von der Baath-Herrschaft konnte ein Teil der Überlebenden aus den Umsiedlungslagern zurückkehren in ihre ursprünglichen Dörfer, ihre Häuser wieder aufbauen und zur landwirtschaftlichen Produktion zurückkehren. Zahlreiche andere Familien haben die letzten 15 Jahre in den Umsiedlungslagen ausgeharrt. Unter ihnen Familien, deren Dörfer unter irakischer Kontrolle standen und die große Gruppe alleinstehender Frauen (bis zu 50.000), deren Männer, Töchter, Söhne, Brüder, nicht selten die gesamte männliche Verwandtschaft mit Anfal verschwunden sind.
Diese Frauen haben - gezeichnet von den selbst erlittenen Gewalterfahrungen – die letzten 15 Jahre ein Leben in Ungewissheit und im Provisorium geführt.
Die Anfal-überlebenden Frauen sprechen unentwegt von Anfal. In ihren Erzählungen werden die individuellen, und kollektiven Erfahrungen der Region zu einer großen Leidensgeschichte verwoben. Ihre Erzählungen sind präzise, detailliert, glaubwürdig, häufig emotionslos vorgetragen. Sie sind nicht auf Dialog ausgerichtet, sondern stehen wie eine Wand zwischen den Anfal-Frauen und anderen Menschen, zwischen dem Hier und Jetzt und einer möglichen neuen Perspektive. Sie sind wie festgefroren in dem Erlebten und in ihrer Rolle als wartende Frauen.
Wir wissen aus Forschungen zur Situation von Verschwundenen in Chile, Argentinien, Bosnien, dass dieser Zustand des Gefrorenseins in der Vergangenheit charakteristisch ist für die Situation von Angehörigen Verschwundener. Angehörige von Verschwundenen sind in einer spezifischen Situation von fortgesetztem Stress. Der Verlust des geliebten Menschen wird ständig neu durchlebt ohne einen Endpunkt zu finden. Fragen und Gedanken über das mögliche Schicksal des Verschwundenen bestimmen den Alltag und das Familienleben der Angehörigen. Jeder Versuch, die Familie und das Leben zu reorganisieren, Neues anzufangen, neue Beziehungen zu leben, Pläne zu schmieden, wird als Verrat an dem Verschwundenen empfunden und ist von großen Schuldgefühlen begleitet. Durch die Ungewissheit über das Schicksal des Verschwundenen wird auch das ganze Leben des Angehörigen provisorisch und ungewiss. Angehörige von Verschwundenen können keinen Trauerprozess durchlaufen, sie können nicht mit dem Vergangenen abschließen, sie finden an keinem Punkt Ruhe. Sie können so auch keine neuen Lebensperspektiven entwickeln.

Auch die Anfal-überlebenden Frauen durchlebten 15 Jahre lang die traumatische Erfahrung der Gewalt und des Verlustes täglich neu. Sie alle berichten von dem täglichen Horchen an der Tür vor dem Einschlafen, den täglichen Fragen, „was ist mit ihnen passiert: leben sie, sind sie tot, wie sind sie gestorben, werde ich noch da sein, wenn sie wiederkommen?“.
Versuche von SozialarbeiterInnen oder Hilfsorganisationen, die Frauen zur Akzeptanz des Verlusts zu bewegen und zum Entwurf neuer Lebensperspektiven zu motivieren, wurden abgewehrt, die Ratgeber der Komplizität mit dem Aggressor verdächtigt. Die einzige Perspektive blieb die Rückkehr der Verschwundenen.
15 Jahre nährten die Anfal-Frauen täglich ihre Hoffnung auf die Rückkehr ihrer Angehörigen durch Gerüchte und Spekulationen und ignorierten Informationen, die ihre Hoffnung mindern könnten. Auch jetzt noch, 5 Monate nach dem Sturz des Baath-Regimes, verharren sie in Anspannung, reisen zu Massengräbern, versuchen Informationen einzuholen und hoffen, solange der Name ihrer verschwundenen Angehörigen nicht auf einer der Todeslisten steht, die nun in den Gefängnissen und Polizeistationen gefunden werden.

Die Frauen haben ihre Rolle als Wartende internalisiert, ihr Leben ist ausgesetzt, ein Leben in Wartestellung.

So sehr sich die Leidenssituation der Angehörigen von Verschwunden in verschiedenen Ländern ähnelt, so unterschiedlich sind die Wege, mit ihr umzugehen. In Simbabwe haben Angehörige von Verschwundenen symbolische Beerdigungen organisiert, um der Ungewissheit ein Ende zu setzen und ein neues Leben anfangen zu können. In Argentinien haben die Mütter von der Plaza de Mayo sich organisiert und ihren verschwundenen Angehörigen in der Öffentlichkeit Gesichter und Namen gegeben. Dasselbe taten die Samstags-Mütter in der Türkei. Aus der gemeinsamen Organisierung für Gerechtigkeit und Aufklärung ziehen sie neue Energien und überwinden ihre Lähmung.
Die Wege der Verarbeitung sind gebunden an den sozialen und kulturellen Kontext und für Frauen an ihre Rolle in der Gesellschaft und ihre Bewegungsspielräume.

Die Anfal-Operationen haben zum größten Teil im ländlichen Kontext stattgefunden, in dem ein islamisch und stammesrechtlich patriarchaler Moral- und Sittenkodex die sozialen Beziehungen und Geschlechterbeziehungen regelt. Die Frauen sind den Männern untergeordnet und ihre Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt durch das Konzept von Ehre und Schande und von sozialer Kontrolle und Sanktionen. Es gibt keinen Lebensentwurf für Frauen, der eine eigenständige Entwicklung ohne einen Mann vorsieht.
In diesem Kontext sind die Anfal-überlebenden alleinstehenden Frauen nicht nur durch die Unabschließbarkeit ihres Leids, sondern auch durch ihre soziale Umgebung festgelegt auf die Rolle als trauernde und wartende Frauen. Dies ist die einzige für sie sozial akzeptierte Rolle.

Der Terminus, der für sie gebraucht wird, Anfal-Witwen, definiert sie durch die Abwesenheit der Männer. Aber diese Frauen haben selbst Gewalterfahrungen durchlitten. Sie haben 1988 einen massiven Angriff auf ihre physische und psychische Integrität erfahren. Sie sind in den Gefangenenlagern durch Erfahrungen brutalsten Terrors gegangen. Sie wurden geschlagen, gequält, viele von ihnen sexuell misshandelt und vergewaltigt. Sie haben ihre Kinder und Mütter an Hunger und Erschöpfung sterben sehen. Ihre Körper wurden aufs freie Feld geworfen und von Hunden gefressen. Müttern, deren Kinder in ihren Armen starben, wurde von den Soldaten das Weinen untersagt Auf dem Hintergrund des traditionellen Frauenbildes als schützende Mutter und schamhafte Ehefrau ist in diesen Erfahrungen ihr gesamtes Welt- und Eigenbild zusammengebrochen.
Nach Monaten in den Lagern lebten sie Jahre in den Umsiedlungslagern unter der direkten Kontrolle des Aggressors. Als sich 1991 die irakische Armee aus dem kurdischen Gebiet zurückzog, feierten die Menschen um sie herum die Befreiung. Und begannen ein neues Leben. Ihre persönliche Katastrophe aber fand kein Ende. Ihre Angehörigen kehrten nicht zurück, noch erhielten sie Auskunft über ihr Schicksal. Aus dem Ozean des Leidens und Verlusts schält sich in Folge die Abwesenheit der Verschwundenen in den Vordergrund. Die eigenen Gewalterfahrungen verschwinden dahinter. Die den Frauen angetane Gewalt ist gesellschaftlich tabuisiert und haftet ihnen als Stigma an.

Im traditionellen Familienkontext muss die Frau die Ehre ihres Mannes und ihrer Familie wahren. Gleichzeitig sind der Vater, später der Ehemann bzw. andere männliche Angehörige Versorger und Beschützer und Bezugsrahmen.
Der soziale und legale Status der Anfal-überlebenden Frauen ist unklar. Sie sind keine Witwen, aber alleinstehend. Sie müssen die Ehre ihrer verschwundenen Männer wahren, ohne aber gleichzeitig deren Schutz und Versorgung zu genießen.
Eine Wiederheirat ist legal möglich, für viele Frauen aber keine Option. Sie ist mit Schuldgefühlen behaftet, bedeutet meist die Trennung von den Kindern, für viele ist sie emotional undenkbar.
Anfal hat die gesamte soziale und ökonomische Struktur in den betroffenen Gebieten zerstört. Anfal-Frauen können nicht darauf setzen, dass ihre Vatersfamilien oder andere Angehörige sie versorgen. Manche leben mit den Verwandten ihres verschwundenen Mannes, häufig in konfliktreichen Situationen, weil sie die Familie an den Verlust erinnern. So werden sie nur wegen der Kinder toleriert und als Last betrachtet. Andere kehrten zur Familie des eigenen Vaters zurück. Hier lebten sie jahrelang in Furcht, die Familie des verschwundenen Mannes könne werde das Recht auf die Kinder einklagen. Viele Anfal-Frauen leben allein, häufig in den Resten der Umsiedlungslager und müssen sich mit Gelegenheitsarbeiten und Betteln durchschlagen.
Durch die Abwesenheit ihrer Männer sind die Frauen besonderer sozialer Kontrolle ausgesetzt, werden von ihrer Umgebung als Risiko-Frauen betrachtet. Bei der Annahme von Tagelöhnerarbeiten oder dem Versuch, sich Geld mit Grenzschmuggel zu verdienen, werden sie leicht der Prostitution verdächtigt oder werden Opfer von Übergriffen und Vergewalti- gungen. Nicht selten folgt dann die Bestrafung durch die Familien des verschwundenen Mannes. Mir sind verschiedene Fälle von Frauen bekannt, die sich selbst getötet haben, weil sie schwanger waren und mindestens ein Fall einer Anfal-Überlebenden, die von der Familie ihres Mannes der Prostitution verdächtigt und getötet wurde.

Abgesehen von einigen wenigen Frauen, die erneut geheiratet haben (häufig Verwandte des Verschwundenen) ist die Perspektive für Anfal-Frauen als ein Leben ohne Männer konzipiert. Im traditionellen Konzept ist das gleichbedeutend mit einem Leben ohne Freude und Glück. Tatsächlich nehmen Anfal-Frauen selten an sozialen Aktivitäten teil, außer an Beerdigungen. Die Kinder sind inzwischen erwachsen, die Freude an den Kindern ist überschattet von der Sorge, dass sie durch ein vaterloses Leben nur schlechte Perspektiven haben. Töchter aus Anfal-Familien haben häufig Schwierigkeiten, einen Ehemann zu finden. Dass sie vaterlos aufwuchsen und ihre Mutter ihren Lebensunterhalt verdienen musste, wird als Makel für ihre Tugend betrachtet.

Der Sturz des Baath-Regimes hat die Anfal-Überlebenden erneut in den Stresszustand zwischen Angst und Hoffnung gestürzt. Die Hoffnung, ihre Angehörigen könnten noch leben ist nun 5 Monate nach dem Sturz des Regimes der Gewissheit gewichen, dass sie nicht wiederkommen werden. Noch aber sind Anfal-Überlebende unterwegs. Sie reisen zu Massengräbern, zu Menschenrechtsorganisationen und lokalen Komitees. Hier gibt es Listen mit Namen von den im Gefängnis hingerichteten politischen Gefangenen. Der Verbleib und das Schicksal der Anfal-Verschwundenen ist aber nach wie vor unaufgeklärt, ihre Überreste nicht lokalisiert, ihre Namen nicht veröffentlicht.
In Kirkuk wurde ein Dokument des irakischen Geheimdienstes gefunden mit den Namen von 18 bei Anfal Verschleppten damals jungen Mädchen. Das Dokument bestätigt ihre Verschleppung nach Ägypten in Nachtclubs und Bars. Frauenorganisationen aus ganz Kurdistan haben ein Komitee gebildet, das Petitionen an die ägyptische Regierung richtet, diese Frauen zu finden.

Anfal ist noch nicht zu Ende.

Die Anfal-Überlebenden und insbesondere die alleinstehenden Frauen unter ihnen, benötigen Unterstützung. Sie brauchen psychosoziale Beratung und Beistand auf ihren schwierigen Wegen. Sie brauchen politische, materielle und rechtliche Hilfe, um ihre Forderungen nach Aufklärung, Gerechtigkeit und Entschädigung durchzusetzen. Sie brauchen Hilfestellung bei der Entwicklung neuer Lebensperspektiven.
Und sie brauchen die gesellschaftliche und internationale Anerkennung und Auseinandersetzung mit den ihnen zugefügten Verbrechen.

Karin Mlodoch, Dipl. Psych.
(Der Beitrag entstand in Anlehnung eines Vortrages der Autorin gehalten am 08.06.03 auf der Jahrestagung der Deutschen Sektion von amnesty international.)


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Pressemitteilung vom 5.10.2003

Hilfe für die irakischen Zivilbevölkerung

In den vergangenen drei Monaten hatten mehrere MitarbeiterInnen von Haukari e.V. die Gelegenheit, den Irak zu bereisen und sich selbst ein Bild vor Ort zu machen.
Dabei erfuhren wir immer wieder, dass ganz elementare Sorgen um sauberes Trinkwasser, Strom, ausreichend Gas für den Herd und die öffentliche Sicherheit besonders für Frauen und Kinder den Alltag der meisten Menschen im Irak beherrschen. Dies insbesondere in den Städten, die bis vor wenigen Monaten vom Baath-Regime kontrolliert wurden.
Eine dieser Städte ist Khanaqin mit ca. 80.000 EinwohnerInnen, das unweit der ehemaligen Demarkationslinie zwischen dem kurdisch und dem irakisch kontrollierten Gebiet liegt. Die Stadt mit einem großen Anteil kurdischer Bevölkerung wurde vom Baath-Regime extrem vernachlässigt und heruntergewirtschaftet. Im Rahmen der Arabisierungspolitik wurden auch hier viele kurdische und christliche Familien zwangsumgesiedelt oder vertrieben. Insgesamt sind bis zum Frühjahr 2003 zwischen 600.000 und 800.000 Menschen vom Baath-Regime aus den kurdischen Gebieten ausgewiesen worden. Zahlreiche kurdische Familien, darunter alleine mehr als 400 alleinstehende Frauen mit Kindern, kehren nun langsam nach Khanaqin zurück.
In Khanaqin selbst sind die Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen zurzeit gering.
Anders sieht es in kleineren Städten und einigen Dörfern in der Umgebung aus. Hier kommt es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen arabischen und kurdischen Familien.

Seit Januar 2003 begannen Mitarbeiterinnen des Frauenzentrums KHANZAD aus Sulaimania, Flüchtlingsfrauen und ihre Kinder in der Region zu betreuen, die vor dem drohenden Krieg geflohen waren. Das Frauenzentrum KHANZAD wurde 1996 von Haukari e.V. initiiert und wird seitdem kontinuierlich unterstützt. Diese Arbeit wird seit Kriegsende auf die neu befreiten Gebiete ausgeweitet.
Mobile Teams bestehend aus Sozialarbeiterinnen und Krankenschwestern bieten Frauen insbesondere in den ärmeren Stadtvierteln Unterstützung in der Umbruchsituation an.
Ziel und Prinzip der Arbeit ist die Förderung von Dialog, gewaltfreier Kommunikation und die Aufarbeitung der Vergangenheit ohne neue Gewalt und Rache zu befördern.
Die Teams setzen sich aus arabischen, turkmenischen und kurdischen Mitarbeiterinnen zusammen, Veranstaltungen und Beratung werden in verschiedenen Sprachen stattfinden. Die Anlaufstelle in Khanaqin ist für Frauen aller ethnischen Gruppen geöffnet, alle Ankündigungen und Informationsmaterial werden in drei Sprachen erstellt.
Gewalt gegen Frauen wird eines der Kernthemen der Teams sein, d.h. Aufklärung und Kampagnen gegen Gewalt gegen Frauen, Angebote von Schutz für von Gewalt betroffene Frauen und konkrete rechtliche und materielle Hilfe für diese Frauen.
Dieses zunächst auf 6 Monate angelegte Programm wird finanziell unterstützt aus Mitteln der ARBEITERWOHLFAHRT INTERNATIONAL e.V.
Haukari e.V. prüft zur Zeit die Möglichkeit, dauerhaft ein Frauenzentrum in Khanaqin mit einem Bildungs- und Beratungsangebot zu eröffnen. Seitens der Frauen besteht sowohl ein grosses Interesse an Alphabetisierungs-, Englisch- und Computerkursen als auch an einem Ort, an dem sich Frauen ohne Männer treffen und austauschen können. Das Zentrum kann Frauen stärken, sich einzumischen und am Demokratisierungsprozess teilzunehmen.
Unter den allgemein schwierigen Bedingungen hält Haukari e.V. solche sozialen Initiativen für besonders wichtig und unterstützenswert.


Wir bitten um redaktionelle Beachtung.

Für weitere Informationen stehen wir gerne zur Verfügung


Für die Richtigkeit:

Dr. Bernhard Winter - Vorsitzender
Susanne Bötte - Mitglied des Vorstands

Frankfurt den 05.10.2003


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Bilanz des Grauens

Ein weiteres Kapitel des Missbrauches der Medizin

 

Zu einer vorläufigen Bilanz, die es nach dem 3. Golfkrieg zu ziehen gilt, gehört auch die des jetzt gestürzten Terrorregimes der Baath-Partei unter Führung Saddam Husseins. Dies ist jetzt möglich, nachdem viele irakische Familien Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen erlangten und über die erlittenen Repressionen offen gesprochen werden kann. Zum Verständnis der aktuellen Entwicklungen im Irak ist dies unabdingbar.
Seit dem Sturz der Diktatur im April diesen Jahres wurden mehr als 150 Massengräber gefunden, fast täglich kommen neue hinzu. In ihnen finden sich beispielsweise die Leichen von Menschen, die sich offen dem Regime widersetzten, einer abtrünnigen Meinung verdächtig wurden oder Vernichtungsoperationen wie den ANFAL-Operationen anheim fielen. Bei diesen nach einer Koransure benannten ANFAL-Operationen handelte es sich um Militäroperationen gegen die kurdische Landbevölkerung unter Leitung von Ali Hassan al Majid, einem Cousin Saddams. Bei dem minutiös geplanten Vorgehen wurden 1988 in großen Teilen des ländlichen Irakisch-Kurdistans teilweise unter Verwendung von Giftgas die Dörfer vollständig zerstört und ganze Landstriche unbewohnbar gemacht. Eine forensische Studie, die „Physicians for Human Rights“ zusammen mit Human Rights Watch 1992 durchführten, belegte den erneuten Einsatz von chemischen Waffen gegen die Zivilbevölkerung auch im Rahmen der ANFAL-Operationen. Die Bevölkerung aus den betroffenen Gebieten wurde deportiert. Frauen und Kinder wurden von den Männern getrennt und soweit sie nicht an Ort und Stelle ermordet wurden, in Umsiedlungslager den sogenannten mujammaat verschleppt. Die Männer hingegen sind seither verschwunden und wurden vermutlich alle ermordet. Auch zahlreiche junge Frauen wurden verschleppt und wie wir heute wissen zur Prostitution gezwungen. Kurdische Quellen geben die Anzahl der während der ANFAL-Operationen Ermordeten mit 182.000 an. Die US-amerikanische Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch geht von mindestens 50.000 vermutlich über 100.000 Getöteten aus.
Nach dem gescheiterten Aufstand 1991 wurden zehntausende SchiitInnen aus Basra deportiert. Auch die Operationen gegen die Marsh-AraberInnen im Süden des Landes muss in diesen Dimensionen gedacht werden. Mit diesen Hinweisen soll das Ausmass der Repression angedeutet werden. Sie konnte individuell und kollektiv alle Personen treffen, von denen sich das Regime in irgendeiner Weise bedroht sah. Selbst Loyalität gegenüber dem Regime schützte im allgemeinen Klima der Angst nicht vor Repression. Menschenrechtsorganisationen schätzen zur Zeit die Zahl der Verschwundenen heute auf 300.000.
Das Regime plante nicht nur seine Gewaltexzesse exakt, sondern dokumentierte sie auch akribisch. Es existieren ungezählte Filmmitschnitte von Hinrichtungen, Folterungen und Vergewaltigungen Gefangener.
Die Geschichte der Repression des Baath-Regimes ist auch eine Geschichte des Missbrauchs der Medizin. Ein Charakteristikum des Baath-Regimes war es, große Teile der Bevölkerung in den Repressionsapparat einzubinden und zu Mittätern zu machen. Damit unterschied es sich beispielsweise gänzlich von lateinamerikanischen Militärdiktaturen, die mittels spezieller Todesschwadrone die Bevölkerung terrorisierten. Die Mittäterschaft wurde zum einen durch Androhung von Strafen erzwungen oder auch mit Geld und Privilegien erkauft. Eine der bevorzugten Berufsgruppen dabei waren ÄrztInnen und Angehörige anderer Heilberufe. Sie wurden willentlich oder zwangsweise genötigt
- notwendige medizinische Behandlungen zu verweigern
- Zwangsamputationen vorzunehmen
- aktiv an Hinrichtungen teilzunehmen und gefälschte Sterbeurkunden Exekutierter auszustellen und
- vermutlich auch medizinische Experimente an Gefangenen vorzunehmen.

Die Schließung von Einrichtungen des Gesundheitswesens war eine der ersten Massnahmen bei der Kenntlichmachung von Todeszonen, in denen alle Dörfer und Kleinstädte zerstört wurden. Eine medizinische Betreuung kranker Personen in diesen Gebieten war strikt untersagt. Häufig wurde auch den Verschleppten neben Nahrung eine notwendige medizinische Betreuung verweigert. Es existieren mehrere Berichte über erkrankte oder verletzte Zivilisten, die aus Krankenhäusern entführt wurden und denen keine weitere medizinische Behandlung ermöglicht wurde.

Seit 1994 wurden Zwangsamputationen von Extremitäten und anderen Körperteilen (wie Ohren, Nase, Penis und Zunge) sowie Brandmarkung (vermeintlicher) Delinquenten systematisch angewandt. Etwa 30 „Vergehen“ waren mit den Körperstrafen belegt, darunter bestimmte Arten von Diebstahl, Horten von rationierten Gütern oder auch die Versorgung von Zwangsamputierten mit Prothesen. Bis 1996 wurden die Amputationen zur Abschreckung häufig im Fernsehen und Zeitschriften dargestellt. Deserteure der irakischen Armee zur Strafe ein Ohr amputiert. Der Chirurg Dr. Kalandar Hussain Abdulqarin Kasnazan berichtet im September 2003 von einem Vorfall, der sich 1997 im damaligen Saddam-Krankenhaus Kirkurk (heute Azadi-Krankenhaus) ereignete. Von der Armee war eine Gruppe von etwa 25-30 desertierten Soldaten in das zivile Krankenhaus zur Ohramputation eingeliefert worden. Den Ärzten wurde erklärt dies sei ein Präsidentenbefehl, der unverzüglich auszuführen sei. Dr. Kalandar entzog sich dieser Situation, in dem er seinen Stiefvater zur einer lebensbedrohlichen Operation nach Bagdad begleitete. Er verlor daraufhin seinen Posten als Leiter der chirurgischen Abteilung des Krankenhauses, da er familiären Belangen einem Präsidentenbefehl Vorrang gegeben habe. Den verbliebenen Chirurgen und Anaesthesisten gelang es, Verstümmelungen an den Ohren der Gefangenen vorzutäuschen. Sie verwiesen darauf, dass die Verbände 14 Tagen verbleiben müssten. Die Deserteure wurden unmittelbar nach der Operation wieder in die Kasernen abtransportiert. Durch Manipulationen ihrer Begleitpapiere konnten sich die Operateure vor einer Strafverfolgung schützen. Dr. Kalandar hat nach eigenen Angaben nach seiner Flucht in den kurdischen Nordirak 1999 mehrere plastische Operationen bei Ohramputierten vorgenommen.
Obwohl die Praxis der Zwangsamputationen nach Verlautbarungen des Regimes 1997 eingestellt worden sei, deuten Berichte daraufhin, dass sie bis in die letzten Monate des Regimes erfolgten.

Ärzte waren gezwungenermaßen oder auch freiwillig an Exekutionskommados bei legalen und extralegalen Hinrichtungen beteiligt. Häufig wurden die Todesursache in den Todesbescheinigungen gefälscht. Dies geschah teilweise Jahre nach der Hinrichtung. In einem Schreiben vom Juni 1989 fordert der Geheimdienstchef von Sulaimania eine Klinik auf, Todesbescheinigungen für 44 Opfer auszustellen, die bereits 1985 hingerichtet wurden.
Das „Komitee der Freien Gefangenen“ in Bagdad hat in den vergangenen Monaten dokumentiert, wie Ärzte Minderjährigen ein höheres Lebensalter attestierten – darunter auch Kinder von 12 Jahren (!), um damit eine formal korrekte Hinrichtung der Betroffenen zu ermöglichen.
Immer wieder gibt es Berichte, dass Hingerichteten Organe zur Transplantation entnommen wurden. Im berüchtigten Abu-Ghraib-Gefängnis in Bagdad sollen regelmäßig Corneatransplantate von Exekutierten gewonnen worden sein.
Bereits 1991 nach dem kurdischen Aufstand ins Ausland verbrachte Dokumente deuteten darauf hin, dass das Regime auch Menschenversuche an Gefangenen vorgenommen hat.
Mittlerweile gibt es zahlreiche weitere Dokumente, die auf solche Verbrechen verweisen. Diese werden in einer neugeschaffenen Abteilung des Gesundheitsministeriums in Bagdad ausgewertet werden.
Die hier angedeuteten Dimensionen der Verbrechen machen deutlich, welche Trauerarbeit im Irak geleitstet werden muss. Eine Reduktion der Diskussion auf den US-Interventionismus wäre fatal und würde der gesellschaftlichen Realität im postbaathistischen Irak in keiner Weise gerecht. Es gilt, Wege der Versöhnung aufzuzeigen, ohne das Bedürfnis der Opfer nach Gerechtigkeit zu vernachlässigen, den Überlebenden und Hinterbliebenen bei ihren Forderungen nach Entschädigung und bei der Entwicklung neuer Lebensperspektiven zu unterstützen. Dies erscheint nur unter einer angemessenen Beteiligung aller ethnischen, religiösen und politischen Gruppen der irakischen Gesellschaft möglich. Dabei ist internationale Unterstützung erforderlich – vielleicht auch gerade jener, die den letzten Golfkrieg abgelehnt haben.

Dr. med. Bernhard Winter/Haukari e.V. 29.09.03


Der Artikel beruht zum einen auf eigenen Recherchen des Autors im September 2003 im Irak. Zudem wurden allgemeinzugängliche Informationen von Menschenrechtsorganisationen (Human Rights Watch, Physicians for Human Rights, amnesty international) verwandt. Auf Darstellungen der US-Regierung wurde verzichtet.


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Der Irak vom Norden aus betrachtet, Eindrücke einer Reise im Juni 2003

In einem Copy-Shop im kurdischen Sulaimania sehen wir eine Fotomontage, die Saddam Hussein als Nonne darstellt. Sie ist unterschrieben mit: How western leftist see Saddam.

Bei keinem Besuch im Nordirak seit 1991 erlebten wir das allgemeine gesellschaftliche Klima so entspannt wie im Juni 2003. Hatte schon in den letzten Jahren die Anzahl der Bewaffneten auf Straßen und öffentlichen Plätzen abgenommen, so sieht man jetzt in Südkurdistan nur noch einzelne Bewaffnete vor Verwaltungsgebäuden oder Parteibüros. Noch etwas fällt auf. Im Gegensatz zu früheren Jahren kann man sich frei bewegen. Keine Warnungen mehr: „Dort solltet Ihr nicht hinfahren, die Straße wurde in den vergangenen Tagen vom irakischen Militär beschossen." Selbst auf der Fahrt von Baghdad in den Norden gibt es kaum Checkpoints. Dennoch möchten viele unserer kurdischen Freundlnnen diese neugewonnene Freiheit kaum nutzen. Ein Besuch in den Gebieten unmittelbar jenseits der Demarkationslinie mag noch angehen. Baghdad möchten sie allerdings so bald wie möglich verlassen, in Mosul mit seinen vielen Baath-Anhängern würde man nie übernachten.

Während in den Teilen des Nordiraks, die seit 1991 unter kurdischer Kontrolle sind, die GIs kaum sichtbar in Erscheinung treten, haben sie sich weiter südlich entlang der Hauptstraßen in den Kasernen der irakischen Armee verschanzt. Eine ausgefeilte Transport- und Kommunikationstechnik ermöglicht rasche Truppenverschiebungen und somit ein ungemein bewegliches Besatzungsregime. Wir werden Zeugen, als bei einer spontanen Demonstration mehrerer hundert Kurden in Khanaquin die Szene innerhalb weniger Minuten von zwei Apache-Hubschraubern kontrolliert wird. Die militärische Variante des just in time.
Abwartende Zurückhaltung
Noch ein Unterschied fällt zum Sommer 1991 auf. Damals fanden sich überall Transparente „Thank You Mr. Bush". Die gibt es jetzt auch noch, allerdings nur vereinzelt. Auch die in Arbil auf einer hohen Brandmauer zusammen mit der kurdischen Flagge gemalten „stars and stripes" können diesen Eindruck nicht ändern.
Viele unserer GesprächspartnerInnen sind angetan von den militärischen Aktionen der US-Army während der Kriegstage. AnwohnerInnen eines in Trümmern liegenden Gebäudes des irakischen Geheimdienstes in Kirkuk erzählen bewundernd, wie exakt die drei Cruise-Missiles in das Gebäude flogen. In einer Nacht wurden die Stützpunkte der militant islamistischen Ansar-e-Islam in der nördlich von Halabja gelegenen Region Hawraman zerstört. Von dort hatte diese Gruppe die Bevölkerung in den umliegenden Gebieten über Jahre terrorisiert und regelrecht massakriert. Kurdische Verbände waren in dieser Zeit vergebens gegen diese in den Bergen verschanzten islamistischen Kämpfer vorgegangen. Diese Demonstration militärisch-technischer Macht hat in den Köpfen tiefe Spuren hinterlassen. Vielerorts werden zudem die Leistungen der Marines hervorgehoben. Für jemanden, der durch den Vietnamkrieg politisch sozialisiert wurde, eine harte Kost.
Diese Darstellungen US-amerikanischer Militärmacht werden umstandslos von Schilderungen über Betriebe und Lagerhallen, die bereits von kurdischen Verbänden gesichert waren und schließlich von US-amerikanischen Militärs zur Plünderung freigegeben wurden, abgelöst. Dies wird auch als eine Strategie gesehen, die ökonomischen Bindungen an Europa zu lockern. Der Wiederaufbau vollständig zerstörter Betriebe wird vollständig unter US-amerikanischer Regie erfolgen. Wenn man nur auf Ersatzteile angewiesen wäre, hätte man sich diese gegebenenfalls auch in Europa besorgen können.
Bei vielen unserer GesprächspartnerInnen fällt eine merkwürdige Zurückhaltung auf, wenn es um die politische Zukunft des Irak geht. Es scheint, als würden viele Menschen erst einmal abwarten, was die neue Situation für sie bringt. Ein ehemaliger irakischer Diplomat fasste die Stimmung treffend zusammen: „We have to wait and to see what our new masters will do."
Selbst bei politisch Interessierten spielt die Resolution 1483 des Weltsicherheitsrates vom 22.5.2003 in den Diskussionen keine wesentliche Rolle. In ihr wird die Kriegskoalition aus USA und Großbritannien als oberste Autorität des Irak anerkannt. Mit Zustimmung der ehemaligen Kriegsgegner Frankreich, Russland und Deutschland wurde den Koalitionären vollkommen freie Hand in der Gestaltung der politischen und ökonomischen Beziehungen im Irak gelassen - nicht einmal eine Berichtspflicht an den Weltsicherheitsrat wurde in der Resolution festgeschrieben. Die UN ist im Irak nicht unbedingt gut angesehen, wird sie doch für die Sanktionspolitik und die z.T. mangelhafte Durchführung des „oil for food"-Programmes in den letzten Jahren verantwortlich gemacht. Dabei scheint zuweilen mehr der Sack als der Esel geschlagen zu werden, war es doch gerade die US-Regierung, die auf eine äußerst restriktive Handhabung der Sanktionen (z. B. auch bei medizinischen Gebrauchsgütern) drang und damit auch humanitäre Erleichterungen verhinderte.
Natürlich gibt es auch Widerstand gegen die Besatzungstruppen. Dennoch sind solche Pauschalbehauptungen wie „im Irak richtet sich der Hass mehr und mehr auf diese Besatzungstruppen (W. Ullmann im Freitag 26/2003) zur Beschreibung der heutigen Situation vollkommen ungeeignet. Sie suggeriert einen allgemeinen Widerstand der Bevölkerung gegen die Besatzungsmacht, den es in dieser Form nicht gibt. Der bewaffnete Widerstand gegen die US-Army ist auf einige Teile Baghdads und einige wenige Städte wie Ramadi, Fallujah, Balad, Bagba, Hit und natürlich Tikrit beschränkt. Dies waren die Hochburgen des Baath-Regimes, dessen Klientel sich gegen den Verlust seiner Privilegien wehrt. Anscheinend erhalten sie dabei zunehmend Unterstützung von islamistischen Kräften. Nebenbei sei angemerkt, dass diese Attacken die US-Regierung politisch erheblich unter Druck setzen, sind doch fast täglich tote US-Soldaten zu vermelden. Dies scheint nicht ganz zu dem in Europa unter Linken häufig kolportierten Bild zu passen, dass die US-Administration einen unruhigen Irak benötigen, um ihre Anwesenheit dort zu rechtfertigen. Zumindest dürfte eine solche Strategie angesichts der Verluste nicht lange durchzuhalten sein.

Statt Hass, Trauer und Empörung
So ist momentan auch nicht der Hass auf die Besatzungstruppen gesellschaftlich vorherrschend, sondern ein Gefühl der Trauer und Erschöpfung, das einem vielerorts begegnet.
Die tägliche Entdeckung von Massengräbern und geheimen Grabfeldern verschafft hunderttausenden IrakerInnen Gewissheit über das schreckliche Schicksal ihrer Angehörigen. Seit vielen Jahren kann erstmals offen über die Geschichte ihrer Familien und die erfahrene Repression gesprochen werden.
Nach drei Kriegen in den vergangenen fast zwei Jahrzehnten, nach 13 Jahren internationalen Wirtschaftssanktionen und nach dem Ende einer Diktatur, die für ihre Begünstigten das Letzte aus der Masse der Bevölkerung herauspresste, sind nicht nur die Städte und öffentliche Einrichtungen marode, sondern auch die Erschöpfung der zermürbten Menschen ist allenthalben zu spüren.
Diese Gefühlslage fördert zunächst keinen aktiven Widerstand gegen die ausländischen BesatzerInnen. Ganz im Gegenteil gibt es nicht wenige IrakerInnen, die befürchten, dass die Besatzungstruppen sich überstürzt zurückziehen könnten und sie einem Wiedererstarken der Baath-AnhängerInnen oder islamistischen Extremisten ausgesetzt wären. So ist es momentan vielen IrakerInnen relativ egal, wer die Erdölquellen kontrolliert. Elementare Sorgen um trinkbares Wasser, Strom, ausreichend Gas für den Herd oder um sichere Schulwege für die Kinder beherrschen den Alltag der meisten Menschen im Irak. So ist denn auch eine häufige Forderung an die Besatzungstruppen, die Sicherheit zu garantieren und den weit verbreiteten Banden Einhalt zu gebieten.
Die ungeheuren gesellschaftlichen Verwerfungen, die das Baath-Regime hinterlassen hat, führen zu enormen sozialen Spannungen. Die von dem Regime in den neunziger Jahren forciert vorangetriebene Retribalisierung hat durch Delegation von Ordnungsfunktionen an die Stammesführungen zivilgesellschaftliche Strukturen zerstört. Dies führt dazu, dass viele gesellschaftliche Institutionen neu gedacht werden müssen. Die Stammesführer werden sich ihre wiedergewonnene Macht im zukünftigen Irak nicht einfach nehmen lassen. Als Folge der Kriege nach Außen und im Innern sowie der ständigen Repression ist es zu einer Verrohung im Alltag gekommen, wie sie sich in den Plünderungen von Krankenhäusern oder auch den zahlreichen Banden ausdrückt.

Enorme soziale Spannungen
Die im Rahmen der Arabisierungspolitik der nördlichen Erdölgebiete vertriebene turkmenische und kurdische Bevölkerung drängt auf eine rasche Rückkehr aus den Flüchtlingslagern in ihre angestammten Gebiete. Andererseits ist vielen neuangesiedelten AraberInnen die Rückkehr in den Süden versperrt. Der US-Administration gelingt es bisher noch mit Mühe mit Hilfe der kurdischen Parteien den Deckel auf diesem Topf zu halten. Versprochen wird eine ausgleichende Lösung für beide Seiten. Die durch das BaathRegime zu verantwortende Ethnisierung des Konfliktes wurde in den letzten Jahren durch die massive einseitige Unterstützung der turkmenischen Minderheit seitens der türkischen Regierung angeheizt. Zumal diese das Recht beansprucht, im Bedarfsfall militärisch zu Gunsten der TurkmenInnen zu intervenieren und in den vergangenen Wochen mehrere Versuche unternahm, ihr genehme turkmenische Milizen zu bewaffnen. So ist es auch kein Wunder, dass in einigen Gebieten der Kampf um die kulturelle Hegemonie voll entbrannt ist. In Städten wie Tuz Khurmatu gibt es heftige Auseinandersetzungen, in welcher Sprache in der Schule unterrichtet und geprüft werden soll.

Eine Zukunft voller Unwägbarkeiten
Ein weiteres Erbe des Baath-Regimes und der Wirtschaftssanktionen ist der Niedergang des öffentlichen Sektors. Die Situation vieler öffentlicher Einrichtungen wie z.B. im Gesundheitswesen ist katastrophal. Vielen kranken Menschen war darüber hinaus durch die von der irakischen Regierung in den letzten Jahren betriebene rigorose Zuzahlungspolitik der Zugang dazu verschlossen. So waren denn auch die Gesundheitseinrichtungen neben der sanktionsbedingten mangelnden Versorgung mit medizinischen Geräten und Medikamenten von der gewinnorientierten Ökonomie im öffentlichen Sektor während der vergangenen Dekade besonders betroffen.
Diese Hinterlassenschaften bieten für die BesatzerInnen viel Sprengstoff und Unwägbarkeiten. Aktuell können sich die „neuen Herren" eine Atempause verschaffen, wenn sie sich bemühen, das Lebensniveau für die Masse der Bevölkerung ein wenig anzuheben. Angesichts der Ressourcen dieses Landes, die von ihnen vollständig kontrolliert werden, wäre dies sicherlich keine Herkulesarbeit. Dann aber müssen tragfähige politische Konzepte zur Lösung der immensen Probleme des Landes auf den Tisch kommen. Hier darf man weiterhin skeptisch sein, obwohl die US-Administration bisher bei weitem nicht alle prophezeiten Fehler begannen hat. Das trotzige Beharren des US-Präsidenten, notfalls längere Zeit im Land zu bleiben, wird unweigerlich auf Dauer zum Widerstand breiterer Bevölkerungsschichten führen. Aber auch dann würde der Irak kein zweites Vietnam mit einer antikolonial geprägten Bewegung. Für den heutigen Irak wäre eher ein islamistisch geprägter Terror wie in Algerien zu befürchten.

Diejenigen, die aus guten Gründen den Krieg abgelehnt haben, könnten sich jetzt in den Sessel zurücklehnen und den Ausgang des imperialen Abenteuers abwarten. Wem wäre damit gedient? Eine bessere Alternative für die Restlinke in Europa aber wäre es, sich mit emanzipatorischen Kräften im Irak auf eine Diskussion über diesen durchaus widersprüchlichen Prozess der Aufarbeitung der Verbrechen des Baath-Regimes im irakischen und internationalen Kontext und der Neugestaltung der irakischen Gesellschaft einzulassen. Vielleicht könnte sie auch das eine oder andere Projekt unterstützen, ohne dabei den Sozialdienst für die US-Administration zu spielen. Für die Zukunft könnte sie in diesem Prozess auch lernen Antikriegspositionen jenseits des Gutmenschen zu entwickeln, ohne die Realität zu verbiegen.

Bernhard Winter/Haukari e.V.

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,Wir müssen alles neu aufbauen', Bericht und Interview

WAZ-Leser spenden für den Irak – Geld fließt in kurdisches Frauen-Projekt
Von Annika Fischer
WAZ Essen. Im Jahr nach der Flut haben die WAZ-Leser wieder gespendet: diesmal für den Irak. 15 000 Euro vergibt die Flüchtlingshilfe ins Kurdengebiet. Vorgesehen war, damit Frauen zu helfen - unvorhersehbar, dass es Türen wieder öffnet zwischen zwei Völkern.

Der Krieg kam nicht nach Sulaimaniya. Aber er schickte die Angst in die 900000-Einwohner-Stadt an der iranischen Grenze. Denn hier, unweit von Kirkuk, hatten die Kurden seit 1991 ein Fleckchen Selbstverwaltung. Und hier, fürchteten die Leute, würde Saddam Rache nehmen, bevor noch die ersten US-Bomben fielen. Also bastelten die Menschen Gasmasken und flohen. Und in den Kindergärten übten sie den Schutz vor Chemiewaffen. "Dass die Kinder keine Lieder mehr sangen", sagt Khandan Mohammed Jeza, "das war das Schlimmste."

Khandan, 32, ist jetzt, wo das Baath-Regime untergegangen ist, frei. Der Irak ist "frei", Kurdistan ist "frei", ihre Tochter ist "frei". Und die gelernte Sozialarbeiterin, die ihr Studium einst abbrechen musste, weil man die Kurden von den Universitäten vertrieb, fuhr zum ersten Mal ins Ausland. Dass gerade Deutsche sie einluden, hat sie "sehr nervös" gemacht. Khandan sagt, dass es zu Hause "großes Unverständnis" gibt. Warum hat Deutschland den Fall des Regimes nicht unterstützt? "Unser einziger Wunsch war, diese Herrschaft zu beenden. Es war uns egal, wer das macht und wie."

Erst jetzt fragt sich Khandan, wie es eigentlich weitergehen soll im Irak. Und versteht die Deutschen, seit sie hier ist, endlich besser: "Sie hatten gute Gründe. Und jetzt kommt so viel Unterstützung." Denn obwohl keine Bomben fielen, hängt der Krieg doch wie ein Schatten über Sulaimaniya.
Besser: die Kriege. Der iranisch-irakische. Der Golfkrieg '91. Zwölf Jahre Embargo. Tötung und Vertreibung. "Das hat alles kaputt gemacht", sagt Khandan, "wir müssen die ganze Gesellschaft neu aufbauen." Der Schaden sei nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern ein psychischer. Vielleicht gerade bei Frauen.

13 000 kommen jedes Jahr zu "Khanzad", einem sozio-kulturellen Zentrum, dem einzigen in der Stadt nur für Frauen. Sie lernen dort lesen und schreiben, Auto fahren und rechnen, Englisch und nähen und wie man Minen aus dem Weg geht. Und sie nährten in Gesprächen ihre Hoffnung: 180 000 Menschen, sagt Khandan, seien seit Ende der 80er Jahre spurlos verschwunden, als das Regime deportierte und brandschatzte im nördlichen Irak. "Mehrere 10000 Frauen haben auf ihre Männer und Brüder gewartet." Sie dachten, nach Saddams Sturz kämen sie vielleicht zurück. "Aber nun finden sie ein Massengrab nach dem anderen."

Mit zwei mobilen Teams rücken Ärztinnen und Anwältinnen von "Khanzad" nun aus, dafür braucht Khadan das Geld. Sie weiß nicht, wo sie anfangen soll: bei den Frauen in ehemals von Islamisten unterdrückten Gebieten, die jetzt wieder zugänglich sind? Bei denen im Gefängnis, die dort sitzen mit ihren Kindern, weil sie irgendeine Ehre verletzt haben sollen? Bei den Flüchtlingen, die nach Jahren zurückkehren wollen und in ihren Häusern Fremde finden? Und nur zwei Teams.

"Dass es hier Menschen gibt, die helfen, wird alle freuen", sagt Khandan. Sie wird es erzählen, "gerade weil das aus Deutschland kommt". Sie wird wohl auch erzählen, was sie gesehen hat in diesem Land, das eine andere Welt für sie ist. All die Verkehrsmittel, sie kennt ja nur überfüllte Busse. Dass man mal eben jemanden anrufen kann. Dass es eine Müllabfuhr gibt und Straßenschilder, an die die Leute sich auch noch halten. "Sie haben Respekt vor Regeln. Und vor den Menschenrechten." Im Irak, sagt sie, schleppten die Frauen das Wasser in Kannen auf den Schultern. "Hier fragt keiner, woher das Wasser kommt und wie viel da ist."

Khandan will trotzdem nach Hause. Es gibt so viel zu tun.

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DEBATTE: Irak ist nicht Vietnam

Die Nachrichten melden täglich neue Attacken gegen Streifen und Konvois der US-Army im Irak. Von zahlreichen Kommentatoren wird suggeriert, dies sei der Beginn eines militärischen Widerstandes gegen die amerikanische Besatzung. Der Vergleich mit den Anfängen des Vietnamkrieges ist schnell gezogen. Gerne wird übersehen, dass die meisten der Überfälle sich auf einige wenige Stadtteile Bagdads und einige Städten wie Ramadi, Faludja und Balad beschränken. Nicht zufällig waren dies die traditionellen Hochburgen des Baath-Regimes. Keine der großen politischen Parteien, die in der Vergangenheit im aktiven Widerstand gegen dem Baath-Regime standen, hat bisher zum bewaffneten Widerstand gegen die amerikanisch-britische Besatzung aufgerufen.

Mit anhaltenden Widerstand von Saddams Klientel wäre auch zu rechnen gewesen, wenn das Regime – was wünschenswert gewesen wäre – durch irakische Kräfte gestürzt worden wäre. Dieser eingeengte Blick auf das Besatzungsregime trifft nicht das Empfinden der irakischen Bevölkerung. Vielen Menschen im Zentral- und Südirak ist es derzeit relativ egal, wer die Erdölquellen kontrolliert. Gäbe es doch nur sauberes Wasser, Strom, ausreichend Gas für den heimischen Herd und sichere Schulwege für die Kinder.

Nach der Wiederaufnahme der Lebensmittelverteilung im Rahmen des oil-for-food Programmes ist die unmittelbare Gefahr einer Hungersnot gebannt, dennoch raubt die Organisation des Alltages die letzten Energien vieler Familien. Nach drei Kriegen in den vergangen zwei Jahrzehnten, nach 13 Jahren internationalen Wirtschaftssanktionen und nach dem Ende einer Diktatur, die für ihre Begünstigen das Letzte aus der Masse der Bevölkerung herauspresste, sind nicht nur die Städte und öffentlichen Einrichtungen marode, sondern die Erschöpfung der Menschen ist allenthalben zu spüren.

Die eurozentrische Sicht, interessanterweise sowohl der Kriegswilligen als auch der Kriegsgegner, die im Irak nur das Land des Öls sehen, nimmt das Ausmaß der Trauer, die dort herrscht, nicht gebührend wahr. Die tägliche Entdeckung von Massengräbern und geheimen Grabfeldern verschafft hunderttausenden Irakerinnen und Irakern Gewissheit über das schreckliche Schicksal ihrer nächsten Angehörigen. Viele haben erstmals seit vielen Jahren die Möglichkeit, über das Schicksal ihrer Familien zu sprechen.

Es gibt viele Srebrenicas im Irak. Bei ihrer bisher verhaltenen Kritik an den Besatzungsmächten fürchten viele Irakerinnen und Iraker, das diese sich überstürzt zurückziehen könnten und dies einen Bürgerkrieg hervorrufen und den Einfluss der verbliebenen Baath-Anhänger und extremer islamistischer Kräfte stärken würde. Diese Gefühlslage fördert zunächst keinen aktiven Widerstand gegen die ausländischen Besatzer. Stattdessen warten viele ab, "was die neuen Herren machen werden", wie sich ein ehemaliger irakischer Diplomat ausdrückte. Diese neuen Herren können sich eine Atempause verschaffen, wenn sie sich bemühen, das Lebensniveau für die Masse der Bevölkerung ein wenig anzuheben. Angesichts der Ressourcen dieses Landes wäre dies sicherlich keine Herkulesarbeit. Dann aber müssen tragfähige politische Konzepte zur Lösung der immensen Probleme des Landes auf den Tisch kommen.

Dazu ist mehr gefragt als die eintägige Wiedereröffnung des Nationalmuseums in Bagdad. Der bisherige Umgang der US-Administration mit den zahlreichen politischen und kulturellen Widersprüchen sowie der gesellschaftlichen Verwerfungen, die die Baath-Diktatur hinterließ ist wenig überzeugend. Lösungsansätze sind bisher nicht in Sicht. Das trotzige Beharren des US-Präsidenten, notfalls längere Zeit im Land zu bleiben, wird auf Dauer zum Widerstand breiterer Bevölkerungsschichten führen.

Aber auch dann würde der Irak kein zweites Vietnam. In Vietnam wurde der Widerstand von einer säkularen antikolonialen Bewegung geführt. Für den heutigen Irak wäre ein islamistisch geprägter Terror wie in Algerien zu befürchten. Diejenigen, die aus guten Gründen den Krieg abgelehnt haben, können sich jetzt keineswegs mit dem Gedanken "ich habe es doch gewusst, dass es so kommen wird" in den Sessel zurücklehnen. Vielmehr ist Einmischung gefragt. Nicht als gern gesehener Sozialdienst der US-Administration, sondern indem man die irakische Bevölkerung mit allen Mitteln unterstützt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Es ist an der Zeit, dass die Bundesregierung ihre abwartende Haltung aufgibt. Seien wir ehrlich, die Erfolgsaussichten einer solchen "Zivilen Koalition der Willigen" sind nicht groß – aber was wäre die Alternative?


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Die Arbeit des Frauenzentrums KHANZAD nach dem Sturz des Baath-Regimes

"Nach dem Sturz des Baath-Regimes ist alles um uns herum neu und anders -
aber unsere Arbeit und unsere Ziele sind die gleichen geblieben".
(Mitarbeiterin von KHANZAD, 20.4.2003)

· Frauenräume schaffen zum Schutz und zur Unterstützung von Frauen in Krisensituationen
· Frauennetzwerke und Frauensolidarität stärken
· Den parteiunabhängigen Dialog fördern zwischen Frauen aus unterschiedlichen Schichten, religiösen und ethnischen Hintergründen und politischen Strömungen;
· Frauenbildung als Voraussetzung für gesellschaftliche und politische Partizipation von Frauen
· Die Rolle von Frauen im Demokratisierungsprozess stärken.

Für diese Ziele arbeiten die Mitarbeiterinnen des sozialen und kulturellen Zentrums für Frauen in Sulaimania, Kurdistan-Irak, seit 1996. Bei seiner Gründung war KHANZAD das erste parteiunabhängige und ausschließlich für Frauen zugängliche Frauenzentrum in Kurdistan-Irak. Inzwischen ist es weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt als Treffpunkt, Dialogforum und Anlaufstelle für Frauen.
Mehr als 7000 Frauen jährlich nehmen bei KHANZAD an Alphabetisierungskursen, Sprach- und Computerkursen, Sport- und Freizeitangeboten teil, besuchen die Frauenfahrschule, nehmen Beratungstermine zu rechtlichen, medizinischen und sozialen Problemen wahr, besuchen Seminare zu gesellschaftlichen und politischen Themen, oder nutzen KHANZAD, das Haus, den Garten, die Cafeteria zum Treffen und Austausch mit anderen Frauen. Eine angeschlossene Kinderbetreuung ermöglicht auch Müttern die Teilnahme am Angebot des Zentrums.
Das Zentrum wird finanziell gefördert von HAUKARI e.V. mit Zuschüssen des Weltgebetstags der Frauen, der Stiftung UMVERTEILEN Berlin u.a. Für Sprach, Computer- und Sportkurse und die Fahrschule zahlen die Teilnehmerinnen monatliche Gebühren. Diese und die Einnahmen aus dem Cafeteria-Betrieb werden ein Teil der Ausgaben gedeckt. Alphabetisierungskurse und Beratung sind unentgeltlich.

In Randbezirken Sulaimanias führt KHANZAD in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Bildung Alphabetisierungskurse mit Ergänzungsfächern durch. Ein Team von KHANZAD betreut Frauen im Untersuchungsgefängnis von Sulaimania , sichert ihnen Rechtsbeistand, organisiert Zusammenkünfte und Besuche im Gefängnis , setzt sich ein für eine kurze Dauer der Untersuchungshaft und die Verbesserung der Haftbedingungen

Während der Krisensituation in den letzten Monaten war KHANZAD kontinuierlich für Frauen geöffnet, diente als Anlaufstelle für Frauen in Angst- und Krisensituationen. Frauen und Kinder, die aus Städten entlang der irakischen Frontlinie geflohen waren, wurden vorübergehend im Zentrum untergebracht und an sichere Zufluchtsorte auf dem Land vermittelt.
Mobile Teams von KHANZAD betreuten in Zusammenarbeit mit der Kurdistan Health Foundation unter Felsvorsprüngen und Plastikplanen ausharrende Flüchtlingen aus den Grenzstädten, kümmerten sich hier speziell um Schwangere, Mütter, ältere und kranke Frauen und Kinder, versorgten sie mit Decken, Lebensmitteln, Medikamenten und Hygieneartikeln und Babynahrung.

Inzwischen sind die Kampfhandlungen im Irak vorüber. Die befürchteten Angriffe des irakischen Regimes auf das kurdische Gebiet sind ausgeblieben, ebenso größre Fluchtbewegungen. Das Baath-Regime ist gestürzt.
"Plötzlich ist die Angst weg, die Jahrzehnte auf uns gelastet hat. Obwohl unsere Zukunft unsicher ist, ist das ein ganz unbeschreibliches Gefühl", sagt eine Mitarbeiterin des Zentrums.
Die Arbeit des Zentrums geht ohne Unterbrechung weiter. Der Andrang von Frauen ist zurzeit größer denn je. Es wird intensiv diskutiert im Zentrum über die neue Situation, die Frage, was die Zukunft bringen wird.
Die Fortbildungs- und Alphabetisierungskurse laufen weiter, das Projekt im Untersuchungsgefängnis, auch die Alphabetisierungskurse in den Randbezirken haben wieder begonnen.
In den verschiedenen Bündnissen von Frauenprojekten und -organisationen und Menschenrechtsprojekten in Sulaimania, zu denen KHANZAD gehört (ASUDA- Bündnis gegen Gewalt gegen Frauen; Bündnis für Demokratieentwicklung und Menschenrechte, Bündnis gegen Gewalt gegen Kinder, Bündnis zur Wahrung der Menschenrechte) finden zurzeit zahlreiche Diskussionen und Koordinationstreffen für zukünftige Aktivitäten statt.

Es ist nun wichtig , die Räume, die sich Frauen , Kurdistan-Irak in den letzten Jahren erobert haben, in einer gesamtirakischen Zukunft zu verteidigen und auszubauen und die Rolle von Frauen im Demokratisierungsprozess zu stärken.
Dazu ist die Stärkung der bestehenden lokalen Frauenstrukturen, die Förderung ihrer Vernetzung untereinander und ihre Fortbildung für konfliktpräventive und dialogfördernde Projekte eine wichtige Voraussetzung.

Für Khanzad heißt das
· die bestehende Struktur des Zentrums und das Bildungs- und Beratungsangebot auszubauen und die Vernetzung mit anderen Organisationen weiter zu führen
· in der veränderten Situation neue Initiativen zu entwickeln.

I.
Nach dem Sturz des Regimes sind kurdischen Dörfer, die 12 Jahre lang hinter der Frontlinie lagen, nun von Sulaimania aus zugänglich, ebenso die Städte Kirkuk und Khanaqin. Auch das Hawraman-Gebiet, in den letzten Jahren Aufmarschgebiet der islamistischen ,Ansar al Islam und zuletzt Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen und Bombenangriffe. Ist jetzt für kurdische Hilfsorganisationen wieder erreichbar.
Zusammen mit der KHF haben Mitarbeiterinnen von KHANZAD diese Gebiete besucht, sich über die medizinische Versorgung und die Situation von Frauen informiert. Besonders entsetzt waren sie über die Zustände in einigen Krankenhäusern in Kirkuk. Es mangelt an Decken, Medikamenten, Lebensmittel, die hygienischen Zustände sind katastrophal, das medizinische Personal denkbar schlecht ausgerüstet.
KHANZAD und die KHF konnten Mittel, die ihnen von HAUKARI e.V., medico international und Norvegians Peoples' Aid für die Versorgung von Flüchtlingen während des Krieges zur Verfügung gestellt und nicht ausgeschöpft worden waren, umwidmen und mehrere Lastwagenladungen mit Gütern, Lebensmitteln, Medikamenten, Hygieneartikeln, Decken nach Kirkuk schicken und dort in drei Krankenhäusern u.a. dem Kinderkrankenhaus von Kirkuk verteilen.
In den nächsten Wochen wollen gemeinsame Teams von KHANZAD und KHF Dörfer und Städte besuchen und wo nötig schnell und flexibel humanitäre Nothilfe leisten.


II.
Noch ist ungeklärt, welche Verwaltungsstrukturen es in Zukunft in den Gebieten jenseits er ehemaligen Demarkationslinie , geben wird, wie die Arbeitsbedingungen und die Prioritäten für kurdische NROs sein werden.
Ebenso ungeklärt ist die Zukunft der Hunderttausenden von vor und nach 1991 aus diesen Gebieten vertriebenen kurdischen Familien, die in den letzten Jahren im kurdisch verwalteten Gebiet Zuflucht gefunden hatten. Kurdische Parteien und Organisationen rufen Familien, die in die Region Kirkuk zurückkehren wollen, zur Besonnenheit auf, um Spannungen mit den inzwischen in der Region angesiedelten arabischen Familien und der turkmenischen Gemeinschaft zu vermeiden.

Zivilgesellschaftlichen Gruppen kommt in der Vermeidung von Konflikten zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen in der Region und die Förderung des inter-ethnischen Dialogs große Bedeutung zu.

KHANZAD plant die Entsendung von Teams, in diese Regionen, um dort die Situation von Frauen, ihre psychosoziale, gesundheitliche und ökonomische Situation und die Analphabetinnen-Rate zu erheben. Es sollen möglichst bald Alphabetisierungskurse* angeboten werden, ergänzt durch soziale- und Rechtsberatung und Training in Konfliktprävention, Konfliktlösungsstrategien und interethnischem Dialog.

III.
Die zahlreichen überlebenden Frauen der Anfal-Operationen des irakischen Regimes 1988 schöpfen nun nach dem Sturz des Regimes neue Hoffnung, Aufklärung über das Schicksal ihrer während Anfal verschwundenen Angehörigen zu bekommen.
Seit 15 Jahren leben diese Frauen in Ungewissheit über den Verbleib ihrer Männer, Brüder, Töchter, Söhne. Zu den bisherigen Fundorten von Massengräbern eilen sie auch aus weit entfernten Dörfern herbei, in gleichzeitger Hoffnung und Angst, Gewißheit zu erlangen.

Diese Frauen benötigen dringend psychologischen, sozialen und rechtlichen Beistand bei der Suche nach Spuren ihrer Angehörigen und für die Durchsetzung ihrer Forderungen nach Aufklärung und Entschädigung.
Hier arbeitet KHANZAD zusammen mit den Komitees der Anfal-Angehörigen an einem Konzept zur Begleitung und Betreuung Anfal-überlebendender Frauen.



* Die von KHANZAD durchgeführten Alphabetisierungskurse sind abgestimmt mit anderen Bildungsträgern und dem Bildungsministerium der kurdischen Regionalregierung. Es handelt sich um ein 5stufiges Programm (Dauer 1 Jahr), in dem neben der Alphabetisierung auch Fächer wie Rechnen,. Geographie, Sozialkunde und Geschichte Bestandteil sind. Die entsprechenden Bücher wurden vom Bildungsministerium entwickelt und werden von UNICEF zusammen mit anderen Unterrichtsmaterialien an Projekten, die Alphabetisierungskurse anbieten, kostenlos zur Verfügung gestellt. Nach jeder Stufe wird eine Prüfung im Beisein von VertreterInnen des Erziehungsministeriums abgelegt und ein entsprechendes Zertifikat ausgestellt. Nach Absolvierung aller 5 Stufen erhalten die Teilnehmerinnen ein vom Bildungsministerium ausgegebenes Zeugnis, das als qualifizierend für berufliche Weiterbildung anerkannt ist. Die Teilnehmerinnen sind nicht verpflichtet, alle 5 Stufen zu durchlaufen, können also nach dem Erlernen des Lesens und Schreibens den Kurs auch abbrechen (was insbesondere für ältere Teilnehmerinnen wichtig ist, die keinen Schulabschluss benötigen) Die Lehrkräfte werden von KHANZAD eingestellt und bezahlt, erhalten eine Grundausbildung und regelmäßige Supervision und Fortbildung durch das Bildungsministerium.
Alphabetisierungskurse sind für die Teilnehmerinnen unentgeltlich. Die Lehrkräfte erhalten für je 2 Stunden täglich Unterreicht ein monatliches Entgelt von umgerechnet ca. Euro 20,--.
Neben dem konkreten Bildungsziel Alphabetisierung sind die Alphabetisierungskurse für viele Frauen insbesondere aus traditionellen Familien auch eine wichtige soziale Erfahrung. In den von KHANZAD angebotenen Alphabetisierungsprogrammen werden die Kurse ergänzt durch Informationsangebote zu sozialen und gesellschaftlichen Themen.


Berlin, 22.04.03



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Interview mit den leitenden Mitarbeitern der Kurdistan Health Foundation (KHF) Aram Rostem und Khalid M. Rashed vom 06.04.2003

 

Wie sieht die Situation in Kurdistan aus? Fliehen Menschen? Wohin fliehen sie? Wo halten sie sich auf und wie sind ihre Bedingungen?

Es gibt zurzeit keine große Fluchtbewegung innerhalb Kurdistans oder an die Grenzen. Vor Kriegsbeginn waren viele Menschen aus Sulaimania an die Grenze zum Iran geflohen. Insbesondere Frauen und Kinder, zum Beispiel in der Gegend um Penshween. Nach Sulaimania sind inzwischen die meisten zurückgekehrt, die Situation in Sulaimania scheint sicher und das Leben verläuft ganz normal. Die Städte und Dörfer entlang der Demarkationslinie zwischen den kurdischen und von der Zentralregierung kontrollierten Gebieten sind aber immer wieder Ziele von Raketenbeschuss seitens der irakischen Regierung. Hier gibt es wechselnde Fluchtbewegung. Die Leute kommen und gehen, je nach Lage und Gerüchten. Kifri wurde mehrmals beschossen, Menschen aus Kifri und Kalar haben sich - in ebenfalls wechselnder Anzahl, manchmal einige Dutzend Familien, manchmal mehr, entlang der Straße zwischen Darbendikhan und Kalar und der Straße zwischen Maidan und Sartak in Sicherheit gebracht. .Einige sind hier auch in der Grenzgegend Iran (Perwiskhan). Sie spannen als Schutz Plastikplanen über Holzpfähle oder sind bei Familien in Dörfern entlang der Straße untergekommen.
Chamchamal und Shoresh wurden gerade letzte Nacht erneut beschossen. Es gab zwei Verletzte in Shoresh. Die Menschen aus diesen Städten haben sich längs der Straße zwischen Chamchamal und Sengaw in Sicherheit gebracht. Viele haben zwischen Steinen Plastikplanen aufgespannt oder nutzen Höhlen und Felsvorsprünge als Schutz und harren dort aus.

Inzwischen sind auch erste Flüchtlinge aus Bagdad und Kirkuk im kurdisch kontrollierten Gebiet angekommen. Einige sind in Bazyan, andere hinter Perimagrun auf der Straße zwischen Sulaimania und Dukan in Surdasht. Es handelt sich bisher um einzelne Familien, häufig auch Einzelpersonen, die ihre Familien zurück gelassen haben, und die sich mithilfe von Menschenschmugglern, also gegen hohe Geldbeträge hier her retten konnten. In Surdahst hat die kurdische Regionalregierung ein erstes Zeltlager eingerichtet, mit bisher 100 Zelten.

Wie ist die Situation der Flüchtlinge?

Die Situation ist schlecht. In den improvisierten Behausungen fehlt es an allem. Die Menschen sind jeder Witterung ausgesetzt, es kommt zu zahlreichen Erkrankungen der Bronchien, aber auch zur Durchfallerkrankungen und Rückenschmerzen.
Ein großes Problem ist der Mangel an sauberem Trinkwasser und die damit verbundenen Infektionen. Es gibt kein Kerosin oder Holz, die Menschen können das Wasser nicht abkochen. Auch die Ernährung ist schlecht und einseitig in dieser Situation. Die Menschen essen kaum Fleisch. Die Anspannung ist groß. Die Menschen sind im Prinzip optimistisch. Aber solange Kirkuk in der Hand des irakischen Regimes ist, fürchten sie weitere Angriffe mit Raketen, Bombardierungen und sind in großer Anspannung und jederzeit auf dem Sprung.

Wo arbeiten die mobilen Teams der KHF zurzeit?

Wir haben insgesamt 5 mobile Teams.
Zwei arbeiten auf der Straße Chamchamal-Sengaw, die anderen in Germian um Kalar.
Wir planen, eines in das Lager Surdasht zur Betreuung von Flüchtlingen aus Bagdad und Kirkuk zu entsenden. Mit einem weiteren Team wollen wir in Bazyan für Flüchtlinge aus irakisch kontrolliertem Gebiet arbeiten.

Was machen die Teams genau?

Wir haben in den letzten Tagen 700 Kranke unter den Flüchtlingen betreut. Wir haben sie untersucht, sie behandelt, ihnen Medikamente gegeben, sie wenn nötig, in Kliniken gebracht. Wir haben es vor allem mit Durchfallerkrankungen zu tun, mit Erkrankungen des respiratorischen Apparates, aber auch mit Rückenproblemen, mit Erschöpfungszuständen. Wir kümmern uns um Schwangere, untersuchen sie regelmäßig, geben ihnen Vitamine und Zusatznahrung; sorgen dafür, dass ihr Trinkwasser chloriert wird. Wir versammeln die Flüchtlinge, klären sie über die Notwendigkeit auf, das Wasser abzukochen. Wir fordern sie auf, sich warm zu halten und die Kinder ausreichend zu ernähren etc. Wir zeigen ihnen, wie sie notdürftige Latrinen bauen etc.
Die Situation ist allerdings schwierig, zum Wasser-Abkochen fehlt den Menschen das Kerosin. Chlor gibt es zu wenig..
Hier bräuchten auch wir mehr Mittel, um die Menschen mit Decken, mit Zusatznahrungsmitteln, mit Fleisch, Gemüse und Kerosin zu versorgen, warme Jacken für Kinder zu haben etc.

Was unterscheidet eure jetzige Arbeit von eurer sonstigen Arbeit mit den mobilen Teams?

Normalerweise liegt der Schwerpunkt unserer mobilen Teams auf der Prävention, auf aufklärenden Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge in ländlichen Regionen. Jetzt sind wir viel stärker kurativ tätig, versorgen Kranke, geben Medikamente aus. Aber nach wie vor haben wir das vorsorgende, aufklärende Moment in unserer Arbeit.

Wie ist eure Zusammenarbeit mit der kurdischen Regionalregierung und anderen Organisationen?

Wir stimmen uns sehr eng ab mit dem Gesundheitsministerium der kurdischen Regionalregierung. Wir haben regelmäßige Koordinationstreffen mit den hier tätigen lokalen und internationalen Organisationen. Gerade heute morgen hatten wir ein Abstimmungstreffen.

Was wir gebraucht, was ist nötig, was fehlt?

Ein großes Problem zurzeit ist - und das wurde auch heute morgen auf dem Koordinationstreffen sehr deutlich - dass viele internationale Organisationen hier etwas tun wollen, ihre Hilfe angekündigt haben, zum Teil auch schon Projektvorschläge erhalten haben, dass sie aber warten auf die Notsituation, den großen Flüchtlingsstrom und die angekündigte Hilfe nur spärlich kommt bzw. ausbleibt. Für die jetzt, nicht so spektakuläre Notsituation, gibt es kaum Mittel. Die KHF ist einer der wenigen Organisationen, die jetzt Mittel hat und flexibel in der Situation arbeiten kann und unter den Flüchtlingen aktiv zu werden kann.
Einige lokale Organisationen haben heute morgen angekündigt, dass sie MitarbeiterInnen, die sie für die Nothilfeprojekte eingestellt und vorbereitet haben, wieder entlassen müssen.

Ein anderes Problem, das heute morgen diskutiert wurde, war, dass im Flüchtlingslager Surdasht, das explizit für Flüchtlinge aus dem von der Zentralregierung kontrolliertem Gebiet ist, nun auch interne Flüchtlinge aus Chamchamal ankommen und unter der dortigen Prämisse aber nicht versorgt werden können.

Für uns ist jetzt Priorität, dass wir JETZT flexibel und mobil arbeiten können mit den jeweiligen Flüchtlingen und ihren Bewegungen. Wir brauchen Kleidung für die Menschen, Decken, Medikamente, Nahrungsmittel. Das kann auf dem lokalen Markt angekauft werden. Auch die Grenze zum Iran ist für den Güterverkehr offen. Wir können hier zurzeit alles bekommen. Wir müssen flexibel reagieren können.

Interview: Karin Mlodoch

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Der Krieg wirft seine Schatten in Irakisch-Kurdistan

Spendenaufruf für die Kurdistan Health Foundation

Die Bevölkerung im Irakisch-Kurdistan sieht sich mit einem erneuten Krieg konfrontiert. Es herrscht große Angst vor einer militärischen Eskalation und vor Angriffen des irakischen Regimes auf die kurdisch verwalteten Gebiete. Aus Furcht vor Rachefeldzügen des Bagdader Regimes haben viele Menschen die Großstädte Arbil und Sulaimania verlassen und auf dem Land Zufluchtsmöglichkeiten gesucht.
Viele Familien in Irakisch-Kurdistan fürchten um ihre Angehörigen, die noch in dem von der irakischen Regierung kontrollierten Gebiet leben. Die irakische Armee hat die Demarkationslinie in den kurdisch kontrollierten Nordirak hermetisch abgeriegelt. Dabei wurden auch mit Erdöl gefüllte Gräben angelegt. Dies könnte für Flüchtlingsströme, die insbesondere bei einer Intensivierung der Kämpfe um die Großstädte Mossul und Kirkuk aber auch um Bagdad aus dem Zentralirak zu erwarten sind, ein unüberwindliches Hindernis werden und die Flüchtlinge damit zwischen die Fronten geraten.

Der langjährige Projektpartner von Haukari e.V., die KHF, bereitet sich seit Monaten intensiv auf die nun erneut drohende Notsituation vor. Gemeinsam haben wir ein Programm entwickelt, in dem den mobilen medizinischen Einsatzteams der KHF eine zentrale Rolle zukommt. Diese Teams aus ÄrztInnen und Angehörigen anderer Heilberufe arbeiten üblicherweise in der basismedizinischen Versorgung entlegener Landstriche und präventiv-medizinischen Programmen in Dörfern. Sie sollen im Notfall zur Versorgung von zivilen Kriegsopfern eingesetzt werden können. Die Teams könnten im Bedarfsfall auch im Zentral- oder Südirak aktiv werden. Auf Grund der wechselvollen Geschichte Irakisch-Kurdistans während der letzten 20 Jahre sahen sich die MitarbeiterInnen der KHF schon öfters vor die Situation gestellt, Nothilfe leisten zu müssen.
Gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen gelang es, die Transportkapazitäten der KHF zu verbessern und die mobilen Teams für die neue Gefahrenlage zu schulen. Einige Teams arbeiten bereits jetzt in Flüchtlingslagern, die in den letzten Jahren durch die Vertreibungspolitik des Baath-Regimes entstanden sind. In Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden wurden zudem entlang der vermutenden Flüchtlingsrouten Dorfräte von der KHF in konfliktvermeidenden Strategien beim Umgang mit Flüchtlingen geschult. Dies hat angesichts der knappen Ressourcen - in einigen Regionen herrscht bereits jetzt wegen jahrelanger Trockenheit Wassermangel - eine herausragende Bedeutung. Dies ist sicherlich eine Arbeit, die das Vertrauen der ansässigen Bevölkerung voraussetzt. Andererseits ist dies aber auch ein Beispiel für den nicht zu unterschätzenden Wert lokaler Hilfsstrukturen, die in der Berichterstattung in Europa häufig übersehen werden.

Haukari e.V. bittet dringend um Spenden für die mobilen Teams der KHF


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Spendenaufruf für das Frauenzentrum Khanzad in Sulaimania

Medizinische und soziale Betreuung von Frauen
im Falle militärischer Eskalation und Flucht

Der Krieg gegen den Irak hat begonnen. Im kurdisch verwalteten Nordirak haben sich die Bevölkerung, die regionale kurdische Regierung und lokale Hilfsorganisationen seit Monaten auf diese Situation vorbereitet. Befürchtet wird vor allem ein Chemiewaffenangriff des irakischen Regimes auf den kurdischen Norden. Die kurdischen Städte nahe der Demarkationslinie mit dem irakischen Regime sind seit Tagen verlassen. Auch zahlreiche Menschen aus den großen kurdischen Städten Sulaimania und Arbil haben in ländlichen Regionen Zuflucht gesucht. Im Falle von anhaltenden Kampfhandlungen und des drohenden Einmarsches türkischer Truppen werden Flüchtlingsströme an die iranische Grenze erwartet.

Das von kurdischen Frauen organisierte und von HAUKARI e.V. unterstützte Frauenzentrum KHANZAD in Sulaimania hat Vorkehrungen für die Krisensituation getroffen. Das Zentrum ist seit 1996 weit über die Grenzen der Stadt hinaus als Anlaufstelle für Frauen bekannt. Hier werden Alphabetisierungs- und Fortbildungskurse, Rechts-, Gesundheits- und Sozialberatung und Seminare zu politischen und sozialen Themen angeboten. Mitarbeiterinnen von KHANZAD führen Alphabetisierungskurse in den Randbezirken Sulaimanias durch und betreuen gefangene Frauen im Untersuchungsgefängnis.


KHANZAD wird zurzeit ganztägig offen gehalten. Das Mitarbeiterinnen-Team informiert über die aktuelle Entwicklung und berät Frauen in Angstsituationen. Alleinstehende Frauen mit Kindern werden vorübergehend im Zentrum untergebracht und an sichere und betreute Zufluchtsorte auf dem Land vermittelt.
Dabei richtet KHANZAD das Augenmerk auf besonders gefährdete Frauen: Alleinstehende und Witwen, Frauen mit Kleinkindern, Schwangere, alte und kranke Frauen. Aus früheren Fluchterfahrungen gibt es zahlreiche Beispiele von Frauen und Kindern, die das Tempo der Flucht nicht mithalten konnten und zurück gelassen wurden.
In Zusammenarbeit mit der lokalen Gesundheitsorganisation KHF (Kurdistan Health Foundation) führen mobile Teams von KHANZAD, bestehend aus Sozialarbeiterinnen und Ärztinnen, frauenspezifische Seminare und Schulungen durch, die besonders gefährdete Frauen auf eine Angriffs- oder Fluchtsituation vorbereiten, den Bedarf an konkreter Begleitung und Unterstützung einzelner Frauen ermitteln und die Dorfgemeinschaften für den besonderen Schutz von Frauen sensibilisieren.
Die Teams sind mit Fahrzeugen und Kommunikationsmitteln ausgestattet, mit medizinischen Geräten, Medikamenten, Babynahrung, Hygieneartikeln und sauberem Trinkwasser. Sie können so im Falle einer größeren Fluchtbewegung eine mobile frauenspezifische Betreuung gewährleisten.

HAUKARI e.V. bittet dringend um Spenden für die Arbeit der mobilen Teams von KHANZAD.
Das aktuelle Hilfsprojekt für Frauen baut auf langjährige lokale Strukturen auf. Die Teams sind bereits tätig. Spendengelder können direkt weiter geleitet werden und kommen somit zeitnah den Betroffenen zugute.


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Vortrag von Dr. med. B. Winter (Haukari e.V.) auf der Jahrestagung der Deutschen Sektion der Internationalen Ärzte gegen für die Verhütung des Atomkrieges am 30.03.2003 in Frankfurt/M.


Liebe Kolleginnen und Kollegen,

herzlichen Dank für die Einladung zu dieser Diskussion.

Ich vertrete hier den Verein Haukari. Haukari wurde 1994/95 von (ehemaligen) Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den seit 1991 durchgeführten Nothilfeprogammen im Nordirak gegründet. Sie sahen sich zu jener Zeit mit der Situation konfrontiert, daß die meisten Hilfsorganisationen das Land verlassen hatten. In dieser Zeit war kaum jemand in Europa - auch die Organisationen der Friedensbewegung - für das Thema Irak bzw. Irakisch-Kurdistan anzusprechen. Wir versuchten dem in unserer Öffentlichkeitsarbeit entgegenzuwirken. In unserer Projektarbeit konzentrierten wir uns von Anbeginn auf denn sozialen Bereich, Bildung, Frauenrechte, Basisgesundheitswesen.

Ich möchte in meiner Stellungnahme kurz 3 Themen anreissen:

I. Unsere Sicht auf den Krieg
II. Die aktuelle Situation in Irakisch-Kurdistan
III. Die Projektarbeit von Haukari e.V. zu Zeiten des Krieges


I. Unsere Sicht auf den Krieg - oder wenn man zwischen allen Stühlen sitzt hat man eine andere Perspektive

Auch wir lehnen diesen Krieg ab.
Viele unserer Partnerinnen und Partner in Irakisch-Kurdistan - allerdings auch nicht alle - befürworten den Krieg der Bush-Administration. Das sind Menschen, die wir zum Teil seit 12 Jahren kennen. Mit denen wir zusammenarbeiten und die wir menschlich sehr schätzen.
Sie sagen uns u.a.:
"Bernhard, du hast 1991 unser Flüchtlingselend in den Bergen erlebt, du hast gesehen wie noch 1991 die mumifizierten Leichen von Frauen und Kindern des Giftgasangriffes 1988 in Halabja geborgen wurden, du hast die Massengräber entlang der Deportationsroute der Anfal-Operationen gesehen, mit wieviel Überlebenden der Anfaloperationen, deren Verwandten seitdem verschwunden sind, hast du in den letzten Jahren gesprochen?
Was muß noch geschehen, daß ein Krieg in deinen Augen gerechtfertigt ist?"

Wir können diese Position verstehen sie ist tief in der Bevölkerung verankert und keineswegs nur Meinung von Parteifunktionären.

Aufgrund dieser Erfahrungen teilen wir auch nicht die in Europa häufig geäusserte Meinung, daß das Baath-Regime eine Diktatur wie viele andere sei.
Zumindest drei Gründe sprechen für eine spezifische Aggressivität des Regimes:
1: In den Gebieten, die es vollständig kontrolliert ist die Kontrolle über das alltägliche Leben totalitärer als in anderen diktatorisch regierten Staaten der Region.
2: Vor dem jetzigen us-amerikanischen Angriff hat das Regime in den letzten 34 Jahren 2 Nachbarstaaten überfallen und 2 größere Kriege im Innern geführt. Dazwischen ständig Bürgerkriege niedriger Intensität. Für das Baath-Regime sind diese Gewaltakte essentiell.
3: Das Baath-Regime war die erste Diktatur, die Giftgas gegen die eigene Zivilbevölkerung einsetzte.

Dennoch lehnen wir diesen vor 11 Tagen begonnen Krieg strikt ab.
Dieser Krieg soll darum geführt werden, die US-amerikanischen ökonomischen und geostrategischen Interessen langfristig in der Region und darüber hinaus durchzusetzen. Das willkürliche Vorgehen der US-Regierung soll ein neues Völkerrecht, das das Recht des Stärkeren absegnet, schaffen. Der Anspruch der US-Regierung mittels eines von aussen geführten Gewaltaktes eine Demokratisierung des Nahen Ostens durchführen zu wollen, entbehrt angesichts der ungemein komplexen historischen Wechselbeziehungen zwischen Orient und Okzident einer Grundlage. Schon heute steht fest - obwohl das ganze Ausmaß der humanitären Folgen noch nicht ansatzweise überblickt werden kann -, daß wiederum die Zivilbevölkerung der Hauptleidtragende des Krieges sein wird.

Trotz mancher unterschiedlicher Einschätzung ist für uns auf der politischen Ebene Bezugspunkt für eine Diskussion die demokratische Opposition im Irak. Wohl wissend wie zersplittert und zerstritten sie ist und welche katastrophalen Fehler sie in der Vergangenheit machte.

II. Zur aktuellen Situation in Irakisch-Kurdistan

Im folgenden beziehe ich mich neben den allgemein zugänglich Medien auf die Informationen eines kurdischen Mitarbeiters, der seit Juli letzten Jahres wieder ständig im Nordirak aufhält und auf die Berichte unserer Partnerorganisationen.
Ohne hier detaliert auf die Entwicklung in Irakisch-Kurdistan eingehen zu können, kann festgestellt werden, daß sich die humanitären Situation in den letzten 3 - 4 Jahren durch das oil for food Abkommen entspannte, obwohl von einer eigenständigen ökonomischen Entwicklung dieser Region keine Rede sein kann.
Dennoch ist die Lage vieler Menschen insbesondere der Binnenflüchtlinge prekär. 2002 lebten von den 814.000 Binnenflüchtlinge auf dem Territorium des Iraks700.000 in den kurdisch kontrollierten Gebiete. Auch die Lage in den Städten und Gebieten entlang der Demarkationslinie zu dem von der irakischen Armee kontrollierten Teil war bereits vor dem Krieg ausgesprochen schwierig. Diese Gebiete waren z.T. während derAnfaloperationen vollständig zerstört und in den neunziger Jahren rückbesiedelt worden. Beim Wiederaufbau waren gerade dies die Regionen, die von den Hilfsorganisationen vernachlässigt worden waren.
Viele Bewohner, insbesondere Frauen, Kinder und ältere Menschen, haben entlang der kurdisch-irakischen Frontlinie die Dörfer und Städte verlassen. Auch die beiden Grosstädte ArbiI und Sulaimania sind z.T. verlassen. Viele Menschen suchten Unterschlupf auf dem Lande oder im irakisch-iranischen Grenzgebiet. In erster Linie fürchten sie militärische Angriffe des irakischen Regimes. Besonders gefürchtet ist ein Einsatz von Giftgas. Zu tief sitzen dabei die Erinnerungen an 1988. Im übrigen haben sowohl die kriegsführenden Alliierten als auch die anderen europäischen Staaten es abgelehnt zum Schutz der Zivilbevölkerung Gasmasken zur Verfügung zu stellen.

Wie wir alle in den Medien mitbekommen haben, versucht die US-Armee zur Zeit eine Nordfront in Irakisch-Kurdistan aufzubauen. Dazu wird eine großangelegte Luftlandeaktion durchgeführt. Nach der Zusage der US-Regierung an die kurdischen Parteien, daß sie bei der Befreiung von Mosul und insbesondere Kirkuk eine eigenständige Rolle spielen werden, haben sich die zuvor eher zurückhaltenden beiden großen kurdischen Parteien für ein gemeinsames Vorgehen mit den USA entschieden. Sie haben keinerlei Schwierigkeiten entsprechende Kämpfer zu mobilisieren.

Großen Respekt bei der Bevölkerung verschaffte sich die US-Regierung durch die Vertreibung der militant islamistischen Ansar e Islam aus dem Gebiet nördlich von Halabja in der Nacht vom 22. Auf 23.3..

Viele Familien in Irakisch-Kurdistan fürchten um ihre Angehörigen, die noch in dem von der irakischen Regierung kontrollierten Gebiet leben. Die irakische Armee hat um die Stadt Kirkuk und an anderen Stellen lange mit Erdöl gefüllte Gräben angelegt. Dies könnte für Flüchtlingsströme, die insbesondere bei einer Intensivierung der Kämpfe um die Großstädte Mosul und Kirkuk aber auch Bagdad aus dem Zentralirak zu erwarten sind, ein unüberwindliches Hindernis werden und die Flüchtlinge damit zwischen die Fronten geraten.

Obwohl momentan die türkische Regierung und der selbst der türkische Generalstab permanent beteuern, daß an einen weiteren Ausbau der Brückenköpfe im Nordirak - die türkische Armee ist dort seit 1996 kontinuierlich präsent - nicht gedacht wird, kann sich dies je nach Kriegsverlauf umgehend ändern. Damit könnte manche kurdische Illusion verfliegen. Bei einem größeren Engagement der Türkei im Nordirak wird das iranische Regime ebenfalls nicht tatenlos zusehen.

Bereits jetzt gibt es Flüchtlingsbewegungen in den Nordirak. Zum einen sind das die letzten Opfer der Vertreibungspolitik des Baath-Regime. So wurden unmittelbar vor dem Kriegsbeginn noch 1200 Menschen kurdischer und turkmenischer Abstammung aus Kirkuk ausgewiesen. Unsere Projektpartner berichten aber auch über eine zunehmende Anzahl von Flüchtlingsgruppen aus dem Zentralirak nach dem Teilrückzug der irak. Armee aus dem Gebiet zwischen Chamchamal und Kirkuk.


III. Projektarbeit von Haukari e.V. in Zeiten des Krieges

Neben dem Prinzip, dass die Hilfe für besonders verletzliche Gruppen der Zivilbevölkerung vorrangig ist, lassen wir uns von drei Gedanken leiten:
1: Keine Einbindung in eine wie auch immer geartete militärische Logik.
2: Während der Kriegshandlungen hat jeder Mensch das Recht sich in Sicherheit zu bringen und sei dies auch über Landesgrenzen hinweg. Und natürlich darf Europa Flüchtlingen nicht die Aufnahme verweigern.
Dieses "Recht auf Flucht" aus einer elementaren bedrohlichen Situation sehen wir zunehmend verweigert. Bereits 1991 argumentierte in der Resolution 688 der Weltsicherheitsrat, dass die Flüchtlinge den Weltfrieden gefährden, nicht etwa die irakische Armee, die sie mit Phosphor und Napalm bombardierte. Auch der türk. Generalstab begründet seine militärischen Vorbereitungen im Grenzgebiet mit der Flüchtlingsabwehr.
3. Jede Hilfe - auch Nothilfe - die durch lokalen Strukturen geleistet werden kann, sollte durch sie geleistet werden. Andere Strategien führen zur vermehrter Abhängigkeit und Entmündigung.

Zu den beiden konkreten Projekten:
Das von kurdischen Frauen organisierte und von HAUKARI e.V. initiierte
Frauenzentrum KHANZAD in Sulaimania ist seit 1996 weit über die Grenzen der Stadt hinaus als Anlaufstelle für Frauen bekannt. Hier werden Alphabetisierungs- und Fortbildungskurse, Rechts-, Gesundheits- und Sozialberatung und Seminare zu politischen und sozialen Themen angeboten.
KHANZAD wird zurzeit ganztägig offen gehalten. Das Mitarbeiterinnen-Team informiert über die aktuelle Entwicklung und berät Frauen in Angstsituationen. Alleinstehende Frauen mit Kindern werden vorübergehend im Zentrum untergebracht und an sichere und betreute Zufluchtsorte auf dem Land vermittelt.
Dabei richtet KHANZAD das Augenmerk auf besonders gefährdete Frauen: Alleinstehende und Witwen, Frauen mit Kleinkindern, Schwangere, alte und kranke Frauen. Aus früheren Fluchterfahrungen gibt es zahlreiche Beispiele von Frauen und Kindern, die das Tempo der Flucht nicht mithalten konnten und zurück gelassen wurden.

Mobile Teams von KHANZAD, bestehend aus Sozialarbeiterinnen und Ärztinnen, führen frauenspezifische Seminare und Schulungen durch, die besonders gefährdete Frauen auf eine Angriffs- oder Fluchtsituation vorbereiten, den Bedarf an konkreter Begleitung und Unterstützung einzelner Frauen ermitteln und die Dorfgemeinschaften für den besonderen Schutz von Frauen sensibilisieren.
Die Teams sind mit Fahrzeugen und Kommunikationsmitteln ausgestattet, mit medizinischen Geräten, Medikamenten, Babynahrung, Hygieneartikeln und Trinkwasser. Sie können so im Falle einer größeren Fluchtbewegung eine mobile frauenspezifische Betreuung gewährleisten.


Der langjährige Projektpartner von Haukari e.V. die Kurdistan Health Foundation (KHF) bereitet sich seit Monaten intensiv auf die nun erneut drohende Notsituation vor. Gemeinsam haben wir ein Programm entwickelt, in dem den mobilen medizinischen Einsatzteams der KHF eine zentrale Rolle zukommt. Diese Teams aus ÄrztInnen und Angehörigen anderer Heilberufe arbeiten üblicherweise in der basismedizinischen Versorgung entlegener Landstriche und führen präventiv-medizinischen Programmen in Dörfern durch. Sie sollen im Notfall zur Versorgung von zivilen Kriegsopfern eingesetzt werden können. Die Teams könnten im Bedarfsfall auch im Zentral- oder Südirak aktiv werden. Auf Grund der wechselvollen Geschichte Irakisch-Kurdistans während der letzten 20 Jahre, sahen sich die MitarbeiterInnen der KHF schon öfters vor die Situation gestellt, Nothilfe leisten zu müssen.
Gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen gelang es die Transportkapazitäten der KHF zu verbessern und die mobilen Teams für die neue Gefahrenlage zu schulen. Einige Teams arbeiten bereits jetzt in Flüchtlingslager. In Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden wurden zudem entlang der vermutenden Flüchtlingsrouten Dorfräte von der KHF in konfliktvermeidenden Strategien beim Umgang mit Flüchtlingen geschult. Dies hat angesichts der knappen Ressourcen - in einigen Regionen herrscht bereits jetzt wegen jahrelanger Trockenheit Wassermangel - eine herausragende Bedeutung. Dies ist sicherlich eine Arbeit, die das Vertrauen der ansässigen Bevölkerung voraussetzt.
Andererseits ist dies aber auch ein Beispiel für den nicht zu unterschätzenden Wert lokaler Hilfstrukturen, die in der Berichterstattung in Europa häufig vollkommen übersehen wird.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Frankfurt, den 30.03.2003

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Keinen Krieg für Öl - Für einen demokratischen Irak

Unter faulen Äpfeln gibt
es nicht viel Wahl

(W. Shakespeare)


Wir teilen die Auffassung der Mehrheit der Friedensbewegung, dass der von der Bush-Administration angestrebte Präventivkrieg gegen den Irak keineswegs dazu dient, den Frieden in der Golfregion zu sichern. Die irakischen Massenvernichtungswaffen dienen lediglich als Vorwand für die Kriegsplaner. Auch konnte bisher keineswegs dargelegt werden, dass das Baath-Regime unter Saddam Hussein das Terrornetzwerk Al Quaida unterstützt hat. Dieser Krieg soll darum geführt werden, die US-amerikanischen ökonomischen und geostrategischen Interessen langfristig in der Region und darüber hinaus durchzusetzen. Das willkürliche Vorgehen der US-Regierung soll ein neues Völkerrecht, das das Recht des Stärkeren absegnet, schaffen. In diesem Sinne hat die Parole "Kein Blut für Öl!" ihre Berechtigung.

Dennoch gibt es für uns noch eine andere Sicht auf den Irakkonflikt. Diese speist sich u.a. aus folgenden Quellen: Einige kurdische Gründungsmitglieder unseres Vereins haben selbst unter der Repression des Baath-Regimes leiden müssen und standen Jahre im aktiven Widerstand. Viele Mitglieder haben seit 1991 in humanitären Hilfsprojekten im Nordirak gearbeitet und sich seither kontinuierlich mit den Problemen der Region beschäftigt. Unser Verein gründete sich, als die internationale Gemeinschaft das Interesse an dem Irak verlor und die meisten Hilfsorganisationen das Land verliessen. Wir sahen unsere Aufgabe gerade in dieser Situation darin, den Entwicklungsprozeß im Nordirak - die anderen Landesteile blieben uns verschlossen- kritisch-solidarisch zu begleiten. Wir haben selbst die fast vollständige Zerstörung der ländlichen kurdischen Gebiete gesehen, nachdem durch das irakische Regime Tausende Dörfer und etliche Kleinstädte dem Boden gleichgemacht wurden. Immer wieder wurden wir während unserer Arbeit mit den Opfern der Anfal-Operationen konfrontiert. Jenen in Europa wenig rezipierten Vernichtungsoperationen gegen die kurdische Landbevölkerung, die 1988 mit einer an die Shoah erinnernden Systematik durchgeführt wurden. Bis zu 182.000 Menschen sind seither spurlos verschwunden. Bis heute warten ihre Angehörigen auf eine Nachricht.
Wir haben in den Jahren nach 1991 ständig gespürt, wie real in der Bevölkerung Nordiraks die Angst vor der Wiederkehr des Baath-Regimes in Irakisch-Kurdistan ist. Dies auch, obwohl die großen Hoffnungen auf einen demokratischen Frühling rasch verflogen und letztlich sogar vor wenigen Jahren in einem Krieg zwischen den kurdischen Parteien mündeten. Eine Entwicklung, die durch die fehlende internationale Unterstützung begünstigt wurde.

Wir halten die häufig gehörte Aussage, Saddam Hussein sei ein Diktator unter vielen anderen in der Region für verharmlosend. Dieses Argument wird oft in der Hoffnung vorgetragen, damit eine plausible Antikriegsargumentation entwickeln zu können. Dabei wird vollkommen übersehen, daß das Baath-Regime zur Aufrechterhaltung seiner Macht seit 34 Jahren einen ständigen Krieg im Innern oder mit seinen Nachbarstaaten benötigt. Totalitäre Elemente, wie von Kanan Makya eindrucksvoll beschrieben, beherrschen den irakischen Alltag wie in keinem anderen Land der Region. Kein anderes Regime der Welt hat einen Giftgaskrieg gegen die eigene Zivilbevölkerung geführt, wie während der Anfal-Operationen und dem Angriff auf Halabja 1988 geschehen.
Einige meinen, diesem Regime sogar etwas fortschrittliches abgewinnen zu können, habe es doch die Alphabetisierung vorangetrieben und ein vorbildliches Gesundheitswesen aufgebaut. Einer Ölrenten-Despotie dürfte dies auch nicht besonders schwer fallen, zumal sie in den ersten Regierungsjahren von einer starken kommunistischen Opposition bedrängt wurde.
Wer sich die Mühe macht, das Programm der Baath-Partei zu lesen, wird nicht nur rassistische gegen Israel gerichtete Argumentationsmuster feststellen, sondern auch sehen, wie traditionelle Denkschemata arabischer Rassisten gegen Beduinen bedient werden. Terror und Gewalt sind konstitutionelle Bestandteile der baathistischen Ideologie und Praxis.
Wir lehnen die Praxis der von der US-Regierung durchgesetzten Sanktionspolitik gegenüber dem Irak als gegen die irakische Zivilbevölkerung gerichtet ab. Dies betrifft nicht nur die ökonomischen Sanktionen sondern auch das Kultur- und Kommunikationsembargo, das zu einer vollständigen Abschottung des Zentral- und Südiraks führte. Dies schränkte den schon geringen Spielraum für die oppositionellen Kräfte noch mehr ein. Für die ökonomische und kulturelle Verelendung großer Teile der irakischen Bevölkerung sind allerdings nicht nur externe Faktoren verantwortlich zu machen. Hat doch das Baath-Regime seinerseits Blockaden gegen Landesteile verhängt, die von der Opposition beherrscht wurden. Das 1997 in Kraft getretene "oil for food" Abkommen zwischen dem Irak und der UN hat das Leid der Zivilbevölkerung - wenn auch vollkommen unzureichend - gelindert. Dies wurde von dem Regime seit 1991 blockiert.

Hans Magnus Enzensberger hat 1991 im Spiegel zur Rechtfertigung des damaligen Krieges Saddam Hussein als Widergänger Hitlers bezeichnet. Dies ist natürlich absurd und vollständig ahistorisch gedacht. Dennoch steht fest, dass es in dieser Region mit diesem Regime keinen Frieden geben kann.

Wir finden es allerdings beschämend, dass auf Veranstaltungen der Friedensbewegung Vertreter dieses Regimes oder seine Apologeten auftreten können, während das Gespräch mit der irakischen Opposition eher gemieden wird.
Wer glaubt, in dem von der Zentralregierung beherrschten Teil des Iraks auch nur ansatzweise mit irgendjemanden frei diskutieren zu können, hat nichts von dem Charakter des Regimes verstanden. Man muss sich dann schon genau überlegen, ob man zu Friedenskongressen oder -festivals nach Bagdad fährt.

Viele unserer kurdischen FreundInnen hoffen, daß sich nach dem drohenden Krieg ihre Lage grundlegend ändert. Sie erwarten nach den Jahren der Unterdrückung und Vernichtung und der gesellschaftlichen Perspektivlosigkeit im letzten Jahrzehnt, dass der Krieg das Baath-Regime beseitigt, einen raschen Demokratisierungsprozess einleitet und die tiefen, durch das Baath-Regime hervorgerufenen, gesellschaftlichen Traumata und Verwerfungen überwindet. Dabei lassen die uns fast täglich erreichenden Anrufe und emails die zunehmend aufkommende Angst fast hautnah spüren. Befürchtet wird insbesondere, dass das Regime sich in seinen letzten Tagen noch einmal an der kurdischen Bevölkerung und anderen Oppositionellen rächt. Aus den persönlich-biographischen Erfahrungen vieler unserer FreundInnen können wir eine den Krieg bejahende Argumentation sehr wohl nachvollziehen und verstehen. Wir teilen diese Haltung nicht. Wir nehmen sie aber zur Kenntnis und wünschen uns in Europa eine Diskussion gegen den Krieg, die die unterschiedlichen Interessen und Erfahrungen der Menschen in den einzelnen Landesteilen des Iraks wahrnimmt und sie nicht aus Sehnsucht nach klaren Positionen und glatten Argumenten einfach negiert.

Auch wir befürchten, dass jene Hoffnungen der irakischen Bevölkerung auf Freiheit und Frieden auch diesmal wieder für Großmachtinteressen instrumentalisiert werden können. Mutter Courage wird auch in diesem Krieg nichts zu gewinnen haben.
Wie wenig es in diesem Kalkül um die irakische Bevölkerung geht, zeigt u.a. die Weigerung der amerikanischen Regierung, Gasmasken an die Bevölkerung im Nordirak auszuteilen. Die Bundesregierung hat eine entsprechende Anfrage bisher nicht beantwortet.

Trotz mancher unterschiedlicher Einschätzung ist für uns auf der politischen Ebene Bezugspunkt für eine Diskussion die demokratische Opposition im Irak. Wohl wissend wie zersplittert und zerstritten sie ist und welche katastrophalen Fehler sie in der Vergangenheit machte. Nun zeigt die Entwicklung in Irakisch-Kurdistan nach der Beendigung des internen Krieges aber auch, welche gesellschaftlichen Freiräume trotz allem geschaffen werden konnten. Beispielsweise ist die Medienlandschaft in Irakisch-Kurdistan eine der vielfältigsten im ganzen Mittleren Osten.
Wir erwarten, daß sich die Friedensbewegung jetzt auf jene Kräfte bezieht, die sich politisch für Partizipation und Emanzipation einsetzen. Eine Haltung, die besagt, erst gilt es den Krieg zu verhindern und dann schauen wir weiter, verfängt nicht mehr. In den letzten Jahren hat sich in Europa kaum jemand - auch in der Friedensbewegung nicht - für die innerirakische Entwicklung interessiert.
Wir laden alle aus der Friedensbewegung zu einem Dialog über politische Lösungen des Konfliktes ein.

Berlin/Frankfurt, den 21.01.2003

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"Wir leben ständig unter Druck" - Kurdische Frauen in Vorkriegszeiten

Interview mit Aria Mohammed, Sportlehrerin im Bildungs- und Begegnungszentrum für Frauen KHANZAD in Sulaimania; Januar 2003

Frage:
Aria, Du als kurdische Frau, die auch hier lebt wie siehst Du die Situation der Frauen in Kurdistan?

Aria:
In Kurdistan herrscht großer Druck, Druck von aussen und von innen, der sich auch als Druck
auf unsere Frauen auswirkt. Der Krieg, die innere und äußere Bedrohung, das alles hat große Auswirkungen auf die Frauen. Kurdische Frauen haben in der Vergangenheit viel gelitten und stehen auch jetzt unter großen Belastungen.

Frage:
Aria, viele Frauen kommen täglich ins Frauenzentrum KHANZAD. Wie weit könnt Ihr Frauen motivieren in der Gesellschaft aktiv zu werden, welchen Einfluss habt Ihr auf die Frauen.

Aria:
KHANZAD ist ein Zentrum für Frauen, das inzwischen wirklich einen eigenständigen Platz hat und eine wichtige Rolle spielt. Das ist nicht nur für uns so, die wir hier arbeiten, sondern auch für die vielen Frauen, die hier herkommen, denn KHANZAD war der erste Ort, der nur für Frauen geöffnet ist. In unserem Kurdistan ist es der einzige Ort, an dem Frauen ganz gelassen zusammenkommen können.
Für viele ist es auch der einzige Ort an dem ihre Familien ihnen erlauben hinzugehen. Es gibt in unserer Gesellschaft eine Reihe Beschränkungen für Frauen. So sind einige Familien nicht einverstanden, dass ihre Frauen und Töchter an Orte gehen, wo auch Männer arbeiten. Schon deshalb kommt KHANZAD eine wichtige Rolle zu.
Hier wird auch konkrete Unterstützung für Frauen angeboten. Es gibt viele Fortbildungskurse, Sport, Computer, Sprachen, Alphabetisierung, Nähkurse. Wir haben viele Kurse, die den Frauen nutzen. Es ist wichtig, dass sie rauskommen. Auch abgesehen von den Kursen treffen sich hier Frauen, diskutieren untereinander, tauschen ihre Gedanken aus. Das ist sehr wichtig.

Frage:
Du hast gesagt, für Dich ist es wichtig, dass KHANZAD ein Ort nur für Frauen ist ...

Aria:
Ja, ganz sicher ...

Frage:
So wird KHANZAD auch von aussen gesehen, als Zentrum nur für Frauen. Werdet ihr an diesem Grundprinzip auch in Zukunft festhalten können? Wird es ein Ort nur für Frauen bleiben? Oder wird sich KHANZAD im Laufe der Zeit auch ändern und öffnen müssen? Würdet Ihr es gut finden, wenn KHANZAD sich öffnet und auch Männer zugelassen werden?

Aria:
Nein das finden wir nicht gut. Nicht weil wir rückschrittlich sind oder nicht den Austausch mit den Männern wollen.
Aber es gibt so viele Orte bei uns, die Männern vorbehalten sind. Wir finden es gut, dass es auch einen Ort nur für Frauen gibt, wo wir frei sind und uns nach unserem Herzen bewegen können, reden können, wie und wonach uns ist.
Die meisten Frauen kommen eben deshalb hier hin, weil dies ein Ort für Frauen ist. Wenn hier auch Männer wären, würden viele Frauen nicht mehr kommen. Und bei vielen Frauen sind die Angehörigen eben auch nur deshalb einverstanden, weil es ein Platz nur für Frauen ist.
Weisst Du, so war das ja auch, als KHANZAD eröffnet wurde, eben weil wir wissen, dass es viele Mädchen und Frauen gibt, denen ihre Familien nicht erlauben, rauszugehen. Genau diesen Frauen wollten wir ermöglichen rauszukommen. Wenn ihre Angehörigen wissen da und dort könnten auch Männer sein, lassen sie es nicht zu, dass sie KHANZAD besuchen. Oder besser gesagt, die Gesellschaft erlaubt das nicht.
Aber bei KHANZAD ist das nicht so. Hier kommen auch diese Frauen hin, fühlen sich wohl, nehmen an Kursen teil, an der Fahrschule, an Sprachkursen. Sie lernen vieles, kommen auf neue Gedanken.
Manche kommen zu Ausstellungen und Seminaren. Das ist ganz wichtig. Wenn hier auch Männer wären, würde das alles so nicht gehen.

Frage:
Aria, Du hast anfangs gesagt, auch die politische Situation hat Einfluss auf die Frauen. Was denkst Du zur aktuellen Situation, wie wird sich der mögliche Krieg auf die Frauen auswirken?

Aria:
Krieg ist immer negativ, ein Verlust. Wir kennen das als Kurdinnen schon. Als die Baath-Regierung die Anfal-Operationen durchgeführt hat, sind viele Männer verschwunden - auch Frauen, aber vor allem Männer. Was heisst das für die Frauen? Alle Last, alle Probleme lasten auf ihren Schultern.
Wir haben hier viele Mitarbeiterinnen, deren Männer aus wirtschaftlicher Not ins Ausland gegangen sind. Oder sie sind bei den bewaffneten Verbänden. Diese Frauen haben große Probleme. Manche haben 5-6 Kinder und wenn es hoch kommt, kommen die Männer alle paar Wochen nach Hause ...
Wenn es zum Krieg kommt in Kurdistan, hat das große Auswirkungen auf die Frauen. Auch für die Kinder. Wenn es Krieg gibt, wer kann dann dem Baath-Regime trauen? Wir trauen ihm nicht. Kein bisschen. Das Baath-Regime hat die Anfal-Operationen gemacht, hat Chemiewaffen gegen uns eingesetzt. Was hat es uns Kurden alles angetan! Bis heute wissen wir nicht, ob es zu einem Krieg kommt. Wird es einen Angriff geben? Was wird sein? Das ist eine schreckliche Situation. Alle Leute haben Angst.

Frage:
Du hast beschrieben, wie viel Ihr schon unter der Baath-Regierung gelitten habt. Ihr seid für den Zusammenbruch des Baath-Regimes, aber nicht in dieser Weise?

Aria:
Genau, wir sind nicht für den Krieg.
Wir möchten gerne den Zusammenbruch der Baath-Regierung sehen, wir möchten auch eine unabhängige Regierung. Wir möchten wissen, was mit unseren Angehörigen, die verschwunden sind - von denen wir nicht wissen, an welchen Orten sie sich befinden - was mit ihnen geschehen ist. Wir wollen, dass das alles aufhört... Das finden wir gut. Aber wir wollen nicht im Krieg leben.

Kontakt

Haukari e.V.

Falkstr. 34
60487 Frankfurt/M., Germany

Telefon: +49 (0) 6970760278
E-mail : info@haukari.de

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