Die Anfal-Operationen

 

Die Spuren der Gewalt

Während der 30jährigen Herrschaft des Baath-Regimes im Irak haben Irakerinnen und Iraker aus allen Regionen und allen ethnischen und religiösen Gruppen des Landes Krieg, Vertreibung und Terror erlebt, wurden inhaftiert und gefoltert und haben Angehörige verloren. In der kurdischen Region des Irak gipfelten Verfolgung und Terror gegen die kurdische Bevölkerung 1988 im Giftgasangriff auf die kurdische Stadt Halabja und den so genannten Anfal-Operationen im selben Jahr.

      

Karte der Anfal Operation,                                                                                       Dorf in der Germian Region

 

Die Anfal-Operationen 1988

 „Anfal“ ist der Name einer Koransure und diente dem irakischen Baath-Regime als Codewort für eine groß angelegte Militäroperation gegen acht vor allem ländliche Gebiete im kurdischen Norden, in denen der kurdische Widerstand aktiv war. Die Anfal-Operationen waren von langer Hand geplant und wurden vom Regime selbst dokumentiert und öffentlich legitimiert als Bestrafungsaktion für die Kollaboration kurdischer Widerstandskämpfer mit dem damaligen Kriegsgegner Iran. In wenigen Monaten wurden Tausende kurdischer Dörfer zerstört. Die Bevölkerung wurde zusammengetrieben; Männer zwischen 15 und 60 Jahren und viele junge Frauen wurden von ihren Familien getrennt, verschleppt und ermordet. Ihre Zahl wird auf weit über 100.000 (von kurdischen Quellen auf 182.000) geschätzt.

 

 

      

Giftgasangriff auf Halabja 1988,                                                                          Zerstörung eines Dorfes in der Germian-Region

 

Frauen mit Kindern und ältere Männer wurden aus den Anfal-Gebieten in Lager und Gefängnisse verbracht und über Monate gequält; in den berüchtigten Gefängnissen von Dibs und Nugra Salman starben täglich Dutzende, vor allem alte Menschen und Kinder an Hunger und Erschöpfung.

Im Gefängnis von Nugra Salman verscharrten irakische Soldaten die Körper von Kindern, die in den Armen ihrer Mütter gestorben waren, außerhalb der Gefängnismauern im Sand; nachts wurden sie von wilden Hunden zerrissen. Bis heute fassen viele Überlebende mit dem Satz „unsere Kinder wurden in Nugra Salman von schwarzen Hunden gefressen“ die während Anfal erlittenen Grausamkeiten zusammen.

Nach einer „Amnestie“ im Herbst 1988 wurden die Überlebenden in Umsiedlungslagern angesiedelt: riesigen befestigten Lagerstädten, in denen sie bis 1991 unter direkter Kontrolle des irakischen Militärs lebten. Allein im ehemaligen Umsiedlungslager Sumud in der Germian-Region lebten nach Anfal 70.000 Menschen.

 

Über-Leben nach Anfal

Nachdem die kurdische Region 1991 provisorische Autonomie erlangte, begann der Wiederaufbau der während der Anfal-Operationen zerstörten Dörfer. Viele Familien kehrten in die aufgebauten Dörfer zurück und nahmen die landwirtschaftliche Produktion wieder auf. Vor allem alleinstehende Frauen mit Kindern aber lehnten die Rückkehr in ihre Dörfer ab. Sie wollten nicht zurück an die Orte des Schreckens, wo sie kein Anrecht auf das Land ihrer verschwundenen männlichen Angehörigen hatten und weder männliche Arbeitskraft noch Schutz erwarten konnten. Sie verblieben in den Umsiedlungslagern.

Das ehemalige Umsiedlungslager Sumud (1995)

 

Das ehemalige Umsiedlungslager Sumud ist heute eine lagerähnliche Stadt oder ein stadtähnliches Lager in unmittelbarer Nähe der Provinzhauptstadt Kalar im Südosten der kurdisch verwalteten Region, die inzwischen in Rizgary (kurdisch: Befreiung) umbenannt wurde. Ein Großteil der ca. 30 000 EinwohnerInnen von Sumud/Rizgary sind Anfal überlebende Frauen und ihre Kinder und Enkelkinder.

 

Das Schicksal Anfal überlebender Frauen

Die Menschen, welche im ehemaligen Umsiedlungslager Sumud ausharrten, lebten lange Zeit unter elenden Bedingungen. 15 Jahre lang verharrten sie in Ungewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen, in ökonomischen Notsituationen, ohne Zugang zu Bildung und sozialen Diensten.

Insbesondere Anfal überlebende Frauen wurden durch ihren unklaren rechtlichen und sozialen Status und ein patriarchales und traditionelles Umfeld an der Entwicklung neuer Perspektiven gehindert. Die Anfal-Operationen in Kurdistan-Irak haben die gesamte ökonomische und soziale Struktur der betroffenen ländlichen Gebiete zerstört. Die überlebenden Frauen konnten nicht auf die Unterstützung anderer Familienmitglieder zurückgreifen und lebten in der Folge meist allein mit ihren Kindern in ökonomischen Notsituationen, bestimmt vom täglichen Kampf um das Überleben. Die meisten von ihnen sind Analphabetinnen und arbeiteten als Tagelöhnerinnen oder Schmugglerinnen an der kurdisch-irakischen Frontlinie.

Ihr sozialer Bewegungsspielraum war zudem eingeschränkt durch den Sitten- und Moralkodex und die Geschlechterrollen der patriarchalen und traditionellen kurdischen ländlichen Gesellschaft. Ein Lebensentwurf für Frauen ohne männliche Versorgung und Schutz ist hier nicht vorgesehen, so dass der soziale Status Anfal überlebender Frauen unklar war. Sie waren alleinstehend, aber keine Witwen. Sie mussten die Ehre der verschwundenen Männer wahren, aber gleichzeitig für ihren Lebensunterhalt sorgen. Gingen sie arbeiten, wurden sie schnell der Prostitution verdächtigt.

          

Ehemaliges Umsiedlungslager Sumud, heute Rizgary 

 

Die in den Gefängnissen erlittene oder auch nur vermutete sexuelle Gewalt haftete ihnen als Stigma an. Die ihnen sozial zugewiesene Rolle der wartenden und trauernden Frauen verstärkte und verlängerte ihren innerpsychischen Wartezustand. Anfal überlebende Frauen wurden über die Abwesenheit ihrer Männer definiert, ihre eigenen Gewalterfahrungen traten über die internalisierte soziale Rollenzuweisung in den Hintergrund.

 

Einen Einblick in Prostitution und Frauenhandel in Kurdistan bietet die Untersuchung „An Ocean of Crimes“ von der Forschergruppe Khanzad Culture and Social Organization. Die Studie kann sowohl auf Sorani als auch auf Englisch (als pdf) bei uns bestellt werden.

 

Das Ende des Baath-Regimes: Gewissheit über die Verschwundenen

Bis 2003 war ihre Hoffnung und Perspektive wider alle Wahrscheinlichkeit fest auf die Rückkehr ihrer verschwundenen Angehörigen gerichtet. Erst nach dem Sturz des Baath-Regimes 2003 änderte sich ihre Situation. Mit dem Fund von 300 Massengräbern im Irak erhielten sie die Gewissheit, dass ihre Angehörigen ermordet wurden. Bislang wurde aber nur ein Bruchteil der Gräber geöffnet und es fehlt eine klare Identifizierung der einzelnen Opfer. Die Hauptverantwortlichen für Anfal, Saddam Hussein und Ali Hassan Al Majid wurden vom Obersten Irakischen Gerichtshof verurteilt und hingerichtet.

       

Ausgrabungen in Halabja,                                                                                         Gräber in Halabja

 

Die politische Stabilisierung und der ökonomische Aufschwung in der kurdischen Region nach 2003  haben die Lebenssituationen und die psychosoziale Situation der Anfal-Überlebenden verbessert. Die kurdische Regionalregierung gewährte ihnen Renten und Häuser und investierte in die Infrastruktur der Anfal-Regionen. Zusammen mit der inzwischen herangewachsenen nächsten Generation bauen Anfal-Überlebende ihre Dörfer und Städte und sozialen Strukturen wieder auf.

Als ein gelungenes Beispiel hierfür, kann die Transformation Sumuds genannt werden. Das ehemalige Lager Sumud ist heute eine lebendige Stadt: Rizgary. Anfal-Überlebende formten den Ort, welcher anfänglich den Inbegriff erlittener Gewalt und ihres Verlustes darstellte, in einen Ort der sozialen Rekonstruktion. Die räumliche Transformation spiegelt den kollektiven sowie individuellen sozialen und psychischen Genesungsprozess Anfal-Überlebender wider.

Angesichts des sozialen Wiederaufbaus reden die Frauen heute offen über ihre Erlebnisse und erlittene Unrechtserfahrungen. Auch bislang tabuisierte Themen, wie Erlebnisse sexueller Gewalt, werden offen kommuniziert sowie Forderungen formuliert. Sie fordern Gerechtigkeit und Aufklärung und bestehen auf die konsequente Öffnung der MassengräberHier werden sie unterstützt von einer seit Ende der 90er Jahre erstarkenden Frauenrechtsbewegung in Kurdistan Irak, die das Thema Gewalt gegen Frauen enttabuisiert und in die öffentliche Diskussion gebracht hat. Teil davon ist das Frauenzentrum KHANZAD, das 1996 von kurdischen Frauen in Zusammenarbeit mit Haukari e.V. in Sulaimania gegründet wurde.

 

Hier finden Sie mehr Informationen zum Frauenzentrum KHANZAD 

In „Appropriating and Transforming a Space of Violence and Destruction into one of Social Reconstruction: Survivors of the Anfal Campaign (1988) in the Collective Towns of Kurdistan“ betrachtet Karin Mlodoch aus psychologischer Perspektive die Verflechtung räumlicher Transformation mit sozialen und psychischen Verarbeitungsprozessen. Weiter Information finden Sie unter der Rubrik Publikationen.

Das Buch „Limits of Trauma Discourse. Women Anfal Survivors of Kurdistan-Iraq” von Karin Mlodoch dokumentiert den langen Weg Anfal überlebender Frauen von Opfern zu Überlebenden. Die Untersuchung beleuchtet die psychologische Situation und Bewältigungsstrategien der Anfal-Frauen über 20 Jahre hinweg.

Mehr Informationen finden Sie hier.

Den Link zur Bestellung finden Sie hier.

 

Internationaler und nationaler Diskurs über Anfal

Die Anfal-Operationen waren eines der größten Menschheitsverbrechen nach dem 2. Weltkrieg. Während die Bilder der Giftgasopfer in Halabja auch international zu großer Empörung führten, sind die Anfal-Operationen bis heute einer breiteren internationalen Öffentlichkeit kaum bekannt.

Auf der nationalen Ebene besteht Uneinigkeit im Umgang mit dem Diskurs über Anfal. Die veränderten Narrative der Anfal überlebenden Frauen stehen zunehmend in Konflikt mit dem dominanten Diskurs über Anfal in der kurdischen Gesellschaft. Für kurdische Parteien und die Regierung sind der Giftgasangriff auf Halabja und die Anfal-Operationen das „nationale Trauma“ und zentral für die Legitimation ihrer Forderungen nach Autonomie und Machbeteiligung auf nationaler irakischer Ebene und in Bezug auf internationale Schutzgarantien.

Anfal überlebende Frauen erscheinen in diesem Diskurs als hilfslose Opfer und nationale Symbole für Trauer und Leid. Das spiegelt auf der einen Seite den dominanten patriarchalen Diskurs der politischen Führung in Kurdistan wider, auf der anderen Seite die Abwehr der Erinnerungen von Überlebenden an die Rolle der kurdischen Kollaborateure, die 1991 amnestiert wurden und heute zum Teil Positionen in der kurdischen regionalen Politik und Wirtschaft innehaben.

Ein Schauplatz dieser konfliktiven Diskurse ist die Debatte um das öffentliche Gedenken an die Ereignisse. Während offizielle Gedenkzeremonien – wie zum Beispiel zum Jahrestag von Anfal am 14. April – meist in den städtischen Zentren stattfinden und die kurdische Regierung dort nationale Mahnmale und Museen plant, fordern Anfal-Überlebende Erinnerungsstätten an den konkret betroffenen Orten. 2006 brannten DemonstrantInnen in Halabja während einer offiziellen Gedenkfeier an die Giftgasopfer 1988 mit internationalen Gästen einen Teil des dortigen Mahnmals nieder. Sie erhoben Anspruch auf Unterstützung

beim Wiederaufbau ihrer Stadt anstelle großer monumentaler Gesten. Ferner war die Beisetzung von (nicht individuell identifizierten) Anfal-Opfern aus einem Massengrab in Najaf in Sumud/Rizgary im April 2009 begleitet von Protesten Anfal-Überlebender gegen die Abwesenheit führender kurdischer Politiker und von der Forderung nach Bestrafung kurdischer Kollaborateure.

 

Das Projekt „Erinnerungsforum für Anfal überlebende Frauen“

Auch das Projekt „Erinnerungsforum für Anfal überlebende Frauen“ entstand vor dem Hintergrund der Empörung der Frauen über ein in ihrem Ort ohne Abstimmung mit ihnen errichtetes Denkmal in Form eines traditionellen Schafhirten-Gewands. Die Frauen wiesen eine Darstellung als Schafhirten zurück und forderten die Repräsentation ihrer konkreten Erfahrung einschließlich ihrer Stärken und ihres Beitrags zum kurdischen Widerstand.

                                   

Anfal Denkmal "Hirte" in Rizgary                                                                   Entwurf "Erinnerungsforum für Anfal überlebende Frauen"

 

 

Anfal überlebende Frauen werden sich zunehmend ihrer Stärken und Ressourcen bewusst. Durch die Notsituationen der letzten Jahre und gegen alle sozialen Widerstände haben sie untereinander starke informelle Netzwerke geschaffen, sich gegenseitig unterstützt und gegen sozialen Druck und Sanktionen verteidigt. Sie sind stolz darauf, dass sie ihre Kinder ohne Unterstützung groß gezogen haben und viele heute im Berufsleben stehen oder an Universitäten studieren. Mit Verweis auf ihren Beitrag zum kurdischen Widerstand artikulieren die Frauen heute ihre Forderungen und engagieren sich aktiv in der Debatte um die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und öffentlichen Gestaltung von Erinnerung.

Das „Erinnerungsforum für Anfal überlebende Frauen“ stellt einen für sie bestimmen Ort der Erinnerung dar, den die Frauen selbstbestimmt gestalten und nutzen können.

Mehr Informationen zum Projekt „Erinnerungsforum für Anfal überlebende Frauen“ finden Sie hier.

 

Forderungen der Anfal-Opfer

Die Anfal-Überlebenden leiden bis heute unter den langanhaltenden Folgen der traumatischen Gewalterfahrungen. Überall in den von Anfal betroffenen Regionen sind die Spuren von Vertreibung, Zerstörung und Tod sichtbar. Nach wie vor quält die Überlebenden die Ungewissheit über das individuelle Schicksal der Anfal-Opfer.

Von der kurdischen Regionalregierung, der irakischen Regierung und der internationalen Öffentlichkeit fordern sie:

  • die schnelle Rückführung und Identifizierung der Toten aus den Massengräbern
  • die gerichtliche Verfolgung und Bestrafung weiterer Täter inkl. der an Anfal beteiligten kurdischen Kollaborateure
  • Entschädigungen
  • gesellschaftliche und politische Anerkennung ihrer spezifischen Gewalterfahrung
  • internationale Anerkennung von Anfal als Genozid

 

Kontakt

Haukari e.V.

Falkstr. 34
60487 Frankfurt/M., Germany

Telefon: +49 (0) 6970760278
E-mail : info@haukari.de

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