Erinnerungsforum für Anfal überlebende Frauen, Sumud/Rizgari, Kurdistan-Irak

Die Anfal-Operationen 1988 und das Über-Leben nach Anfal

 

Unter dem Codewort „Anfal“ zerstörte das irakische Regime 1988 Tausende von Dörfern im kurdischen Norden des Irak. Die Bevölkerung wurde zusammengetrieben, mehr als 100.000 Männer und junge Frauen wurden verschleppt und getötet – ihr individuelles Schicksal ist bis heute ungeklärt. Ältere Menschen und Frauen mit Kindern wurden über Monate inhaftiert und später in Umsiedlungslager unter militärischer Kontrolle verbracht.
Auch nach der de-facto-Autonomie der kurdischen Region 1991 verharrten viele Anfal-Überlebende, darunter eine große Zahl allein stehender Frauen mit Kindern, in den Lagern und verbrachten viele Jahre in Ungewissheit und provisorischen Lebenssituationen. Ihr Leid nach Gewalt und Verlust wurde verstärkt durch ökonomische Not und einen unklaren rechtlichen und sozialen Status in einem patriarchalen und traditionellen Umfeld, das keinen Lebensentwurf für Frauen ohne Männer vorsieht und sie an der Entwicklung neuer Perspektiven hinderte.

BeerdigungszeremonieBeerdigungszeremonie für 187 Anfal Opfer aus einem Massengrab in Najaf, Sumud/Rizgari


Seit dem Sturz des Ba`ath-Regimes 2003 hat sich ihre ökonomische Situation verbessert: Sie erhielten Häuser und Pensionen von der Kurdischen Regionalregierung. Die Hauptverantwortlichen für Anfal wurden vor dem Obersten Irakischen Gerichtshof verurteilt und hingerichtet. Nach wie vor aber sind nur wenige der mehr als 300 Massengräber im Irak geöffnet worden und finden Anfal-Überlebende keinen Abschluss für ihre Trauer. Sie fordern die schnelle Öffnung der Massengräber, die konsequente Bestrafung aller Täter und Mittäter, Entschädigungen und die gesellschaftliche und politische Anerkennung ihrer spezifischen Erfahrung während und nach Anfal.


Das Erbe des Ba`ath-Regimes

Die anhaltende Gewalt im Irak und die zunehmende Fragmentierung der irakischen Gesellschaft entlang ethnisch-nationaler und religiöser Trennungslinien verzögern und behindern einen Prozess gesellschaftlicher Aufarbeitung der Vergangenheit auf regionaler und nationaler Ebene. Für alle politischen und ethnisch-nationalen Fraktionen im Irak spielen vergangene und aktuell erlittene Gewalt eine große Rolle bei der Legitimation nationaler Machtansprüche. Häufig werden dabei die Opfer gegeneinander ausgespielt, instrumentalisiert und unzureichend unterstützt.

Frauen in SumusFrauen in Sumud/Rizgari


Überlebende von Gewalt und Angehörige Ermordeter und Verschwundener im gesamten Irak fühlen sich zunehmend marginalisiert und vom aktuellen politischen Prozess ausgeschlossen. Die ausbleibende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit vertieft die bestehenden Konflikte im Irak.


Das Projekt Erinnerungsforum für Anfal überlebende Frauen

Mit dem Projekt Erinnerungsforum Anfal haben Anfal überlebende Frauen in dem ehemaligen Umsiedlungslager Sumud (heute Rizgari) im Südosten der kurdischen Region begonnen, sich aktiv in die öffentliche Debatte um die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und die Gestaltung von Erinnerung einzubringen. Ihr Ziel ist eine selbst verwaltete und gestaltete Gedenk- und Begegnungsstätte. Sie wollen einen Ort schaffen, der ihre Erfahrung während und nach Anfal, ihr Leid, aber auch ihre Stärken repräsentiert und ihnen Ort der Trauer, des Austausches und des symbolischen Abschlusses sein kann. Hier wollen sie die Erinnerung an ihre verschwundenen Angehörigen durch Ausstellungen von Erinnerungsstücken, Dokumenten und Fotos lebendig halten und an zukünftige Generationen weitergeben. Das Forum soll Dialogräume eröffnen für die Auseinandersetzung mit anderen gesellschaftlichen Gruppen in Kurdistan und im gesamten Irak. Die Erinnerungsstätte soll von der Kurdischen Regierung erbaut werden, Anfal überlebende Frauen sollen eine Schlüsselrolle in der Verwaltung übernehmen.
Inzwischen engagieren sich mehr als 100 Anfal überlebende Frauen in Sumud/Rizgari in der Initiative für das Erinnerungsforum. Sie diskutieren Gestaltungsentwürfe mit KünstlerInnen und ArchitektInnen und verhandeln mit der kurdischen Regionalregierung über die bauliche Umsetzung der Erinnerungsstätte. In zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen konnten sie auch unter Männern und Jugendlichen der Region breite Unterstützung für das Projekt gewinnen.
Die Stadtverwaltung von Rizgari hat einen Bauplatz zur Verfügung gestellt. Das Ministerium für Märtyrer und Anfal der Kurdischen Regionalregierung hat den Bau der Gedenkstätte für 2011 zugesagt.
2008 und 2009 kamen Anfal überlebende Frauen und weitere Projektbeteiligte nach Deutschland, besuchten Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer des Holocaust und diskutierten mit hiesigen KünstlerInnen und VertreterInnen von Museen und Erinnerungsorten, die das Projekt über einen Förderkreis weiterhin begleiten.
Gemeinsam mit deutschen BeraterInnen entwickeln kurdische KünstlerInnen und Anfal-Überlebende Gestaltungsmöglichkeiten für das Gedenkstättengebäude und ein zentrales figürliches Denkmal in Form einer Mutter-Kind-Gruppe sowie Ausstellungskonzeptionen.
Seit Mai 2010 fotografieren lokale KünstlerInnen Anfal-Überlebende mit Fotos und Erinnerungsstücken ihrer verschwundenen Angehörigen. 3000 dieser Porträtfotos sollen später auf einer Glaswand den Eingang zu der Gedenkstätte bilden und so die Erinnerung an die Verschwundenen, die Überlebenden und die Dimension der Anfal-Verbrechen wach halten.
Mit der Initiative für ein Erinnerungsforum machen Anfal überlebende Frauen einen Schritt heraus aus dem langjährigen Wartezustand und zur gemeinsamen Bearbeitung ihrer Gewalt- und Verlusterfahrungen. Sie setzen dem in Kurdistan und im Irak vorherrschenden Diskurs über die Anfal-Frauen als passive Opfer und Symbole des Leids ihre eigenen Erinnerungen, Erzählungen und Stärken entgegen und engagieren sich aktiv in der Debatte um die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und öffentliche Gestaltung von Erinnerung.
Das Projekt leistet einen Beitrag zu einem gesellschaftlich verankerten Prozess der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit unter aktiver Beteiligung der Überlebenden und schafft so Voraussetzungen für einen Dialog mit anderen Opfergruppen sowie mit den nachfolgenden Generationen im Irak.
HAUKARI e.V. begleitet und unterstützt die beteiligten Frauen in dem Prozess der Entwicklung und Umsetzung des Erinnerungsforums in Kurdistan-Irak und in Deutschland.

Das Projekt Erinnerungsforum für Anfal überlebende Frauen wird vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) aus Mitteln des Auswärtigen Amtes gefördert.

Darüber hinaus freuen wir uns, wenn Sie das Erinnerungsforum mit Ihrer Spende unterstützen.

Flyer als pdf-Files:
Projektflyer in deutsch / english version

Kontakt

Haukari e.V.

Falkstr. 34
60487 Frankfurt/M., Germany

Telefon: +49 (0) 6970760278
E-mail : info@haukari.de

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